Handy am Steuer

10. Januar 2019 05:35; Akt: 10.01.2019 05:35 Print

«Flixbus riskiert mit Billig-Chauffeuren Unfälle»

von Stefan Ehrbar - Nach mehreren Vorfällen mit Flixbus-Chauffeuren am Handy fordern Politiker den Bund zum Handeln auf. Wie gefährlich sind die Fernbusse?

Eine Leserin filmte im Oktober zwischen Basel und München Fernbus-Fahrer am Handy. (Video: Leser-Reporter)
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Wieder wird ein Flixbus-Fahrer mit dem Handy erwischt. Nachdem eine Leserin Mitte Oktober gleich auf zwei Fahrten zwischen Basel und München Fahrer erwischte, die sogar auf einer verengten Autobahn das Handy bedienten und telefonierten, weiss 20 Minuten von einem weiteren Fall. Leser R. G.* fuhr im August mit Flixbus von Luzern nach Mailand. Mitten im Gotthardtunnel benutzte der Fahrer das Handy und telefonierte.

Allein in den letzten zehn Monaten hat 20 Minuten über fünf Fälle von Flixbus-Fahrern am Handy berichtet, die Zweifel an der Sicherheit des Fernbus-Riesen aufkommen lassen. Mitte Dezember ereignete sich in Zürich gar ein Unfall mit einem Flixbus, der zwei Todesopfer forderte. Die Ursache ist noch nicht geklärt.

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Systemisches Problem?

Giorgio Tuti, Präsident der Gewerkschaft des Eisenbahn- und Verkehrspersonals SEV, glaubt an ein systemisches Problem. «Das Geschäftsmodell von Flixbus kann nur funktionieren, wenn die Firma die Kosten drückt, auch beim Personal.»

Eine Analyse des SEV zeige, dass französische Flixbus-Fahrer auf der Strecke Konstanz-Lyon nur 1400 Euro im Monat verdienten, die Löhne der deutschen Kollegen lägen unter 2000 Euro. Auf der Strecke Zürich-Mailand habe man überlange Arbeitstage von 12 bis 14 Stunden festgestellt, weil ein Fahrer, der in Süddeutschland wohnt, den Bus in Zürich übernehmen musste.

Sparen auf Kosten der Sicherheit?

«Selbstverständlich hat das mit der Sicherheit zu tun», sagt Tuti. Mit seinem Geschäftsmodell setze Flixbus auf Chauffeure, deren Ausbildung «sehr kritisch» zu prüfen sei. «Mit diesen billigen Chauffeuren und den Standards, die nicht unseren entsprechen, riskiert Flixbus Unfälle und spart auf Kosten der Sicherheit», sagt Tuti.

Der SEV fordert, dass die Branchenüblichkeit auch für internationale Fahrten durch die Schweiz durchgesetzt wird. «Auf Schweizer Strassen sollen Schweizer Bedingungen gelten», sagt Tuti. «Flixbus hat Pflichten. Wir sind nicht sicher, ob die Firma diesen nachkommt.»

Politiker fordern Bund zum Handeln auf

Flixbus-Sprecher Martin Mangiapia streitet ein Sicherheitsproblem ab. «Schwere Unfälle mit dem Fernbus kommen ausserordentlich selten vor», sagt er. Die Sicherheit habe oberste Priorität – und werde etwa mit unangemeldeten Kontrollen und klar geregelten Lenk- und Ruhepausen sichergestellt.

Politiker fordern den Bund nun zum Handeln auf. Die Regelverletzungen durch die Busfahrer seien «nicht akzeptabel», sagt SVP-Nationalrat Manfred Bühler. Schliesslich gehe es um die Sicherheit der Reisenden. Das Bundesamt für Verkehr (BAV) müsse darauf pochen, dass solche Verfehlungen nicht mehr vorkommen, sagt SP-Nationalrat Philipp Hadorn. «Das BAV soll Flixbus mit dem belastenden Material konfrontieren und zur Rede stellen.»

