«Hass-Jäger» auf Facebook

08. September 2018 07:11; Akt: 08.09.2018 11:32 Print

«Wir haben bis jetzt über 7000 Beiträge gemeldet»

von B. Zanni/Q.Llugiqi - Facebook hat verschiedene Beiträge von Usern gesperrt. Dafür sorgen anonyme Gruppen. Ein IT-Experte hält dies für problematisch.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Unfreiwillig musste SVP-Grossrätin Nicole Müller-Boder kürzlich Facebook 30 Tage fernbleiben. Das Unternehmen sperrte ihr Profil, nachdem Mitglieder der Facebook-Gruppe «Meldezentrale für Eidgenossen» Beiträge von ihr gemeldet hatten, wie die «Aargauer Zeitung» berichtet. Auslöser waren Kommentare von anderen Nutzern, die laut der Gruppe etwa vorschlugen, auf Beteiligte an den Ausschreitungen vor der Berner Reitschule zu schiessen. Auch Einträge der Grossrätin selber gingen der Meldezentrale zu weit. Unter anderem solle sie den Islam als einzige Religion, die Probleme mache, bezeichnet und Muslimen unterstellt haben, Ungläubige ausrotten zu wollen.

Umfrage
Was halten Sie von Sperren in den sozialen Netzwerken?

Auf Facebook haben sich inzwischen verschiedene Gruppen dem Kampf gegen Hasskommentare verschrieben. Dazu zählen etwa die «Schweizer Meldestelle für alle Gruppen – das Original» und die Gruppe «Anti SVP – Stoppt den Wahnsinn». Auch der Verein Netzcourage setzt sich gegen Drohungen und Beschimpfungen im Netz ein. Die Aktivisten nutzen ebenfalls eine «geheime Meldegruppe», in manchen Fällen erstatten sie Anzeige.

«Tausende Posts gemeldet»

«Bis jetzt haben wir Facebook über 7000 Hass-Beiträge gemeldet. Die Hälfte davon betreffen Posts von Schweizern», sagt P. V.* von der «Meldezentrale für Eidgenossen», die seit einem Jahr aktiv ist. Täglich durchforsteten er und sein dreiköpfiges Kollektiv Facebook nach Hasskommentaren. «Gibt man Stichwörter wie erschiessen, aufhängen oder verbluten ein, stösst man manchmal gleich auf ein Nest von Hardcore-Kommentaren, in denen User ihren Dreck abladen», so P.V. Gewisse User versteckten sich in geschlossenen Schimpfgruppen wie «Die Schweizer Regierung muss zurücktreten».

Auch Jolanda Spiess-Hegglin, die 2016 den Verein Netzcourage gründete, sagt: «Ich habe Facebook und Twitter bis jetzt mehrere hundert Hasskommentare gemeldet.» Solche Kommentare finde sie täglich. Zudem filtere sie in der geheimen Meldegruppe diffamierende Beiträge. «Der Gruppe kann man nur auf Einladung beitreten. So gelingt es uns, Hassposts effektiv zu eliminieren.»

«Das grenzt an Zensur»

Betroffene User fühlen sich damit in ihren Rechten beschnitten. «Dass mein Profil gesperrt wurde, grenzt an Zensur», sagt Müller-Boder. Nie habe sie den Islam oder Muslime so bezeichnet, wie von der Meldezentrale dargestellt. Der Post sei aus dem Kontext gerissen worden.

20 Minuten hat sie den betreffenden Post zugeschickt. Darin antwortet sie einem User, der laut Müller-Boder den Terroristen der Anschläge in Paris 2015 Verständnis entgegengebracht hat, Folgendes: «Ach so … Sie haben Recht … Diese Menschen haben weniger wie wir, deswegen ist es auch absolut legitim, dass sie uns mit einer Axt umbringen, die Köpfe abschneiden, uns in die Luft sprengen, abknallen, überfahren, etc. Unfassbar, Ihre Zeilen.» In einer anderen Antwort schrieb sie: «Wir leben heute und jetzt, und heute und jetzt gibt es nur eine Religion, welche Probleme macht, und das ist der Islam.»

Die Gruppe wolle damit Andersdenkende mundtot machen, empört sich Müller-Boder. Sie habe sich gegen die Sperre nicht wehren können. Auch ihre Parteikollegen, SVP-Nationalrat Andreas Glarner und Ex-Nationalrat Christoph Mörgeli, deren Profile Facebook schon blockiert hatte, sahen die freie Meinungsäusserung unterdrückt. Glarner vermutete zudem, dass Linke ihn bei Facebook gemeldet hatten.

«Facebook betreibt Privatjustiz»

«Es kommt häufig vor, dass organisierte Facebook-Gruppen unerwünschte Beiträge von Usern Facebook, Twitter und Instagram melden», sagt IT-Anwalt Martin Steiger. Dies sei rechtsstaatlich problematisch. «Facebook betreibt Privatjustiz, obwohl es nicht die Kompetenzen eines Gerichts hat.» Grund dafür sei, dass das soziale Netzwerk die Sperre eines Profils zu stark von der Menge eingegangener Meldungen abhängig mache. «Ein Post, der von vielen Usern gemeldet wird, ist aber nicht zwingend problematisch.»

