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10. April 2018 13:38; Akt: 10.04.2018 13:38 Print

«Facebook ist eine Seuche»

von B. Zanni - Bis zu 19 Stunden täglich und auch nachts online: Ein Suchtmediziner erklärt, weshalb die sozialen Medien Gift für das echte Leben sind.

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Am Tag verbringen die Süchtigen laut Suchtmediziner Kurosch Yazdi 18 bis 19 Stunden online. «Auch während der Hausaufgaben sind sie auf Facebook, Instagram, Twitter und Youtube aktiv. Und nachts stellen sie stündlich den Wecker, um die sozialen Medien zu checken.» «Facebook manipuliert unsere Psyche mit ständigen kleinen Belohnungen und verpasst uns so Kicks und Glücksgefühle», sagt Psychotherapeut Kurosch Yazdi. «Sie wieder zurück in das echte Leben zu bringen, ist eine besondere Herausforderung. Denn solange sie online sein können, ist für sie die Welt in Ordnung. Wir müssen ihnen beibringen, die Qualitäten des echten Lebens wieder zu entdecken.» Jesus Zuckerberg habe die Bibel neu erfunden und sie auf den Namen Facebook getauft, steht im Buch. «Steve ‹The Almighty› Jobs wiederum hat sich darauf spezialisiert, die Hardware zu liefern. Sozusagen die Gebetsbücher», steht im Buch zu einer Illustration, die Apple-Gründer Steve Jobs darstellt. «Viele Jugendliche sind zwar gleichzeitig auf vielen Kanälen aktiv wie Facebook, Instagram, Twitter und Youtube. Dabei sind sie aber einsam – sie sind in den sozialen Medien komplett gefangen.» «Manche junge Frauen leiden unter massiven sozialen Ängsten, weil sie in der Realität nicht dem entsprechen, was sie posten.» Unter anderem fordern die Autoren die Leser in ihrem «Facebook-Aufhörbuch» sogar dazu auf, zu erkennen, dass «diese Droge» den Menschen und ihrem Leben nicht guttue. «Ich habe natürlich nichts dagegen, wenn man Facebook in gesundem Masse nutzt. Aber das ist nicht einfach», sagt Kurosch Yazdi. Facebook manipuliere unsere Psyche mit ständigen kleinen Belohnungen und verpasse uns so Kicks und Glücksgefühle.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Herr Yazdi, haben Sie einen Facebook-Account?
Habe ich nicht und noch nie gehabt. Auch andere soziale Medien nutze ich nicht. Ich bin kein Mensch, der gerne viel online kommuniziert. E-Mails und SMS schreibe ich für kurze organisatorische Dinge. Um mit Menschen in Kontakt zu treten, sitze ich lieber im Café.

Umfrage
Könnten Sie sich vorstellen, aus den sozialen Medien auszusteigen?

Sie gehören demnach nicht zu den über zwei Milliarden Menschen weltweit, die 2017 Facebook nutzten. Gewissermassen existieren Sie nicht.
Nein, ganz im Gegenteil: Sehr wohl existiere ich! Meine eigentliche Existenz findet ja in der Familie und im engen Freundeskreis statt. Dort befindet sich das Rudel, das mir Sicherheit gibt und dem ich Sicherheit geben kann. Facebook diente ursprünglich dazu, dass man mit Menschen, die man sowieso kennt, zusätzlich in Kontakt bleiben kann. Auch sollte man sich mit Leuten austauschen können, die man aufgrund der Distanz nicht regelmässig sieht. Viele Jugendliche sind zwar gleichzeitig auf vielen Kanälen aktiv wie Facebook, Instagram, Snapchat, Twitter und Youtube. Dabei sind sie aber einsam – sie sind in den sozialen Medien komplett gefangen.

