Journalistinnen streiken

14. Juni 2019 10:56; Akt: 14.06.2019 11:04 Print

«Frauen sollen im Job bleiben, auch als Mutter»

Lohndiskriminierung, 90 Prozent Männer in Chefpositionen und über 30 Stunden unbezahlte Arbeit: In vielen Branchen prangern Frauen solche Misstände an, so auch im Journalismus.

Bildstrecke im Grossformat »
Mit diesem Bild sowie dem Titel «Hier könnte der Artikel einer Frau stehen ... aber sie streikt gerade, weil ...» wollen Journalistinnen am Frauenstreiktag darauf aufmerksam machen, dass auch in ihrer Branche Frauen weniger verdienen würden als Männer und sie in Chefpositionen stark untervertreten seien. Die Journalistin und Autorin Michèle Binswanger nimmt Stellung und rät allgemein berufstätigen Frauen, was sie gegen Lohnungleichheit und andere Formen der Diskriminierung tun können. Am zweiten nationalen Frauenstreik wollen Frauen aus verschiedensten Branchen ein Zeichen setzen gegen Ungleichberechtigung. 1455 Franken und 44 Prozent – um diese Zahlen wird sich am 14. Juni vieles drehen. Gut 1450 Franken nämlich verdient eine Schweizer Frau im Schnitt weniger als ein Mann. Und 44 Prozent dieses Lohnunterschiedes können nicht durch Faktoren wie Ausbildungsniveau oder Berufserfahrung erklärt werden. Auch jenseits vom Berufsalltag werden Fakten aufgelistet: 6 von 10 Schweizerinnen wurden bereits sexuell belästigt, 2 Frauen sterben monatlich durch häusliche Gewalt. Unter dem Motto No Women - No News kämpfen die Journalistinnen für die Erfüllung diverser Forderungen. Der Katalog wurden von über 1100 Medienschaffenden unterzeichnet. Unter anderem werden grösserer publizistischer Einfluss – durch mehr weibliche Chefs –, Lohngleichheit und Schutz vor sexueller Belästigung verlangt. Schon vor 28 Jahren gingen die Frauen auf die Strasse: Am Schweizer Frauenstreik vom 14. Juni 1991 beteiligen sich Hunderttausende landesweit an Streik- und Protestaktionen. Das Motto des Streiks war «Wenn Frau will, steht alles still». Frauen forderten die Umsetzung des Gleichstellungsartikels, der Jahre zuvor verabschiedet worden war.

Zum Thema
Fehler gesehen?

1455 Franken und 44 Prozent – um diese Zahlen wird sich heute vieles drehen. Gut 1450 Franken nämlich verdient eine Schweizerin im Schnitt weniger pro Monat als ein Mann. Und 44 Prozent dieses Lohnunterschieds können nicht mit Faktoren wie Ausbildungsniveau oder Berufserfahrung erklärt werden. Dafür übernehmen Frauen den grössten Teil der unbezahlten Arbeit: 31 Stunden pro Woche werden in Kinderbetreuung, Altenpflege und Hausarbeit investiert. Das zeigen Zahlen des Bundes.

Weiteres prangern die Streikkomitees an: So befinden sich an der Spitze der hiesigen Unternehmen zu 91 Prozent Männer.
Auch jenseits vom Berufsalltag werden Fakten aufgelistet: 6 von 10 Schweizerinnen wurden schon sexuell belästigt, 2 Frauen sterben monatlich durch häusliche Gewalt. Fast eine halbe Million Frauen mussten Geschlechtsverkehr gegen ihren Willen über sich ergehen lassen.

No Women, No News

In diversen Branchen haben sich Frauen deshalb zusammengetan. Auch Journalistinnen wollen mit Aktionen sowie einem Forderungskatalog für eine Verbesserung ihrer beruflichen Situation einstehen. Unter dem Motto «No Women – No News» kämpfen sie für die Erfüllung dieser Forderungen, die von über 1100 Medienschaffenden unterzeichnet wurden. Unter anderem werden grösserer publizistischer Einfluss, Lohngleichheit und Schutz vor sexueller Belästigung verlangt.

