Armut in der Schweiz

08. Dezember 2017 10:33; Akt: 08.12.2017 10:59 Print

«Fleisch kaufe ich nur, wenn es eine Aktion gibt»

von P. Michel - Rund 570'000 Personen leben in der Schweiz in Armut, auch die Familie der Architektin Kathrin L. Sie erzählt, wie sie in die Sozialhilfe abrutschte.

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Eine Eigentumswohnung mit grossem Garten im Bündnerland, ein Wohnmobil, ein Motorrad, vier Kinder: Für Familie L.* war das kleinbürgerliche Familienidyll perfekt. Die Mutter, Kathrin (38), arbeitete 60 Prozent als Architektin, der Mann führte sein eigenes Werbebüro. «Wir waren glücklich, finanziell unabhängig zu sein und uns den Traum von der Grossfamilie erfüllt zu haben.»

Dieser Traum löste sich jedoch allmählich in Luft auf, als sich bei L.s Mann 2012 erste Anzeichen eines Burn-outs abzeichneten: «Er delegierte im Büro an andere, war ständig zu müde, um sich um die Kinder zu kümmern oder im Haushalt zu helfen», erzählt L.

Damit begann eine Leidensgeschichte, die die erfolgreiche Architektin zur Sozialhilfebezügerin machen sollte. Erst legte sie ihrem Mann nahe, sein Arbeitspensum zu reduzieren, was er auch tat. Gleichzeitig ertränkte er seine Sorgen jedoch in Alkohol. «Da er irgendwann gar nicht mehr arbeiten konnte und nichts mehr verdiente, mussten wir alles verkaufen – schlussendlich auch unsere Wohnung.»

«Das Geld reichte nirgends hin»

Währenddessen versucht Kathrin L. die gesamte Last alleine zu schultern. Sie kümmert sich tagsüber um die Kinder und arbeitet am Abend dank des verständnisvollen Arbeitgebers weiterhin als Architektin. «Das Geld reichte nirgends hin und ich war völlig überfordert.» Sie unternimmt eine letzte Rettungsaktion und reist mit ihrer Familie und dem letzten Ersparten fünf Monate durch Thailand in der Hoffnung, der gewonnene Abstand sorge für eine Normalisierung.

Doch zurück in der Schweiz muss sie feststellen: Das Burn-out ihres Mannes hat sich in eine manische Depression gewandelt, deren Behandlung er verweigert. «Das war der Punkt, an dem ich keine Kraft mehr hatte und mich von ihm trennen musste.»

Nun erkennt sie: Gleichzeitig zu arbeiten und für die vier Söhne zu sorgen, das geht nicht mehr, zumal ihr Ex-Mann aus gesundheitlichen Gründen keine Alimente zahlen kann. «Mir einzugestehen, dass ich es nicht alleine stemmen kann und Sozialhilfe brauche, war sehr schwierig.» Aus Stolz habe sie lange gezögert. «Ich kam mir vor wie ein Schmarotzer, der auf Kosten anderer lebt.»

Teure Ferien mit den Kindern liegen nicht drin

Seit zwei Jahren lebt die Familie in der Region Bodensee nun von der Sozialhilfe, die nach Abzug von Miete und Krankenkasse 2386 Franken für die Mutter und die vier Kinder vorsieht. Die Miete sowie die Krankenkassenprämien übernehmen die Behörden. «Ich gehe sehr sparsam mit dem Geld um», sagt L.

Fleisch kaufe sie nur ein, wenn es ein Aktionsangebot gebe, und der Bauer im Dorf lege hin und wieder Äpfel vor die Haustüre. Familien aus dem Dorf brächten zum Glück auch Säcke mit Kleidern vorbei. Teure Ferien mit den vier Kindern liegen ebenfalls nicht drin. «In die Ferien können wir nur, wenn wir bei Verwandten unterkommen oder anderweitig unterstützt werden.»

Die Familie komme heute mit der Sozialhilfe gut über die Runden, sagt L. Trotzdem sorge das Geld immer wieder für Konflikte – gerade mit den vier Söhnen im Alter von 5 bis 12 Jahren. «Ein neues Smartphone, ein beliebtes Computerspiel oder einen Besuch bei McDonald's kann ich ihnen nicht bieten, auch wenn ihre Kollegen das bekommen.»

Die meisten Weihnachtswünsche kann sie nicht erfüllen

Auch der Wunschzettel ihrer Kinder für Weihnachten ist lang – vor allem Lego und «coole» Freizeitaktivitäten wünschen sich die Buben. Viele dieser Wünsche wird L. nicht erfüllen können. «Ich nähe selber Kissen und Stofftiere oder bastle mit ihnen gemeinsam etwas. Das sind meine Weihnachtsgeschenke.» Die Kinder wüssten, dass mehr nicht drin liege.

Kathrin L. ist rückblickend froh, dass sie den Gang auf die Gemeinde gewagt hat. «Ohne diese Hilfe hätte ich es nicht geschafft. Ich fühle mich privilegiert, Sozialhilfe beziehen zu können, und bin dankbar für die wertvolle Unterstützung.»

