Prostitution

23. August 2019 11:35; Akt: 23.08.2019 12:02 Print

«Für eine Stunde Sex kriegst du 162 Franken»

von Désirée Pomper - Was für einen Wert hat mein Körper? In einem Zürcher Erotikclub lasse ich meinen Marktwert schätzen.

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Wie viel Geld erhalten Sexarbeiterinnen in der Schweiz für ihren Körper? Für den fünften Teil der 20-Minuten-Körper-Reportage lasse ich in einem Zürcher Erotikclub meinen Marktwert schätzen. Der Lohn wird aber nicht einfach so per Whatsapp preisgegeben. In einer fünfteiligen Serie geht 20 Minuten der Frage nach: 1. Teil: Was gibt es in der Schweiz für mein ? Im Gegensatz zu anderen Ländern wie Deutschland oder den USA ist das Blut in der Schweiz nicht kommerzialisiert. Spender werden aber kostenlos verköstigt und bekommen kleine Geschenke. Im zweiten Teil Serie ging es um das (40) aus Winterthur kauft europäisches Echthaar und verarbeitet es zu Extensions weiter. Auch sie selber trägt fremdes Haar. Umso heller das Haar, desto wertvoller. Auch gelocktes Haar (hier ein Männer-Rossschwanz) erzielt einen höheren Preis. Dieses blonde ist «das Wertvollste», was Cindy in ihrem Salon hortet. gibt es dafür nicht. So viel zahlt Cindy für den Haarankauf. Mehr Geld zahlen auf einschlägigen Online-Portalen. Einen Aufpreis gibt es für «jungfräuliches», also unbehandeltes Haar. Wendy* aus den USA bietet ihr 63 Zentimeter langes rotes Haar für an. «Mein Haar ist meist geflochten und sorgt immer für Gesprächsstoff», schreibt sie. Sie rauche und trinke nicht und wasche ihr Haar einmal pro Woche. Wie viel wohl fürgeboten wird? Ich schreibe es für 50 Dollar aus. Nach einer Stunde schreibt mir Thomas*: «Könntest du dir vorstellen, dass ich Dir die Haare schneide?» Später wird er mir bieten. Einer Frau, die Haare bis zu ihren Knöcheln hatte, habe er 1150 Franken für eine Rasur geboten. Einer anderen, die Haare bis zur Hüfte hatte, habe er 800 Franken gegeben. Gemäss der Handelsplattform sind 12 Prozent der Kunden . Die meisten Käufer verarbeiteten das Haar zu Perücken oder Extensions. Der Rekord-Verkaufspreis liege bei 6500 Dollar für das braune Haar einer Jungfrau. In Spanien ist die «Mach etwas, auf das du stolz sein kannst. Es hindert dich nichts daran, Eizellen zu spenden.» So werben spanische Fruchtbarkeitskliniken. Oder es wird an die Solidarität unter Frauen appelliert: «Spende deine Eizellen und helfe anderen Frauen, die Mütter werden wollen. Dank deiner Spende können Paare das grösste Geschenk ihres Lebens erhalten.» Oder so: «Eizellen zu spenden ist ein Akt der Solidarität» Experten kritisieren allerdings die anonyme Eizellenspende, die in Spanien praktiziert wird. Die Europäische Menschenrechtskonvention und UN-Kinderrechtskonvention besagt, dass . Dieses Recht sei gewichtiger als die Interessen der Eltern. Spenderinnen unterziehen sich einer Hormontherapie, damit mehrere Eizellen gleichzeitig heranreifen können. Dann wird die Patientin unter Narkose gesetzt. Der Arzt führt eine. Diesen Deal ging der 25-jährige Chinese Wang Shangkun als Teenager ein. Doch nun leidet er an einem Nierenversagen und ist ein Pflegefall. Der Handel mit Nieren ist überall ausser im Iran verboten. Dennoch nutzen Nierenhändler die Armut Benachteiligter skrupellos aus. Joe (36) aus Manila ist einer von Abertausenden, der seine Niere auf Facebook zum Verkauf anbietet. «Als Taxifahrer bringe ich meine Familie kaum durch», sagt er zu 20 Minuten. In den sozialen Medien bieten vermeintliche Ärzte hunderttausende Dollar für eine Niere. Zum Beispiel Dr. Krishna. Er bietet 430'000 Dollar für meine Niere. Ein Fantasiepreis. Auf dem Schwarzmarkt erhalten Nierenverkäufer laut Experten zwischen 2000 und 10'000 Dollar. Dr. Krishna gibt an im Fortis Hospital in Delhi in Indien zu arbeiten. Er nennt die genaue Adresse, wo die Nierenspende stattfinden soll. «Machen Sie sich keine Sorgen», schreibt der angebliche Arzt. Dann aber verlangt Dr. Krishna eine Registrierungsgebühr in der Höhe von 180 Dollar. Dr. Krishna wird etwas ungeduldig. Die gleiche Masche verfolgt auch Dr. David Kapoor vom «Kidney Hospital». Er offeriert mir sogar 800'000 Dollar für meine Niere. Und schickt mir ein Beweisbild... Auch dieses Foto soll Vertrauen erwecken.

