Frauenstreiktag

14. Juni 2011 13:57; Akt: 14.06.2011 14:12 Print

«Frauenmehrheit im Bundesrat ist ein Zufall»

von Jessica Pfister - Christiane Brunner hat den Frauenstreiktag vor 20 Jahren ins Leben gerufen. Heute propagiert die Genfer SP-Politikerin eine neue Form der Frauenbewegung.

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Blickt mit guter Erinnerung auf den ersten Frauenstreiktag 1991 zurück. SP-Politikerin und Initiantin Christiane Brunner. (Bild: Keystone)

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Sind Sie heute auf der Strasse am Streiken?
Christiane Brunner: Ja, ich laufe an der Demonstration in Genf mit. Reden habe ich dieses Jahr aber alle abgesagt. Ich wollte die Veranstaltung wieder mal von einer anderen Seite miterleben.

Braucht es den Frauenstreiktag heute überhaupt noch?
Auf jeden Fall. Es sind noch lange nicht alle Forderungen, die wir vor 20 Jahren gestellt haben, realisiert worden. Ich denke da vor allem an gleiche Löhne für gleiche Arbeit, familienverträgliche Arbeitszeiten sowie den Ausbau der Kinderbetreuung.

Ist es nicht frustrierend, dass viele Forderungen von heute dieselben sind wie damals?
Klar ist es frustrierend. Gerade bei den Löhnen habe ich mir eine schnellere Entwicklung erhofft. Immerhin ist das Gleichstellungsgesetz seit 1996 in Kraft. Hier liegt es vor allem an den Unternehmungen, Massnahmen für gleichwertige Löhne zu ergreifen.

Sind die Frauen nicht auch selbst schuld, dass sie heute noch immer weniger verdienen?
Um genug Lohn zu verlangen, müssen Frauen sicher noch ein stärkeres Selbstbewusstsein entwickeln. Voraussetzung dafür ist aber, dass die Löhne transparent kommuniziert werden. Dies ist aber leider noch immer ein gesellschaftliches Tabu.

Sie haben den Frauenstreiktag vor 20 Jahren initiiert. Was hat sich verändert?
Der erste Frauenstreiktag 1991 hat uns Frauen Selbstbewusstsein gegeben und aufgezeigt, dass wir gemeinsam stark sind. Was die Technologie angeht, lebten wir damals noch wie im Mittelalter. Wir hatten kein Internet und kein Mobiltelefon, um unseren Streik-Aufruf zu verbreiten. So wusste ich überhaupt nicht, was passieren würde. Erst am Abend bei einem Interview im Schweizer Fernsehen habe ich erfahren, dass mehr als eine halbe Millionen Frauen auf die Strasse gingen. Ich war überglücklich und strahlte nur noch vor Freude.

Heute rechnen die Organisationen mit 100 000 demonstrierenden Frauen – weit weniger als vor 20 Jahren. Lassen sich junge Frauen mit dem Thema Gleichstellung überhaupt noch mobilisieren?
Junge Frauen, die heute ins Berufsleben einsteigen, fühlen sich kaum mehr diskriminiert. Die Probleme sind aber nicht weg, sondern haben sich verschoben. Das merken die Frauen spätestens dann, wenn sie Kinder kriegen und es um Arbeitszeiten und Betreuung geht. Deshalb hätte man für den Frauentag eine neue Form finden müssen. Eine, mit der sich die Frauen wieder mobilisieren lassen.

Haben Sie konkrete Vorstellungen?
Ich habe einige Ideen. Aber heute ist nicht der richtige Tag, um darüber zu sprechen.

Wie beurteilen Sie die Gleichberechtigung in der Politik? Heute wird die Schweiz erstmals von einer Frauenmehrheit im Bundesrat regiert.
Im Parlament sind es aber noch lange nicht 50 Prozent Frauen. Und auch im Bundesrat ist die Frauenmehrheit eher ein Zufall – für einmal zugunsten der Frauen.

Trotzdem kam die Frauenmehrheit ohne Quote, wie sie eine Initiative im Jahr 2000 gefordert hatte, zustande.
Das ist richtig. Ich stehe heute einer Frauenquote auch kritisch gegenüber.

