Gemeinden im Dilemma

14. Juli 2014 14:46; Akt: 14.07.2014 16:09 Print

«Freie» Asylplätze sind schon belegt

von J. Büchi - Nicht nur kantonale Durchgangsheime, auch die Asylunterkünfte der Gemeinden platzen aus allen Nähten. Schuld ist der Wohnungsmarkt – und ein bürokratisches Missverständnis.

storybild

Engpässe im Asylwesen: Die Plätze für Asylsuchende sind knapp anerkannte Flüchtlinge finden nur schwer eine Wohnung. (Bild: Keystone/Steffen Schmidt)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Die Asyl-Verantwortlichen in Winterthur sind mit einer paradoxen Situation konfrontiert: Ihre Asylunterkünfte und -wohnungen sind bis auf den letzten Platz belegt. Trotzdem erfüllt die Gemeinde ihr verlangtes Asylkontingent – 0,5 Prozent der Einwohnerzahl – nicht. Gemäss Statistik beherbergt sie rund 40 Personen zu wenig. Wie kann das sein?

Die Statistik erfasst nur Asylsuchende und vorläufig aufgenommene Ausländer mit Bewilligung F. Sobald eine Person die Erlaubnis bekommt, in der Schweiz zu bleiben – also ein anerkannter Flüchtling wird – verschwindet sie aus dem Register. Der Kanton geht davon aus, dass an ihrer Stelle ein neuer Flüchtling platziert werden kann – offiziell müsste die Person ihr Zimmer im Wohnheim räumen und eine Wohnung suchen. Da der Wohnungsmarkt aber ausgetrocknet ist, finden viele anerkannte Flüchtlinge kein neues Zuhause und bleiben in der Unterkunft.

System droht zu kollabieren

«Das führt bei uns zu einem enormen Engpass», sagt Simon Stark, Leiter des Sozialdiensts Asyl in Winterthur. Derzeit sei jeder fünfte Bewohner in ihren Asylstrukturen ein anerkannter Flüchtling, der eigentlich ausziehen müsste – Tendenz steigend. Gleichzeitig nimmt die Zahl der neuen Asylsuchenden zu.

Stefan Frey von der Schweizerischen Flüchtlingshilfe bestätigt, dass sich das Problem in den letzten Monaten mit der steigenden Zahl der Flüchtlinge aus Syrien und Eritrea verschärft. «Sowohl in der Deutschschweiz als auch in der Romandie haben zahlreiche Gemeinden damit zu kämpfen.» Dies sei umso gravierender, da auch die Durchgangsheime der Kantone, in die die Flüchtlinge in einer ersten Phase kommen, teilweise heillos überbelegt sind.

Wohncoaching soll helfen

Im Schweizer Asylwesen staut es also an allen Ecken und Enden. Damit das System nicht total kollabiert, müssen dringend Massnahmen her. Winterthur versucht nun, mit einem Coaching für die Wohnungssuche die Situation zu entschärfen. Zudem würden laufend weitere Wohnplätze überprüft, die für die Unterbringung von Asylsuchenden in Frage kämen. Hier stellt sich laut Stark eine weitere Herausforderung: Die derzeitigen Strukturen sind auf Flüchtlinge aus Nordafrika ausgerichtet, die vor zwei Jahren vor allem als Einzelpersonen in die Schweiz kamen – syrische Flüchtlinge kommen hingegen oft in grossen Familienverbänden.

Eine Lösung wäre laut Stefan Frey das Umfunktionieren leerstehender Bauten in Asylunterkünfte. Dies scheitere aber oftmals am Widerstand der lokalen Bevölkerung und einzelner Politiker. In Aarburg AG veranstalteten Einwohner etwa eine Anti-Flüchtlings-Grillparty, um gegen die geplante Aufnahme von Asylbewerbern in einer renovierten Unterkunft zu protestieren.
Auch das Projekt einer Unterbringung von Flüchtlingen bei Privaten, das die Flüchtlingshilfe schon lange plant, erlitt aus ähnlichen Gründen immer wieder Rückschläge. Für Frey völlig unverständlich: «Es ist eine Schande, wenn fremdenfeindliche Rappenspalter in der reichen Schweiz funktionierende Lösungen verhindern.» Für ihn ist klar: Nur wenn diese Projekte realisiert werden können, kann die Schweiz ihre Engpässe im Asylwesen beseitigen.