Jugendarbeitslosigkeit

09. Oktober 2018 05:44; Akt: 09.10.2018 06:57 Print

«Nach 160 Bewerbungen fehlt mir die Motivation»

Die Jugendarbeitslosigkeit ist so niedrig wie lange nicht mehr. Trotzdem sind über 13'000 unter 25-Jährige ohne Arbeit. 20 Minuten hat mit drei Betroffenen gesprochen.

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Die Schweizer Arbeitslosenquote ist mit 2,5 Prozent so tief wie seit zehn Jahren nicht mehr. Auch die Jugendarbeitslosenquote befindet sich mit 2,5 Prozent auf äusserst tiefem Niveau. Doch noch immer sind 13'742 unter 25-Jährige ohne Arbeit. Eine von ihnen ist die gelernte Detailhandelsfachfrau Jessica A.* Sie sei bereits zum zweiten Mal arbeitslos, erzählt die junge Frau, die gerade 25 Jahre alt geworden ist. Sie sei sehr offen bezüglich des Stellenprofils und erhalte trotzdem ausschliesslich Absagen oder häufig gar keine Rückmeldung: «Manchmal heisst es, ich sei überqualifiziert, ein anderes Mal fehlt es mir an Erfahrung oder es heisst, ich sei schon zu alt für die Stelle.» Auch S. H. wünscht sich, dass Personen, die noch nicht viel Arbeitserfahrung sammeln konnten, öfter berücksichtigt würden. Die 24-jährige Mutter einer kleinen Tochter sucht seit vier Jahren nach einem Praktikum, das sie braucht, um ihre Berufsmatura abzuschliessen. Sie kenne viele junge Mütter, die ebenfalls keinen Job finden. Firmen seien diesbezüglich oft einfach zu stur: «Wenn du eine gewisse Zeit weg bist vom Arbeitsmarkt, dann fehlt dir Erfahrung.» Der 24-jährige Stefan K. ist seit seinem Lehrabschluss als Montage-Elektriker im Jahr 2015 auf der Suche nach einer Festanstellung. Stefan K. wünscht sich, dass weniger Wert auf die schriftlichen Bewerbungsunterlagen gelegt wird und man sich häufiger persönlich vorstellen kann: «Das Menschliche fehlt mir in diesem ganzen Bewerbungsprozess.

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Die Arbeitslosenquote liegt mit 2,4 Prozent auf einem so tiefen Niveau wie seit zehn Jahren nicht mehr. Das zeigen die neusten Zahlen des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco). Auch die Jugendarbeitslosigkeit ist mit 2,5 Prozent auf einem Tief. Während im September vor einem Jahr noch 17'709 Personen unter 25 als arbeitslos registriert waren, waren es im letzten Monat nur noch 13'724. Wer steckt hinter dieser Zahl – und wieso gelingt es diesen Menschen nicht, eine Stelle zu finden? Betroffene erzählen.

Trotz Weiterbildung keine Stelle

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Eine von ihnen ist die gelernte Detailhandelsfachfrau Jessica A.* Sie sei bereits zum zweiten Mal arbeitslos, erzählt die junge Frau, die gerade 25 Jahre alt geworden ist. Direkt nach ihrem Lehrabschluss sei sie für einige Wochen ohne Job dagestanden und jetzt wieder: «Seit Januar habe ich gut 160 Bewerbungen geschrieben. Jetzt geht mir die Motivation langsam aus.»

Arbeitslos ist Jessica zwar erst seit August, auf der Suche nach einer neuen Stelle ist sie aber seit zehn Monaten, da sie zu diesem Zeitpunkt eine Weiterbildung zur Personalassistentin abgeschlossen hat. «Ich würde sehr gern im Bereich Administration arbeiten, bewerbe mich aber auf alle möglichen Stellen.» Sie sei sehr offen bezüglich des Stellenprofils und erhalte trotzdem ausschliesslich Absagen oder häufig gar keine Rückmeldung: «Manchmal heisst es, ich sei überqualifiziert, ein anderes Mal fehlt es mir an Erfahrung oder es heisst, ich sei schon zu alt für die Stelle.»

