Beschnittene Frauen

05. Juni 2019 10:44; Akt: 05.06.2019 11:04 Print

«Eine Frau hatte noch eine 2-Millimeter-Öffnung»

von D. Pomper - Gabriella Stocker operiert Mädchen und Frauen, die beschnitten worden sind. Ärzte müssten Aufklärungsarbeit leisten, sagt sie.

Sara Aduse wurde als fünfjähriges Mädchen in Äthiopien beschnitten.
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Frau Stocker, Sie operieren Frauen, die beschnitten worden sind. Welches war der schlimmste Fall, den Sie gesehen haben?
Ich habe eine junge Frau gesehen, die nur noch eine zwei Millimeter grosse Öffnung für das Wasserlösen und das Ablaufen des Menstruationsblutes hatte. Sie kam zu mir, weil sie von ihren ausgeprägten Beschwerden erlöst werden wollte. Anders als üblich war die Beschneidung nicht mit einer Rasierklinge oder einer Glasscherbe zu Hause, sondern unter sterilen Bedingungen in einem Spital ausgeführt worden. Der urtümliche Brauch war also nicht wider besseren Wissens durchgeführt worden: ihr Vater war Arzt.

Sie haben auch Sara operiert, die als eine von ganz wenigen Frauen über ihre Beschneidung spricht. Wie muss man sich eine solche Operation genau vorstellen?
Die Operation nach einer Beschneidung ist eine individuelle Angelegenheit. Im Vorfeld muss mit der Frau genau besprochen werden, wo ihre Prioritäten und allenfalls auch Beschwerden liegen. Im Allgemeinen geht es darum, die Anatomie so gut wie möglich wiederherzustellen.

Was für Beschwerden haben beschnittene Frauen?
Ein Mädchen oder eine Frau, die beschnitten wurde, muss keinesfalls zwingend Beschwerden haben. Es gibt auch mildere Formen der Beschneidung. Diese Frauen können ein ganz normales Leben führen. Bei den ausgedehnteren Beschneidungen kann es unter anderem zu Harnabflusstörungen, Problemen mit dem Menstruationsfluss oder auch Schwierigkeiten im Sexualleben kommen.

Und was sind die psychischen Folgen?
Die seelischen Auswirkungen sind vielfältig. Einerseits stellt der Akt der Beschneidung, falls sich das Mädchen oder die Frau daran erinnert, oftmals ein Trauma dar. Andererseits führt der Verlust der körperlichen Integrität meist zu vermindertem Selbstvertrauen oder Schamgefühlen.

Reden Sie auch mit den Eltern der betroffenen Mädchen? Zeigen diese Reue oder Unverständnis?
Bei uns gibt es nur wenige betroffene Frauen, die sich trauen über ihren eigenen Körper zu sprechen. Ein generationenübergreifendes Gespräch kann deshalb bei diesem Tabuthema nicht stattfinden. Oftmals bestehen auch unlösbare kulturelle Dilemmas.

Können beschnittene Frauen nach einer Operation je ein lustvolles Sexleben führen?
Ein lustvolles Sexualleben hat nicht nur mit der Anatomie der äusseren Geschlechtsorgane zu tun.

Was raten Sie beschnittenen Mädchen und Frauen?
Der erste Schritt für beschnittene Frauen, die unter ihrem veränderten Körper leiden, ist, darüber mit einer Fachperson zu sprechen. Meist sind wir Frauenärztinnen die erste Anlaufstelle. Zudem gibt es glücklicherweise international immer mehr Beratungsangebote.

Gibt es Handlungsbedarf, um bedrohte Mädchen besser zu schützen?
Der Schutz von bedrohten Mädchen sollte schon im Mutterleib beginnen. Frauenärztinnen sehen Schwangere, die bereits selbst beschnitten sind. Mit diesen Frauen und mit deren Familien muss das Gespräch gesucht werden. Die Kinderärztinnen begleiten im Verlauf der ersten Jahre die Familien und müssen dort Aufklärungsarbeit leisten. Da häufig die finanziellen Mittel für professionelle sprachliche und interkulturelle Übersetzerinnen fehlen, ist die Arbeit oftmals erschwert.