Entwicklungshilfe

30. Oktober 2014 18:02; Akt: 30.10.2014 18:02 Print

«Fast alle Migranten senden Geld nach Hause»

von N. Glaus - Migranten in der Schweiz schicken immer grössere Geldsummen nach Hause. Laut Peter Niggli, Chef von Alliance Sud, ist diese Hilfe in den Entwicklungsländern existenziell.

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Herr Niggli*, mit 6,5 Milliarden Franken helfen ausländische Arbeitnehmer in der Schweiz Verwandten und Bekannten in ihren Heimatländern. Wie wichtig sind diese Rücküberweisungen als Einkommensquelle für die Angehörigen in den Entwicklungsländern?
Für die einzelnen Familien sind diese Gelder existenziell. Sie ermöglichen, dass sich die Angehörigen in den Heimatländern besser ernähren können, dass sie eine Bleibe haben, die vielleicht sogar fliessend Wasser hat, oder dass die Angehörigen ihre Kinder in die Schule schicken können, anstatt sie arbeiten zu lassen. Es gibt sogar Migrantengruppen, die versuchen, ihre Rückweisungen kollektiv zu nutzen, indem sie in ihrem Heimatdorf ein gemeinnütziges Projekt auf die Beine stellen.

Die Summe an Rücküberweisungen übersteigt die öffentliche Entwicklungshilfe der Schweiz um mehr als das Doppelte. Macht die Schweiz zu wenig in den Entwicklungsländern?
Es ist falsch, die privaten Rückzahlungen der ausländischen Arbeitnehmer in der Schweiz mit der öffentlichen Entwicklungshilfe zu vergleichen. Es gibt drei verschiedene Geldflüsse aus den reichen in die armen Länder: Die Entwicklungshilfe ist der kleinste Teil davon. Dann kommen die privaten Geldüberweisungen von Arbeitnehmern und schliesslich die Direktinvestitionen der Wirtschaft – wenn etwa Nestlé ihre Produktion in Kolumbien ausbaut oder Finanzakteure kurzfristige Anlagen tätigen.

Sind Rücküberweisungen durch Angehörige die nachhaltigere Entwicklungshilfe?
Nein, denn die Rücküberweisungen sind privat. Die öffentliche Entwicklungshilfe ist hingegen eine international vereinbarte Pflicht der Schweiz. Sie widmet sich Programmen, die viele Menschen und nicht einfach einzelne Familien begünstigen: etwa dem Ausbau des Bildungswesens oder der Stärkung des Gesundheitssystems – zum Beispiel in Ländern, die stark von Ebola betroffen sind. Es stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, ob und was es einem Land nützt, wenn die Arbeitskräfte abwandern. Wenn die fähigsten Menschen fehlen, kann dies die lokale Wirtschaft schwächen. Aber es kann sie auch stärken, weil mit den Rücküberweisungen die lokale Nachfrage wächst.

In den letzten zehn Jahren haben sich die Geldtransfers von Migranten in ihre Heimatländer beinahe verdoppelt. Warum haben die Rücküberweisungen in dieser Zeit so stark zugenommen?
Das ist primär die Folge wirtschaftlicher Unterschiede. Während europäische Länder wie etwa Portugal, Spanien oder Griechenland seit Jahren in einer tiefen Wirtschaftskrise stecken, ist die Schweizer Wirtschaft im gleichen Zeitraum stark gewachsen. Deswegen sind in den letzten Jahren auch sehr viel mehr Menschen in die Schweiz eingewandert. Ein beachtlicher Teil der Rücküberweisungen ist wahrscheinlich nicht in die Entwicklungsländer, sondern in die krisengeschüttelten südeuropäischen Länder geflossen. Alle Migranten, die ich in meinem Beruf kennengelernt habe, schicken ihren Familien Geld – ausser natürlich diejenigen aus reichen EU-Staaten. Sie fühlen sich ihren Familien verpflichtet. Denn meistens haben die Verwandten ihnen geholfen, für ein besseres Leben hier nach Europa oder eben in die Schweiz zu kommen. Deshalb schicken sie Geld, auch wenn sie dafür hier in der Schweiz am Existenzminimum leben müssen.

Offenbar werden Flüchtlinge aus Eritrea dazu gezwungen, einen Teil ihres Einkommens hier in der Schweiz dem Staat abzugeben. Es wird ihnen damit gedroht, dass sonst ihre Familien getötet werden. Ist Ihnen diese Problematik bekannt?
Ich höre seit langem solche Geschichten, kann sie aber selber nicht verifizieren. Nach allem, was ich über die eritreische Diktatur weiss, ist ihr dies allerdings zuzutrauen.

Hat die Schweiz Möglichkeiten, dagegen etwas zu unternehmen?
Strafrechtlich könnten solche Erpressungen wahrscheinlich geahndet werden. Man müsste sie allerdings beweisen und gleichzeitig garantieren können, dass den Verwandten der Erpressten in ihrer Heimat kein Schaden zugefügt wird.


Sind Sie ausländischer Arbeitnehmer in der Schweiz und unterstützen Ihre Angehörigen im Heimatland? Erzählen Sie uns ihre Geschichte: feedback@20minuten.ch