Bund hat keine Handhabe

Das BAV sieht keine Handhabe. Flixbus sei im grenzüberschreitenden Verkehr tätig und habe dementsprechend keine Konzession, die man dem Unternehmen entziehen könnte. Es müsste Hinweise geben, dass das Unternehmen eine Mitverantwortung trage, so das BAV. Allerdings werden gehäufte Verstösse gar nicht festgehalten: «Es erfolgt keine Registrierung im eigentlichen Sinn», sagt Rebecca Tilen von der Kantonspolizei Zürich. Allein der Fahrer sei verantwortlich (siehe Box).

Flixbus bietet Tickets an, die deutlich billiger sind als Zug- oder Flugtickets. Die Chauffeure verdienten nach national üblichen Tarifen, heisst es bei Flixbus. Schweizer Lebenshaltungskosten und Gehälter seien höher als etwa in Polen. Dass Flixbus keinen Schweizer Buspartner habe, sei auf operative Gründe zurückzuführen.

Der deutsche Mindestlohn für Busfahrer liegt bei umgerechnet 1750 Franken. Ein Schweizer Car-Chauffeur in den Regionen Ostschweiz und Zürich verdient gemäss den GAV-Bestimmungen ab dem vierten Berufsjahr mindestens 4735 Franken. 2016 sagte ein Sprecher des Busunternehmens Marti der «Schweiz am Wochenende», das Preismodell der Fernbusse sei für ein Schweizer Unternehmen «unmöglich».

*Name der Redaktion bekannt

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Peter am 10.01.2019 06:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Staat 

    Wieso müsst Ihr jedesmal über Flixbus berichten? Habt ihr wirklich das Gefühl, dass in der ganzen Schweiz nur Flixbus Fahrer ans Handy gehen? Noch offensichtlicher könnt ihr es nicht machen...

  • Billig am 10.01.2019 06:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Teuer

    Alle jammern wie teuer die schweiz ist. Sicherheit hat seinen Preis und so auch beim Busfahren.

  • Realo am 10.01.2019 06:26 Report Diesen Beitrag melden

    Ist die Kundschaft bereit, etwas tiefer

    in die Tasche zu greifen, ist dieses weitgehend Thema Geschichte.Muss jetzt praktisch die ganze Flixbus- Diskussion, die vor vielleicht 48 h hier geführt wurde, wiederholt werden?

Die neusten Leser-Kommentare

  • PotzBlitznomau am 10.01.2019 07:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Geiz ist G...l

    Es ist doch mittlerweile in etlichen Bereichen so! Der Konsument gibt sein Geld lieber für MobilPhone, Leasing und Co. aus! Da bleibt nicht mehr viel übrig um anständige Löhne zu zahlen. Es ist ein wirtschaftlicher Schwachsinn; für wenig Geld wollen viele ein maximum an Produkten und Dienstleistungen!

  • Don Vito Corleone am 10.01.2019 07:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das ist ja nichts neues und wenn

    man die Unfallstatistiken mit Reise Bussen anschaut wird man feststellen dass viele der Fahrer vor allem bei deutschen Reiseunternehmen Rentner sind, teilweise Ü 70, die sich ein Zubrot verdienen müssen. Paradox ist, dass die medizinische Kontrolle dieser Fahrer je älter sie sind leichter wird. An einen 50 jährigen werden höhere Anforderungen gestellt als an einen 60 oder 70 jährigen! Da gibt's nur eines: kontrollieren und wenn der Fahrer nicht fit ist aus dem Verkehr ziehen! Denn das darf man wenn man den will!

  • Guschtaff am 10.01.2019 07:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schnäppchenmitfahrer

    Billig, biliger, am billigsten! Selber schuld, wer bei einem Unfall im Spital landet! (Oder in einem schön verzierten Gefäss)

  • Manu L am 10.01.2019 07:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Billigwahnsinn

    Der Mensch will alles und das am liebsten gratis.

  • Mäsi motz am 10.01.2019 07:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    l no go

    Es gibt doch Freissprecheinrichtungen für jedes Handy sind nicht teuer. Eine Riesen Busse an die Firma, fahrverbot bis sie eingebaut sind. In alle öffentliche Fahrzeuge.