250 Bewerbungen geschrieben

Den ersten Monat ohne Job könne man vielleicht noch geniessen, aber danach beginne es, schwierig zu werden: «Ich gehe zu spät ins Bett, verliere den Tagesrhythmus und kann mir nichts mehr leisten. Ins Kino zu gehen, liegt nicht drin. Zudem warte ich meist viel zu lange auf den Lohn des RAV, der zu spät ausbezahlt wird», sagt Jessica. Sie kenne einige Personen aus dem Verkaufssektor, denen es gleich ergehe: «Eine gute Kollegin von mir hat seit zwei Jahren keinen Job. Ich habe das Gefühl, jungen Menschen mit einfachem Lehrabschluss ohne Weiterbildung wird häufig keine Chance gegeben.»

Auch S. H.* wünscht sich, dass Personen, die noch nicht viel Arbeitserfahrung sammeln konnten, öfter berücksichtigt würden. Die 24-jährige Mutter einer kleinen Tochter sucht seit vier Jahren nach einem Praktikum, das sie braucht, um ihre Berufsmatura abzuschliessen. «Ich will diesen Abschluss unbedingt. Deshalb habe ich mindestens 250 Bewerbungen geschrieben – und erhalte immer nur Absagen mit der uneindeutigen Begründung, ich würde das Arbeitsprofil nicht erfüllen», so H.

«Firmen sind zu stur»

Die erste Frage, mit der man als junge Mutter konfrontiert werde, sei jene nach der Kinderbetreuung: «Meine Tochter geht drei Tage die Woche in die Kita, die vom Sozialdienst finanziert wird. Das ist alles organisiert, ich könnte mich demnach voll und ganz meiner Arbeit widmen», stellt H. klar. Sie kenne viele junge Mütter, die ebenfalls keinen Job finden. Firmen seien diesbezüglich oft einfach zu stur: «Wenn du eine gewisse Zeit weg bist vom Arbeitsmarkt, dann fehlt dir Erfahrung.» Auch nach vier Jahren sei sie noch immer motiviert auf der Suche, doch mit jeder Absage wachse die Frustration, sagt H.

Der 24-jährige Stefan K.* ist seit seinem Lehrabschluss als Montage-Elektriker im Jahr 2015 auf der Suche nach einer Festanstellung. 2016 habe er einen Job als Multimedia-Elektroniker gefunden. Diesen gab er nach vier Monaten wieder auf, da der tägliche Arbeitsweg gut fünf Stunden betrug. «Das war schlicht nicht machbar. Anschliessend habe ich mich in der ganzen Region beworben, aber nur negative Rückmeldungen bekommen», erinnert sich Stefan. Der Hauptgrund für die Absagen sei die Tatsache gewesen, dass er keinen Führerschein besitze.

Schriftliche Bewerbung erhält viel Gewicht

Momentan sei er deshalb daran, sein Permis zu machen. Er hofft, danach endlich einen Job zu finden. «Obwohl ich bei einem Temporärbüro angemeldet bin, habe ich nur selten Angebote für kurze Einsätze erhalten. Auch beim RAV hatte ich oft das Gefühl, keine richtige Unterstützung zu bekommen», sagt Stefan. Er wünscht sich, dass weniger Wert auf die schriftlichen Bewerbungsunterlagen gelegt wird und man sich häufiger persönlich vorstellen kann: «Das Menschliche fehlt mir in diesem ganzen Bewerbungsprozess. Ich hätte gern häufiger die Chance, meine Fähigkeiten direkt unter Beweis zu stellen.»

*Name der Redaktion bekannt

(jk)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Ordovizium am 09.10.2018 07:13 Report Diesen Beitrag melden

    Ich kenne das

    Selbst ich war knapp ein Jahr arbeitslos, doch ab November geht es am Flughafen weiter. Was ich immer so krass finde, es heisst:" Die Arbeitslosenquote ist so niederig wie sonst": Tja, wie viele Leute wurden den in diesem Jahr nebenbei ausgesteuert bzw. wie viele ausgesteuerte Leute gibt es denn in der Schweiz? Ich hätte gerne auch darüber Zahlen, um zu sehen, wie es wirklich in der Schweiz ausschaut.