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Blut spenden? Kein Problem. Meine Haare für Geld opfern? Warum nicht. Meine Eizellen für 1000 Euro spenden? Nein, mein Erbgut bleibt bei mir. Eine Niere hergeben? Spenden ja, verkaufen nein. Aber meinen Körper zur Befriedigung von Männern verkaufen? Undenkbar.

Umfrage
Würdest du deinen Körper für sexuelle Dienste verkaufen?

Doch wie viel verdienen Sexarbeiterinnen in der Schweiz eigentlich? Ich kontaktiere per Whatsapp einen grossen Schweizer Saunaclub. Eine Antwort auf die Frage gibt es hier aber keine.


Per Whatsapp gibt es beim Saunaclub keine Antwort auf die Frage, wie viel Sexarbeiterinnen hier verdienen.

Also versuche ich es bei einem anderen Etablissement.
Ich wähle die Nummer des «besten Erotikstudios» in Zürich, das «aufgestellte Girls» zwischen 18 und 32 mit Schweizer oder EU-Pass sucht. Die Mädchen erwarte «ein super Arbeitsklima» und ein «Schnuppertag mit sorgfältiger Einführung für Anfängerinnen». Aber bevor sie mit dem Lohn rausrückt, will Geschäftsführerin Claudia* zuerst Fotos sehen. Nein, Nacktbilder seien nicht zwingend. Einzige Bitte: «Kein Photoshop.» Sie fragt nach Grösse, Gewicht und Alter. Ich frisiere die letzten beiden Zahlen etwas nach unten und schicke Fotos, die schon einige Jahre zurückliegen. Claudia bittet zum Treffen.

Mein Herz im gepimpten Décolleté klopft lauter als vor meinem ersten Bundesratsinterview. Ich streife den Ehering ab und trete durch die offene Tür des gepflegten Hauses in einem angesagten Quartier. Die Fenster sind abgedunkelt, es riecht nach abgestandenem Zigarettenrauch. Zierliche Frauen in Spitzenunterwäsche sitzen in der Garderobe. Ihre Beine sind kürzer als die auf den Bildern der Club-Website. In der Lounge läuft ein Porno ohne Ton. Es ist 16 Uhr.


Serie: Was für einen Wert hat mein Körper?

Teil 1: Ein Konfibrot für mein Blut>
Teil 2: Wie viel zahlst du für mein langes Haar?
Teil 3: 1000 Euro für eine Eizellenspende in Spanien
Teil 4: Das illegale Geschäft dubioser Nierenhändler
Teil 5: «Für eine Stunde Sex gibt es 162 Franken»

Claudia ist noch keine 30, trägt Brille, Hotpants, ein schlichtes Shirt und flache Sandalen. Osteuropäischer Akzent. Sie grüsst freundlich und führt mich in den ersten Stock in ein Zimmer, vorbei an einer duschenden Frau. Schwere, bodenlange Vorhänge, ein Doppelbett, Bettwäsche in Bordeaux, eine Kleenexbox auf dem Kissen. Im Raum steht ein Whirlpool, an der Duschkabinenwand klebt ein kitschiges Wasserfallfoto.