Steiger geht zudem davon aus, dass bei Facebook die Meldungen weitgehend automatisiert abgearbeitet werden. «Es besteht immer die Gefahr, dass Facebook User zu Unrecht aussperrt.» Immer wieder stecke hinter den gemeldeten Beiträgen eine komplizierte Rechtslage. «Vor Gericht wären solche Fälle alles andere als eindeutig.»

Es gehe um den Kampf gegen den Hass

Die Vertreter der Meldegruppen sehen das anders. «Viele User, die von uns gemeldet wurden, können froh sein. Dank uns haben sie keine Anzeige am Hals, sondern wurden nur von Facebook gesperrt», sagt P.V. Sie meldeten rassistische und diskriminierende Kommentare und nicht Meinungen, die ihnen nicht passten, betont er. Zudem verorte er seine Gruppe politisch weder links noch rechts.

Auch Spiess-Hegglin sagt: «Netzcourage hat sich den Kampf gegen den Hass auf die Stirn geschrieben.» Sie melde Hasskommentare und nicht solche, die ihr politisch nicht in den Kram passten. Facebook war für eine Stellungnahme bis Redaktionsschluss nicht erreichbar.

* Name ist der Redaktion bekannt

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Tim k am 08.09.2018 07:40 Report Diesen Beitrag melden

    Kampf gegen den Hass?

    Ich würde meinen, so schürt man eher den Hass. Zensur ist eine Form von Gewalt. Ich denke, Menschen welche auf diese Art aktiv werden, sollten zuerst einmal ihre eigenen Probleme lösen.

    einklappen einklappen
  • Stefan R. am 08.09.2018 08:02 Report Diesen Beitrag melden

    Bürgermeister

    Manche vertragen die Wahrheit nicht.

    einklappen einklappen
  • Krümel am 08.09.2018 07:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Toleranz

    Ich bin auch nicht immer mit jedem Post einverstanden, aber gleich anzeigen, weil der Schreiber nicht meiner Meinung ist?

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Ireleth am 09.09.2018 14:21 Report Diesen Beitrag melden

    der Ruf nach Zensur von Meinungen

    kommt von denen die in einer offenen Debatte nicht bestehen könnten oder von fanatischen Anhängern einer Ideologie. Es ist einfacher einem Gegner einen Maulkorb zu verpassen als sich einer Diskussion mit ihm zu stellen, denn dies bräuchte Mut, rethorische Fähigkeiten und Denkarbeit (Argumentationskette etc.). Zensur von Meinungen ist ein Ausdruck von Intoleranz und Feigheit. Ich meine hier übrigens explizit gesetzlich geschützte Meinungsäusserungen und nicht solche die strafrechtlich relevant sind.

  • Overlord44 am 09.09.2018 12:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wenn die Wahrheit unbequem ist...

    bekommt man einen Maulkorb verpasst.

    • Frager am 09.09.2018 14:37 Report Diesen Beitrag melden

      Warum?

      Es geht doch gar nicht um unbequeme Wahrheiten. Es geht um Hasskommentare - was kann man dagegen haben, wenn dieses Geschreibsel aus dem Netz verbannt wird?

    einklappen einklappen
  • Maxi am 09.09.2018 12:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Rechtslage

    Tja es ist eigentlich ganz einfach, die Meinungsfreiheit als Grundrecht gilt grundsätzlich gegenüber dem Staat. Facebook als privates Unternehmen kann frei entscheiden was zensiert wird und was nicht, stellt eigene Statuten und Regeln auf und hat auch gewisse (nicht absolute) Befugnisse über die Inhalte, welche auf der Plattform gepostet werden.

    • Isallesbisschenkomplexer am 09.09.2018 14:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Maxi

      Einfach? Amerikanisches Recht(Firmenhauptsitz) , europäisches (firmensitz Irland)und schweizer Gesetz sind zuweilen nicht nur in einigen Nuancen unterschiedlich. Es braucht nunmal globale Gesetzgebungen (auch übrigens bei Banken und Steuern), damit sich die Völker in ihren Nationalen Grenzen nicht von international agierenden Institutionen wie FB, Google aber auch Banken gegeneinander ausspielen lassen.

    einklappen einklappen
  • Roland Bürgin am 09.09.2018 12:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zensur ist nirgens richtig

    Wenn Erdogan zensieren lässt ist dies für die gleichen Personen nicht akzeptabel. Wenn sie es machen schon. Doppelmoral die sich selbst entlarvt. Gleich undemokratisch wie Erdogan. Nur ihre Meinung gilt?

  • Boris am 09.09.2018 12:36 Report Diesen Beitrag melden

    Zuckerberg wird das sauer aufstossen.

    Was geht das diese Gruppen denn an was auf Facebook geschrieben wird und was soll dann die ganze Melderei dann ändern auf der Welt ?

    • Daniel am 09.09.2018 14:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Boris

      Dieser Hass im Internet ist wie eine ansteckende Krankheit. Gebietet man ihr nicht Einhalt, breitet sie sich immer weiter aus und immer mehr Menschen werden angesteckt. Leider ist dieser Hass eben nicht nur ein persönliches "Dampf ablassen", sondern erzielt Wirkung. Das Melden bremst die Ausbreitung.

    einklappen einklappen