Heute rufen nicht mehr nur Frauen nach Gleichberechtigung, sondern auch Männer – zum Beispiel wenn es um das Sorgerecht der Kinder geht. Haben Sie Verständnis für die Anliegen der Männer?
Zum Teil. Wenn Männer und Väter diese Rechte einfordern, müssen sie im Gegenzug aufzeigen, dass sie die Verantwortung wahrnehmen können. Rechte sind immer gut, aber dazu gehören auch Pflichten. Das ist den Männern noch zu wenig bewusst.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Deeh am 14.06.2011 15:25 Report Diesen Beitrag melden

    Was' das denn?

    Was macht die beim streiken, die soll zurück in die Küche! Nein, ernsthaft - wenn Gleichberechtigung dann bitte auf der ganzen Linie (Dienstpflicht, Scheidungen, Kinder) und nicht nur bei der Kohle.

    einklappen einklappen
  • Schweizerin am 14.06.2011 18:13 Report Diesen Beitrag melden

    Rosinenpickerei

    Gleicht die Löhne der Frauen an und dann reichts mit der Rosinenpickerei. Frau ist schon lange nicht mehr das schwache Geschlecht, das scheinen aber Brunner und Co. nicht zu registrieren. In spätestens zehn Jahren muss Mann sehen, dass er überhaupt noch irgendwelche Rechte und nicht nur Pflichten hat.

  • Meinungsvertreter am 14.06.2011 14:28 Report Diesen Beitrag melden

    Einnahmen =/= Ausgaben

    Versteht mich nicht falsch.. Ich bin wirklich dafür dass die Gleichberechtigung endlich vollumfänglich eintritt.. aber: Dann soll die Krankenkasse bei Frauen gleich viel kosten wie bei Männern, die andern Versicherungen ebenfalls, ausserdem die Militärentschädigung (wurde in die Reserve gesteckt... leiste aber meinen dienst) von 800.- umgemünzt werden, die Frauen die sich in den bars anmachen lassen, sollen ihre Drinks selbst bezahlen und die Frauenrabatte sollen ebenfalls aufhören... DANN wäre es fair.. vorher von lohngleichheit zu sprechen, wenn die Ausgaben ungleich sind, ist absurd!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Viktor am 15.06.2011 14:44 Report Diesen Beitrag melden

    Weg mit der alte Eisen

    Die letzte Demo hat's gezeigt: Junge Frauen haben kein Problem mit Ihrer Geschlecht. Sie fühlen sich nicht benachteiligt und haben genug von diese sexistische Diskrimination. Irgendwann sollten die XX.-Jahrhundert alte Garde pensioniert werden. Sexistische Aktivisten, die Ziele sind erreicht, wegtreten.

  • Marco am 15.06.2011 08:42 Report Diesen Beitrag melden

    Gleichberechtigung

    Als sich ein paar Männer mit dem Thema befassen wollten, ob man nun für oder gegen diese Gruppierung ist sei dahingestellt, wurden sie bedroht und das Restaurant, in welchem sie tagen wollten, mit Farbe beschmiert. Ist das die Gleichberechtigung, die man anstrebt?

  • Flor renaulg am 15.06.2011 07:59 Report Diesen Beitrag melden

    Zufall oder Unfall

    Frau Brunner: Die Frauenmehrheit im BR ist nicht Zufall, sondern ein absoluter Unfall

  • Peschä am 15.06.2011 01:34 Report Diesen Beitrag melden

    Gleiche Löhne

    Sind auch im Interesse der Männer, da Frauen sonst bevorzugt eingestellt werden könnten, wenn das Unternehmen ihnen weniger zahlen muss. (Lohndumping-Effekt)

  • Eine Frau am 14.06.2011 22:15 Report Diesen Beitrag melden

    Zufall

    Ich würde gerne auf solche "Zufälle" verzichten. Selbst als Frau kann ich sagen, dass genau in solchen Positionen Frauen nicht unbedingt im Dienste der Schweiz arbeiten.