Schlägerei an Hochzeit

19. September 2016 21:13; Akt: 19.09.2016 21:13 Print

«Frustration wird in Alkohol ertränkt»

Auf einer eritreischen Hochzeit kam es am Samstagabend zu einer Massenschlägerei. Toni Locher, Honorarkonsul von Eritrea, erklärt, wie es dazu kommen konnte.

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Mit 300 geladenen Gästen wollte ein eritreisches Brautpaar am Samstag in der Auenhalle in Aarau-Rohr friedlich seine Hochzeit feiern. Doch kurz vor 22 Uhr kam es zu einem Streit, der in einer Massenschlägerei endete. Gemäss der Kantonspolizei Aargau waren schätzungsweise 50 Personen in die Schlägerei verwickelt.

Aus allen Regionen des Kantons wurden 25 Patrouillen der Kantonspolizei und von verschiedenen Regionalpolizeien nach Rohr aufgeboten. Dadurch beruhigte sich die Lage vor der Auenhalle sehr schnell. Die Ursache für die Eskalation war eine Bagatelle, wie Marianne Koch, Sprecherin der Kantonspolizei Aargau, dem Regionalsender Tele M1 sagt.

An Resilienz verloren

Am Sonntagmorgen waren immer noch Spuren der Feier zu sehen – etwa leere Bierdosen. Der eritreische Hochzeitsgast Teame Haile sieht im Alkohol und der Perspektivlosigkeit der jungen Eritreer die Ursache für die Eskalation.

Laut Toni Locher, Honorarkonsul von Eritrea in der Schweiz, gibt es in der eritreischen Kultur kaum Gewalt: «Ich habe noch kein einziges Hochzeitsfest in Eritrea erlebt, an dem Gewalt vorkam.» In Eritrea habe er eine der friedlichsten Gesellschaften Afrikas erlebt. Auch die Hauptstadt Asmara sei bekannt für die tiefste Kriminalitätsrate weltweit.

Anders sieht es bei den jungen männlichen Eritreern aus, die in die Schweiz kommen. Speziell erwähnt er die unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden: «Auf der schlimmen Reise haben sie viel an Resilienz verloren», erklärt Locher, «es kommt zu einem Verrohungsprozess.»

Keine politischen Hintergründe

In der Schweiz seien diese jungen Männer dann frustriert. «Das, was ihnen vom Westen und von der Schweiz vorgegaukelt wurde, ist nicht wahr geworden», erklärt Locher. Statt in einem Konsumparadies zu leben, eine Ausbildung abzuschliessen oder frei einen Beruf auswählen zu dürfen, könnten sie nur in den Zivilschutzanlagen herumsitzen und müssten lange warten.

«Diese Enttäuschung und Frustration versuchen sie im Alkohol zu ertränken», so Locher. Das sei auch beim Vorfall von Rohr die Ursache gewesen: «Es hat keine politischen Hintergründe. Die gewaltsamen Angriffe der eritreischen Oppositionellen auf Feste der schon lange in der Schweiz lebenden und integrierten, eher regierungsfreundlichen Diaspora wie 2011 in Winterthur und 2013 in Dietikon haben deutlich abgenommen.»

«Auffangstrukturen sind überfordert»

Gemäss Locher ist es keinesfalls so, dass eritreische Feste in der Schweiz immer wieder in Gewalt ausarten. «Was aber stimmt, ist, dass zu viele Eritreer – vor allem unbegleitete Minderjährige – in die Schweiz kommen», sagt Locher. «Sowohl die alte Eritrea-Diaspora, die die unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden auffangen könnte, wie auch die Schweizer Auffangstrukturen sind überfordert.»

Laut Locher gibt es nur eine mittelfristige Lösung: Den Zustrom der Minderjährigen aus Eritrea zu bremsen. Dazu müsse die Schweiz mit der Regierung Eritreas Gespräche aufnehmen. «Es sollte überprüft werden, wie die unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden nach Eritrea zurückgeführt werden können», sagt Locher. «Denn auch die Kinder Eritreas gehören zurück zu ihren Eltern und in die Schule oder in eine Berufslehre, damit sie nicht hier in der Schweiz in Alkohol, Kriminalität und Prostitution verelenden.»

(qll)