Auch auf einem eigens dafür geschaffenen Instagram-Account präsentieren Medienschaffende weitere und persönliche Forderungen. Häufig erwähnt wird, dass Frauen als Interviewpartnerinnen und Expertinnen medial stark untervertreten seien. Auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist für viele unbefriedigend.

Drei Viertel aller Medien-Chefs sind männlich

Mit der Aktion Purple Screen schliesslich sollen in einem gemeinsam erarbeiteten Artikel Ungleichheiten im Mediensektor beleuchtet werden. Folgendes wird genannt: Journalistinnen verdienen monatlich 1100 Franken weniger als ihre männlichen Kollegen, in Chefredaktionen sogar 1400 Franken. Führungspositionen sind in drei von vier Fällen von Männern besetzt, knapp drei Viertel aller Tages- und Wochenzeitungen haben einen männlichen Chef. In den Sport-Ressorts arbeiten rund 90 Prozent Männer. Die Ressorts Politik und Wirtschaft sind ebenfalls Männerdomänen.

Eine Frau, die aus persönlicher Erfahrung sprechen kann, ist die Journalistin und Autorin Michèle Binswanger. Sie nimmt Stellung zu den einzelnen Punkten und rät allgemein berufstätigen Frauen, was sie gegen Formen der Diskriminierung tun können.

Lohnungleichheit

Betreffend Lohnungleichheit rät Binswanger: «Frauen lassen sich oft mit weniger abspeisen als Männer – aus falscher Bescheidenheit, weil sie nicht wissen, was sie wert sind, oder sich nicht trauen, den entsprechenden Lohn einzufordern.» Sie rät, sich darüber zu informieren, was andere verdienen, und wie man um mehr Lohn verhandelt und diesen dann tatsächlich einfordert.

Zu wenige weibliche Chefs oder Chefredaktorinnen

Auch das Problem von zu wenigen Frauen in Führungspositionen kennt die Journalistin. «Zuerst und vor allem sollen Frauen im Job bleiben – auch wenn sie Mütter werden.» Dies sei die grosse Klippe, die Frauen überwinden müssten, wenn sie an die Spitze wollten. Die Firmen ihrerseits müssen ihnen in der Hinsicht entgegenkommen. «Und dann müssen die Frauen es sich vor allem zutrauen, Chancen packen, und sie dürfen nicht aufgeben, wenn es ein paar Anläufe braucht.»

Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz

«Die Firmenkultur spielt hier eine wesentliche Rolle. Konkret, ob von der Chefetage her signalisiert wird, dass man Übertretungen nicht toleriert, oder ob Sexismus als Bagatelldelikt aufgefasst wird.» Trotzdem müssten Journalistinnen natürlich deutlich machen, wenn sie sich belästigt fühlten – und sich allenfalls mit Kolleginnen zusammenschliessen, um gegen jemanden vorzugehen.

Zu wenig Expertinnen in den Medien

Ein immer wieder angeprangerter Punkt von Feministinnen ist, dass es zu wenige weibliche Interviewpartner und Experten gebe. Laut Binswanger kann man hier Abhilfe schaffen, indem man sich als weibliche Medienschaffende aktiv um ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis bemühe und das an Sitzungen aufs Tapet bringe, «also aktiv Expertinnen sucht». Zwar sei dies teils etwas mühsamer, weil Frauen weniger sichtbar seien und sich weniger vordrängeln würden als Männer. Dennoch lohne sich der Aufwand, weil «Frauen ja genauso Zeitung lesen und sich auch gern in den Medien repräsentiert sehen».


Als neutrale Newsplattform, die konsequent allen Meinungen ein Podium bietet, schliesst sich 20 Minuten der Aktion Purple Screen nicht an, sondern diskutiert die Forderungen der Journalistinnen in diesem Rahmen.

(jk)