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  • Anonym am 09.10.2018 07:11 Report Diesen Beitrag melden

    Firmen sollten auch absagen

    Für meine momentane Stelle habe ich 40 Bewerbungen in der Region verschickt. Nur 11 davon haben mir eine Absage in mündlicher oder schriftlicher Form gegeben und nur davon 4 haben mir das Dossier zurückgeschickt! Die ganzen Dossiers haben mich eine Menge Geld gekostet und ich ich musste wieder neue drucken lassen, obwohl man diese einfach hätte zurückschicken können. Zudem finde ich es eine Frechheit, dass man sich Mühe gibt und die Firma einem nicht Mal absagt weil diese sich einfach nicht um Bewerber scheren!

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  • Corin Carlson am 09.10.2018 07:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unnützes RAV

    RAV=regionales ARBEIT vermittlung Ich war fast ein Jahr arbeitslos, vom RAV bekam ich nie eine Stelle zugewiesen, nur strenge Auflagen. Das ist ok, man soll es ja nicht ausnutzen können. Aber das RAV ist wirklich unnütz. Viele Berater, die etwas sagen, damit was gesagt ist. Abschaffen und bessere Lösung suchen. Wenn RAV, dann ZB dass Firmen die Stellen vergeben, erst das RAV anfragen müssen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • magnus hirschfelds ohr am 09.10.2018 19:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    bedenke..

    ich würde jetzt gerne sagen.. nur den mut nicht verlieren.. einfach weiter bewerben.. aber was sagen 160 bewerbungen und 160 absagen aus.. das es überall jobs gibt und es somit nahezu keine arbeitslosigkeit existiert ? eher doch das gegenteil.. es gibt wenig jobs und viel arbeitslose.. dann wo befinden sich die zahlen über alldie die nicht mehr auf dem rav sind sondern auf dem sozialamt oder der iv.. was schliessen wir daraus ? wir leben in einer gesellschaft die es nicht wagt dinge zu nennen wie sie sind.. nämlich.. die wirtschaft braucht uns nicht.. folglich brauchen wir die wirtschaft eigentlich nicht mehr weil sie nur noch als kapitalmaximierung einiger weniger exponennten dient.. wir erhalten also ein system am laufen nicht zu gunsten von uns exististiert.. sondern zu gunsten der reichen.. vielleicht sollte man überlegen wir man den reichen am besten ein wenig auf der tasche liegen könnte.. es gäbe da durchaus möglichkeiten und wege dies zutun.. wenn wir uns weiter bewerben und abrackern erreichen wir jedenfalls gar nicht

  • Jwanovic am 09.10.2018 16:50 Report Diesen Beitrag melden

    Falscher Name

    Das RAV hat einen falschen Namen. Es sollte Regionales Arbeitslosen Verwaltungs Büro heissen. Das Verwaltungs Büro konnte mir die Entschädigung ausrechnen. Erklären wie man sich heute bewirbt, kein seitenlangen Aufsatz mehr. Mein Sohn hat 30 Bewerbungen geschrieben und 2 Antworten erhalten. Da wurde er wütend nahm sein Dossier und ging damit wie früher von Tür zu Tür nach Arbeit fragen. Nach kurzer Zeit hatte er wieder Arbeit. Von Tür zu Tür nach Arbeit fragen sollte wieder vermehrt praktiziert werden.

  • m.h. am 09.10.2018 15:15 Report Diesen Beitrag melden

    Gewisse Branchen

    Sind einfach hart. Gesucht wird immer der mit weis ich wie viel Erfahrung. Weiterbilden ist ein muss, muss man es selbst zahlen soll man auch mehr verlangen. Zahlt es der Arbeitgeber muss man aber nicht erwarten direkt die fetten Lohnsprünge zu machen nach der Weiterbildung.

  • Vanessa am 09.10.2018 14:45 Report Diesen Beitrag melden

    Junge haben es tatsächlich nicht einfacher

    wenn sich meine Tochter als Schülerin für eine Lehrstelle im Detailhandel auf einen Assessment-Tag vorbereiten muss... da frage ich mich schon welche Anforderungen heute gestellt werden. Das die Unternehmen das Beste wollen, kann ich teilweise verstehen, aber man kann es übertreiben...

  • Heinz Müller am 09.10.2018 13:59 Report Diesen Beitrag melden

    Wen wunderts

    Also wer das Gefühl hat, als Elektriker ohne Führerschein einen Job zu finden, der träumt oder hat extremes Glück. Wie wärs denn beispielsweise damit, den Ausweis endlich zu machen?