Tag der guten Tat

25. Mai 2019 19:42; Akt: 25.05.2019 19:42 Print

«Flüchtlinge sind Menschen wie wir»

Alexandra Müller engagiert sich seit Jahren für Flüchtlinge. Dazu bewegt hat sie ihr Job bei einer Grossbank.

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«Ich bin Lehrerin, daneben arbeite ich 20 Prozent auf freiwilliger Basis beim Solinetz. Heute kann ich mir nicht mehr vorstellen, damit irgendwann aufzuhören», erzählt Alexandra Müller. Das war nicht immer so. Nach einem Sprachstudium hat die zweifache Mutter einen Job bei der UBS angenommen. «Paradoxerweise hat mein Engagement ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt begonnen. Ich habe begriffen, was ich eben unbedingt nicht tun möchte: mit Geld arbeiten – für ein profitorientiertes Unternehmen.» Die soziale Ader, die wohl immer schon in ihr gesteckt habe, sei durchgedrungen.

Alexandra Müller engagiert sich seit bald 10 Jahren beim Solinetz in Zürich. Der gemeinnützige Verein setzt sich für bessere Lebensbedingungen von Flüchtlingen in der Schweiz ein. Müller war für gut 5 Jahre Geschäftsleiterin vom Solinetz. Sie hat einen Mittagstisch für Flüchtlinge aufgebaut und vor rund vier Jahren das Projekt «Schulbesuche» ins Leben gerufen. Seit gut einem Jahr gibt sie zudem Flüchtlingen Deutschunterricht.

Anschauen, was niemand sehen will

Vor rund 9 Jahren also, hat Müller sich dazu entschlossen, dem Bankwesen den Rücken zu kehren und bei Amnesty International eine Praktikumsstelle anzunehmen. Sie wirkte hauptsächlich bei der Nothilfe-Kampagne mit, deren Ziel es war, die hiesigen Lebensbedingungen für abgewiesene Asylsuchende zu verbessern. «Zum ersten Mal habe ich Notunterkünfte und Flüchtlingsheime besucht. Ich musste dort hinschauen, wo eigentlich niemand etwas sehen will.»

Müller sagt, die Zustände in den Zentren hätten sie schockiert, die Geschichte der Menschen hätten sie betroffen gemacht. Von diesem Zeitpunkt an, habe sie nicht mehr wegschauen können – und es auch gar nicht gewollt: «Ich begann mich für die grossen Zusammenhänge zu interessieren. Wieso überhaupt gibt es Flüchtlinge? Und wie hängt ihr Schicksal mit unserem Leben hier zusammen?» Die Nothilfe-Kampagne ging zu Ende, doch Müller setzte ihr Engagement fort – beim Solinetz.

«Flüchtlinge sollten öfter zu Wort kommen»

«Willst du die Welt retten oder was?» Kommentare wie diesen müsse sie sich immer wieder anhören, erzählt Müller. Nein, das will sie und kann sie nicht: «Es reicht mir, wenn ich in meinem Umfeld etwas bewege. Wenn ich etwa bei den Schulbesuchen dafür sorgen kann, dass die Leute in Flüchtlingen Menschen sehen und nicht einfach Flüchtlinge.» Im Rahmen der Schulbesuche geht das Solinetz mit Flüchtlingen zu Schulklassen. Das Ziel sei, durch die Begegnung und den Austausch Vorurteile abzubauen.

«Im Prinzip ist es dasselbe wie unter neuen Nachbarn. Wenn du jemanden nicht kennst, dann machst du dir irgendwann ein Bild von dieser Person. Doch erst wenn du mit ihr sprichst, weisst du, wie die Person wirklich ist.» Nur direkter Kontakt könne Misstrauen abbauen. Müller sagt, sie wünsche sich, dass Flüchtlinge weder diskriminiert noch bemitleidet würden. Und dass sie häufiger zu Wort kämen: «Wir müssen mit ihnen reden, nicht immer nur über sie.»

Engagement geht weiter

Geschäftsleiterin vom Solinetz ist Müller nun schon länger nicht mehr. Ihr Engagement bleibt aber vielseitig. Gerade in den Deutschkursen, die sie leitet, merke sie, dass es noch sehr viel zu tun gebe. «Für viele geflüchtete Personen ist es mehr als bloss Deutschunterricht. Es ist die Möglichkeit, etwas Sinnvolles zu tun, arbeiten dürfen sie ja nicht. Es ist ein Ort, in dem sie Gemeinschaft erleben können. Viel haben sie hier ja nicht, sie werden ja sonst überall ausgegrenzt.»

Dieser Artikel ist im Rahmen des Tags der guten Tat entstanden. Mehr Infos dazu gibt es hier.

(jk)