Zwar mache es ihr noch zu schaffen, dass sie als Bittstellerin auftreten müsse. Auch dass sie heute nichts für ihre Altersvorsorge auf die Seite legen kann, empfindet L. als belastend. «Wenn ich wieder arbeiten kann, möchte ich auch einen Teil der Sozialhilfe wieder zurückzahlen.» Im Kanton, wo die Familie wohnt, fordern die Behörden eine Rückzahlung, sobald die Einnahmen nach Ausstieg aus der Sozialhilfe die Ausgaben übersteigen.

Für die Zukunft wünscht sich L., dass ihre Kinder die emotional belastende Trennung vom Vater verarbeiten können. Und für sich selbst? «Ich wünsche mir, dass unser Dorf uns eine Heimat wird und ich irgendwann auch wieder mein eigenes Geld verdienen kann.»

*Name der Redaktion bekannt

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Thunerli am 08.12.2017 10:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Jammern auf hohem Niveau

    Dass diese Familie unterstützt wird ist sicher richtig... aber zu jammern, man könne sich keine Ferien und Weihnachtsgeschenke leisten, nachdem man das Ersparte genutzt hat um 5 Monate durch Thailand zu reisen, ist meiner Meinung nach nicht richtig... dann ist es einfach eine Frage der Priorisierung wie man das Geld ausgibt...

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  • Reto R. am 08.12.2017 10:57 Report Diesen Beitrag melden

    aber..

    aber 5 Monate durch Thailand reisen? Würde ich auch mal gerne.

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  • L.U., St. Gallen am 08.12.2017 10:58 Report Diesen Beitrag melden

    Oha...

    "Seit zwei Jahren lebt die Familie in der Region Bodensee nun von der Sozialhilfe, die nach Abzug von Miete und Krankenkasse 2386 Franken für die Mutter und die vier Kinder vorsieht." Es gibt Menschen die mit vier Kindern soviel im Monat verdienen ohne, und manchmal sogar Brutto und nicht Netto und bei 100% Pensum... Erste Welt Probleme...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • peba am 09.12.2017 17:31 Report Diesen Beitrag melden

    Wie gut wir es haben!

    Wie ein Hohn. Es gibt Kinder die verhungern, die fragen nicht nach Weihnachtsgeschenken.

  • TrurthHurts am 09.12.2017 12:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Staat macht uns Bettler!

    KEIN WUNDER! Wass man verdient muss man gleich wieder abgeben für etliche Pflicht Versicherungen. Wenn man dann einmal auf diese Leistungen angewiesen ist, muss man betteln. Jeder soll selber sparen dürfen wie möchte sei es für Alter oder Ferien usw.

    • menschenverstand am 09.12.2017 14:02 Report Diesen Beitrag melden

      Wirtschaft verursacht die Misere

      Nein anders, die Wirtschaft ist nur noch an Prekariatsjobs interessiert, die schlecht bezahlt sind und möglichst auf Abruf. Das lässt uns so schnell abrutschen und andernorts die Gewinne und Dividenden explodieren!

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  • Slonik69 am 09.12.2017 11:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unglaublich!

    Wie Bitte? 2800.- Plus Miete Plus Krankenkasse? Ich verdiene netto 5800. auch 4 köpfige Familie mit Frau zu Hause für unsere Kindern muss aber Miete 2500 und Krankenkasse 930.- selber bezahlen!!! Und diese Frau Jammert? Ich denke ich schmeiss auch mein Job weg mach auf Depression (scheint zu funktionieren) und habe netto Ende Monat mehr im Portemonnaie als zu arbeiten und der Vorteil sind gleich 2: 1. anscheinend Legal 2. ich habe mehr vom Familien Leben

  • Mobiliar am 09.12.2017 11:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    am falschen Ort gespart

    als selbstständige Person wäre es sinnvoll gewesen, die Erwerbsunfähigkeitsrente in Form von der Säule 3a oder 3b zu versichern - absolut fahrlässig, wenn man sich einer solchen Versicherung nicht anschliesst. wäre dies gemacht worden, so w ürde er trotz Einschränkung nicht an der Lebensqualität einbüssen - das Lohnniveau wäre aufrechtsrhalten und er kein Sozialfall.

    • menschenverstand am 09.12.2017 14:02 Report Diesen Beitrag melden

      Wie soll das gehen?

      Wie soll das konkret funktionieren?

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  • Spongebob am 09.12.2017 11:52 Report Diesen Beitrag melden

    Luxusprobleme

    Jetzt mal ehrlich: diese Jammerei ist kaum mehr auszuhalten! Keiner ist in der Schweiz WIRKLICH von Armut betroffen! JEDEM wird ein Dach über dem Kopf gestellt, KEINER muss verhungern, auch medizinische Versorgung ist stets gewährleistet! Warum also Jammern? Weil man sich keine Ferien leisten kann? Gehört das zur Existenzgrundlage?? Weil man keine teuren Geschenke kaufen kann? Wenn man wenig Geld zur Verfügung hat, muss man halt Prioritäten setzen! Und wenn man diese richtig setzt, kann man sich auch mal ein Stück Fleisch leisten - es muss ja nicht gleich Kalbsfilet sein!