Dragqueen Stella Sanchez (18)

02. Juni 2018 22:16; Akt: 02.06.2018 22:16 Print

«Für die Verwandlung brauche ich vier Stunden»

von Antonia Kaestner - Der 18-jährige Domenico wird regelmässig zur 1,90 Meter grossen Stella Sanchez. Er erklärt, warum er die Dragqueen-Szene liebt.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

In zwei Wochen ist in Zürich Pride Week. Die Strassen und Clubs werden Schauplatz des grössten LGBTQ+-Festivals der Schweiz. Dieses Jahr setzt sich das Event unter dem Motto «Same Love - Same Rights» für die Ehe für alle in der Schweiz ein. Im Rahmen der Pride Week rückt eine Fotoausstellung «Metamorphosis» die Schweizer Dragszene ins rechte Licht: Gezeigt wird die Verwandlung vom Mann in eine Dragqueen.

In dieser Szene Fuss gefasst hat auch Stella Sanchez aus Zürich, die mit bürgerlichem Namen Domenico Mauron heisst. Im vergangenen Jahr trat sie beim Heaven Drag Race an, einer Dragqueen-Wahl.

Olivia Jones als Inspiration

Domenico träumte schon früh davon, in Frauenkleider zu schlüpfen: Er hatte die deutsche Dragqueen Olivia Jones im Fernsehen gesehen und war fasziniert. Für seine erste Show stand er vor rund einem Jahr das erste Mal auf der Bühne. Geholfen hat ihm Agyness Champagne, ein bekannter Name in der Szene. Dem 2,03 Meter grossen Drag-Künstler begegnete Domenico, als er zum ersten Mal in Zürich im Heaven Club war. «Sie wurde meine Drag-Mutter. Es hat eigentlich jeder, der in der Drag-Szene arbeitet, eine. Sie gibt Tipps, passt ein bisschen auf und hilft, wenn man Fragen hat.»

Auf High Heels erreicht Stella stattliche 1,90 Meter. Mal trägt sie langes, rotes Haar, mal eine blonde Kurzhaarfrisur, immer aber lange Wimpern. Für die Verwandlung braucht sie vor einer Show oder einem Fotoshooting drei bis vier Stunden. «Wenn es schneller gehen soll, dann schaffe ich es auch in zwei Stunden, etwa wenn ich in den Club gehe. Dann sieht man ja auch nicht alles.»

200 Franken pro Show

Zur Zeit macht Domenico hauptberuflich Drag-Shows und Drag-Fotoshootings, auch wenn er eigentlich am liebsten als Drag-DJ auflegt. Noch sei es aber schwer, davon zu leben. «Es ist eigentlich nur möglich, weil ich bei meinen Eltern lebe und somit keine Miete zahlen muss.» Für eine Show bekommt er 100 bis 200 Franken, als DJ erhält er für dreieinhalb Stunden 250 Franken und für ein Modelshooting bis zu 600 Franken.

Bekanntere Namen könnten aber noch mehr verdienen, sagt er. In der Zukunft will er seine abgeschlossene Ausbildung zum Hairstylisten und Make-up-Artist nutzen, um sich eine sichere Existenz aufzubauen. «Trotzdem werde ich sicher weiter als Stella auftreten.»

Auf offener Strasse attackiert

Die Familie steht trotz seiner Homosexualität und seines ungewöhnlichen Berufes hinter Domenico. «Meine Mutter kommt oft zu Shows und mein Bruder ist eigentlich auch immer da.» Wenn er in Drag unterwegs ist, sei sein bester Freund fast schon eifersüchtig: «Ich ziehe dann so viel Aufmerksamkeit auf mich, dass er sich wie ein Schosshündchen fühlt.»

Wenn Stella in den Strassen von Zürich unterwegs ist, bekomme sie leider nicht nur positive Kommentare. Einmal wurde sie sogar ins Gesicht geschlagen. Aber umso mehr freut sie sich, wenn jemand sie erkennt und ein Foto mit ihr machen will. Kürzlich hätten ihn sogar zwei 14-jährige Mädchen ungeschminkt erkannt. «Als Mann auf Heels, hoffe ich, dass die körperliche Grösse Kraft gibt, so etwas Wichtiges wie die Individualität der Menschheit und ihr Recht darauf auszudrücken.»

«Es gibt nicht nur schwarz und weiss»

Stella tritt meist mit einer Playback-Show auf. Dabei wird ein Lied gespielt und die meist wie die jeweilige Sängerin verkleidete Queen lipsynct und performt dazu. «Das Spektrum bei einem Race oder einer Show ist aber sehr breit. Es gibt immer mehr Queens, die live singen, manche machen Comedy, Feuershows, Jonglage, viele Burlesque.»

Drag Queen zu sein und somit eine Frau zu verkörpern, bedeutet für Domenico, «den Leuten die Botschaft zu geben, dass es nicht nur schwarz und weiss gibt, sondern auch pink, violett, grün, blau oder was auch immer. Nicht jeder ist gleich.» Als Stella kann er sich ausleben und andere dazu motivieren, dasselbe zu tun. Ihm macht das nicht nur Spass, sondern er will damit auch Menschen berühren. Er weiss, dass es wahrscheinlich nie eine 100-prozentige Akzeptanz geben wird, aber er findet das gut so: «Das wäre langweilig. Trotzdem ist mir wichtig, dass die Menschen einander zuhören und nicht denken, dass ich als Drag Queen nichts zu sagen hätte. Jeder soll so leben können, wie er will.»