Welche Auswirkungen hat das?
Facebook und alle sozialen Medien sind eine Seuche. Seit acht Jahren behandeln wir am Kepler Universitätsklinikum in Linz jedes Jahr 30 Prozent mehr onlinesüchtige Jugendliche. Letztes Jahr registrierten wir 400 Patienten wegen Social-Media-Sucht. Besonders gravierend ist, dass die Patienten immer jünger werden. Als wir unsere Ambulanz 2010 eröffneten, waren die Patienten noch zwischen 20 und 25 Jahre alt. Mittlerweile melden sich aber schon Eltern von 9-Jährigen, die süchtig nach sozialen Medien sind. Vor allem junge Frauen sind davon betroffen. Männer sind eher süchtig nach Onlinegames.

Sind Sie zwischen 16 und 40 Jahre alt und im Internet nicht zu finden? Dann melden Sie sich bei uns und erzählen Sie uns davon:

Können diese Patienten noch zur Schule gehen oder arbeiten?
Nein. Gemeinsam ist ihnen, dass sie aus dem sozialen System gefallen sind. Da sie sich nur noch in der virtuellen Welt aufhalten, sind sie psychosozial nicht mehr funktionsfähig. Sie versagen in der Schule, gehen ihrer Ausbildung nicht mehr nach und haben keine echten Freunde mehr.

Wie verhalten sich Menschen, die süchtig nach Social Media sind?
Am Tag verbringen sie 18 bis 19 Stunden online. Auch während der Hausaufgaben sind sie auf Facebook, Instagram, Twitter und Youtube aktiv. Und nachts stellen sie stündlich den Wecker, um die sozialen Medien zu checken. Es geht ihnen nicht um den Inhalt. Stattdessen haben sie Angst, nicht erreichbar zu sein und etwas zu verpassen. Gleichzeitig trauen sich die Betroffenen aber fast nicht mehr aus dem Haus.

Warum?
Weil ihre virtuelle Erscheinung eine ganz andere ist als ihre echte. In ihren Profilen präsentieren sie sich als extrovertierte, abenteuerlustige und attraktive Personen. Es ist möglich, dass eine Jugendliche 95 Kilo wiegt, aber Fotos postet, auf denen sie spindeldürr erscheint. Manche junge Frauen leiden unter massiven sozialen Ängsten, weil sie in der Realität nicht dem entsprechen, was sie posten. Obwohl sie sich online wie Stars in Szene setzen, trauen sie sich zum Beispiel in der Gruppentherapie kaum, ein Wort zu sagen.

Wie behandeln Sie solche Menschen?
Sie wieder zurück in das echte Leben zu bringen, ist eine besondere Herausforderung. Denn solange sie online sein können, ist für sie die Welt in Ordnung. Wir müssen ihnen beibringen, die Qualitäten des echten Lebens wieder zu entdecken: einem Freund gegenübersitzen, einfach aus dem Fenster schauen, im Zug sitzen, ohne auf dem Handy herumzuspielen, tanzen gehen, sich verlieben. Wir müssen ihnen wieder beibringen, dass sie Beziehungswesen sind.

Sie haben ein «Facebook-Aufhörbuch» geschrieben. Unter anderem fordern Sie die Leser sogar dazu auf, zu erkennen, dass «diese Droge» den Menschen und ihrem Leben nicht guttue. Ist Aussteigen wirklich die Lösung?
Ich habe natürlich nichts dagegen, wenn man Facebook in gesundem Masse nutzt. Aber das ist nicht einfach. Facebook manipuliert unsere Psyche mit ständigen kleinen Belohnungen und verpasst uns so Kicks und Glücksgefühle.

Facebook soll die Daten von Millionen von Nutzern missbraucht haben. Trotz des Datenskandals wird wahrscheinlich niemand einfach aussteigen.
Ja. Facebook pflanzt uns auch bedrohliche Verlustängste ein. Diese machen es richtig schwer, auszusteigen. Viele solche soziale Netzwerke sind digitale Drogendealer. Dieser Industrie geht es nicht darum, der Menschheit zu helfen, leichter zu kommunizieren, wie es Mark Zuckerberg immer wieder propagiert.

Sondern?
Facebook lebt von Werbung und möglichst vielen Klicks – wie jedes andere Unternehmen auch. Das Netzwerk will uns online binden. Die User sollten auf keinen Fall nur kurz reinschauen, sondern immer viel mehr Zeit darauf verbringen, als sie vorhatten.