Was empfinden wohl die jungen Frauen, wenn sie mit ihren Klienten dieses pseudoromantische Zimmer betreten? Wenn sie ihre Dessous abstreifen, mit den fremden Männern in den Whirlpool steigen, die Decke zurückschlagen, die Freier mit der Zunge küssen, sie oral befriedigen und dann Sex mit Gummi mit ihnen haben, so wie es der klassische Service hier vorsieht? Können sie hier tatsächlich Lust empfinden, allenfalls Gleichgültigkeit oder einfach nur Ekel? Ich kann sie nicht fragen. Sie sprechen alle nur Rumänisch.

«Der Gast wählt ein Mädchen aus, dann gehts aufs Zimmer», erklärt Claudia, die mir öfter in den Ausschnitt als in die Augen schaut (und dabei nicht gerade überzeugt wirkt). Einen Kunden abzuweisen sei möglich, aber nicht üblich. Für die Sicherheit der Mädchen könne sie garantieren. Die meisten Männer seien Stammgäste.

Dann sprechen wir über Geld: 60 Prozent des Erlöses gehe an die Frauen, 40 Prozent an den Club. Das heisst konkret: Für eine Stunde Sex gibts 162 Franken in die Tasche. Den Preis für Extraservice wie Analsex würden die Mädchen selber bestimmen, das Geld dürften sie dann behalten. Pro Tag würden je 20 Franken fürs Putzen und die Steuern abgezogen. Wolle ich hier übernachten, koste mich das 30 Franken pro Nacht. Im obersten Stock des Bordells schlafen acht Frauen in einem Zimmer. Alle Betten sind zurzeit besetzt. Null Privatsphäre - nicht einmal nach dem Dienst. «Überleg dir, ob du das machen willst. Du kannst nächste Woche starten», sagt Claudia.

Ich aber will hier nur noch raus hier. Die Sonne blendet, als ich wieder draussen bin. Ich ziehe meinen Ehering über und spaziere erleichtert und etwas beschämt zurück in mein privilegiertes Leben. Ein Leben, in dem ich mir noch nie die Frage stellen musste, ob ich meinen Körper an fremde Männer verkaufen soll, damit ich finanziell über die Runden komme.

Lorena: «Ich funktioniere wie ein Roboter»


Frauen aus aller Welt verkaufen an der Zürcher Langstrasse ihren Körper.

Warum prostituieren sich Frauen in der Schweiz? An einem Donnerstagnachmittag um halb vier spaziere ich die Zürcher Langstrasse entlang, an der Frauen aus aller Welt ihren Körper verkaufen. Einige lehnen sich gegen die Hauswände. Andere sitzen vor den Beizen. Ich frage eine Frau mit riesigen Brüsten, ob ich mich zu ihr an den Tisch sitzen dürfe. Sie mustert mich und nickt. Lorena* hat ihr langes gewelltes schwarzes Haar mit einem grünen Haarband zurückgebunden.