Löschen Ihre Patienten den Account nach der Behandlung?
Nicht alle. Sie nutzen die sozialen Medien aber dann zum Beispiel nur noch zu bestimmten Zeiten. Viele berichten, dass sich ihre Lebensqualität deutlich verbessert hat.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Ruedi am 10.04.2018 13:46 Report Diesen Beitrag melden

    ich werd das nie beurteilen können....

    denn ich hab kein Account und werde ganz sicher auch nie eins haben. ich sitze pro Tag 8 Stunden am PC, das genügt mir völlig....ich bin so froh, muss ich mich nicht auch noch privat mit dem Müll abgeben....das Leben ist viel zu kurz für den Mist.

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  • D. Paul am 10.04.2018 13:51 Report Diesen Beitrag melden

    Guter Beitrag

    Guter Beitrag auch wenn er am Verhalten der Süchtigen nichts ändert. Wer süchtig ist nach Anerkennung, wird sich diese immer holen wollen. Auch bei uns in der Firma sind vorallem die Jüngeren süchtig danach. Wir versuchen immer klar zu machen, dass sie ihren Job gefährden aber das ist denen völlig egal. Gefährlich für die Zukunft. Eine Lösung aber habe ich auch nicht.

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  • Tender Siron am 10.04.2018 13:46 Report Diesen Beitrag melden

    Erinnert mich..

    ..an den Film "Surrogates"

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Bri am 11.04.2018 14:16 Report Diesen Beitrag melden

    Es hat schwerere Probleme zum lösen!

    Sorry, aber es muss gesagt werden. Wir sind dumm geworden. Es hat Menschen denen ein riesen Drama für Pfand-PET tun. Die zurückquote sind befrieden, aber sind nicht zufrieden. Aber für schwere und wichtige Probleme wie diese hier, niemand sagt etwas. wir behnemen uns wie die Affen. Für mich ist das öl ist kein Problem. Die pestiziede , verschmutzung, luft, Kriege sind wahre Probleme.

  • Feline X am 11.04.2018 12:32 Report Diesen Beitrag melden

    Soziale Medien

    Ja dies ist wirklicb schlimm. Aber man muss auch sehen, dass soziale Medien sehr viel Vorteile bringen. Ist doch praktisch was man mit Facebook machen kann und wie man sich austauschen kann.

  • Trudy Müller am 11.04.2018 12:27 Report Diesen Beitrag melden

    Volksverdummung

    Ich habe keine dieser Apps. Ich bin eigentlich unbekannt. Und auch hier schreibe ich unter falschem Namen über Umwege. Mir tun die Menschen leid, die stundenlang auf ihr Handy starren und irgendwelche belanglosen Sachen damit machen. Wie wäre es, wieder einmal ein Buch oder eine Zeitung zu lesen? Oder vielleicht mit jemandem ein kleines Gespräch zu führen oder einfach mal die Gegend zu betrachten; inklusive die Menschen, die an einem vorbeiziehen; ist interessanter als alle Apps.

  • Albi am 11.04.2018 11:18 Report Diesen Beitrag melden

    Frage

    Facebook ... was ist das. Einzeller beschaeftigung?

  • Argus am 11.04.2018 09:43 Report Diesen Beitrag melden

    Facebook ist überflüssig und eigentlich ein Unding

    Dieser Titel ist ein kurze und bündige richtige Analyse. Der Satz sollte weitergehen mit: und sollte verboten werden. Es ist unglaublich was für Schwachsinn und Unwichtiges, aber auch oft eigentlich Intimes oder Privates da permanent gepostet wird. Irgendwann wird sich das rächen. Dieser Datenklau ist in diesem digitalen Wahnsinn nur der Anfang. Das Hauptproblem ist aber eindeutig, dass viele User einfach viel zu nachlässig, unvorsichtig und naiv sind. Also ist die Schlussfolgerung: man muss sie schützen, vor allem die Jungen und das geht heute nur noch mit Verboten, leider.