20 Minuten: Hallo, darf ich mich zu dir setzen?
Lorena: (lacht verlegen) Ja klar, nimm Platz. Bist du Polizistin?
20 Min: Nein, warum?
Lorena: Naja, weisse Frauen wie du...
Lorena: Nein, ich bin Journalistin. Ich schreibe einen Artikel über den Wert des Körpers. Darf ich dir ein paar Fragen stellen?
Lorena: Ach, ich weiss nicht ob ich dir helfen kann.
20 Min: Woher kommst du?
Lorena: Aus der Dominikanischen Republik.
20 Min: Warum arbeitest du hier in Zürich an der Langstrasse?
Lorena: Ich mache das aus der finanziellen Not heraus. Für meine Kinder. Sie sind 6 und 10 Jahre alt. Meine Mutter schaut jetzt zu ihnen. Es ist das erste Mal, dass ich weg bin.
20 Min: Weiss deine Mutter, was du hier machst?
Lorena: Gott bewahre! Ich würde Schande über meine Familie bringen. Niemand weiss etwas davon. Niemand.
20 Min: Arbeitest du schon lange in der Schweiz?
Lorena: Nein, erst seit ein paar Wochen. Es ist das erste Mal, dass ich hier bin.
20 Min: Das heisst, du bist mit einem Touristenvisum hier und arbeitest illegal?
Lorena: Ja. Mit dem Touristenvisum kann ich drei Monate hierbleiben, dann gehe ich zurück in meine Heimat.
20 Min: Du sagst das mit einer Wehmut in deiner Stimme…
Lorena: Ich wünschte, ich müsste nicht da sein und diesen Job machen.
20 Min: Wie ist es für dich, deinen Körper für Sex zu verkaufen?
Lorena: (Pause) Es gibt keine Frau, die das gern macht. Sex gegen Geld mit fremden Männern zu haben ist ekelhaft und entwürdigend.
20 Min: Woran denkst du, wenn du dich prostituierst?
Lorena: Ich versuche an gar nichts zu denken. Ich funktioniere dann wie ein Roboter. Ich will die Sache einfach schnell hinter mich bringen.
20 Min: Was für Erfahrungen hast du mit Schweizer Kunden gemacht?
Lorena: Das sind anständige Männer. Keine Machos wie bei uns.
20 Min: Du hast gesagt, deine finanzielle Situation zwingt dich zu diesem Job. Wie viel verdienst du ungefähr?
Lorena: Mal so, mal so.
20 Min: Wie viel Geld kannst du Ende Monat voraussichtlich nach Hause schicken?
Lorena: Wenn es gut kommt, 500 Franken. Das Leben hier ist so teuer. Das habe ich unterschätzt. Ich zahle 100 Franken für das Hotelzimmer pro Nacht, in dem ich auch meine Kunden empfange.
20 Min: Aber lohnt sich das für dich finanziell überhaupt?
Lorena: Zumindest kann ich so die Privatschule meiner Kinder bezahlen.
20 Min: Hast du Freunde hier, mit denen du dich austauschen kannst?
Lorena: Nein. Entschuldige, ich muss los. Ich muss arbeiten.
20 Min: O. k. Danke für deine Zeit. Hier ist meine Nummer, falls du mal Hilfe brauchst.
Lorena: Danke. Es ist schön, für einmal nicht unsichtbar zu sein in dieser Gesellschaft. Einfach wahrgenommen zu werden als Mensch. Machs gut.

Das Recht auf Selbstbestimmung und Gewerbefreiheit

Die Schweiz gehört bei käuflichem Sex zu den liberalsten Ländern: Angebot und Konsum von sexuellen Dienstleistungen sind erlaubt, ebenso Strassenstrich, Sex-Saunas und Bordelle. Prostitution gilt als Beruf, Prostituierte bezahlen Steuern und gelten meist als Selbständigerwerbende.

Der Gedanke dahinter: Auch Sexarbeitende haben das Recht auf Selbstbestimmung und Gewerbefreiheit. In Schweden dagegen ist Prostitution illegal, Freier werden bestraft, Prostituierte dagegen nicht. Mit dem Gesetz will die schwedische Regierung Menschenhandel und Gewalt eindämmen.


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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Peter Frischknecht am 23.08.2019 12:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kein Kunde

    Traurig,aber es gibt auch viele Frauen die sich verkaufen weil sie schnell viel Geld verdienen wollen!

    einklappen einklappen
  • Antonia Müller am 23.08.2019 12:07 Report Diesen Beitrag melden

    Mit Schulden aus dem Studium

    Jederdas ihre. Prostitution im Studium ist heute nicht nur in Japan normal. Aber vielleicht ist es was anderes, wenn die Kunden gleich alt sind

    einklappen einklappen
  • H.S. am 23.08.2019 12:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Was denken die Schweizer Männer

    Was ich als Frau schon immer mal wissen wollte, was ist für die Männer schöner, normaler 08/15 Sex mit einem geliebten Menschen (Ehefrau, Freundin) oder tabuloser, professioneller Sex mit einer top aussehenden Prostituierten!? Wäre interessant was die Schweizer Männer dazu sagen :-).

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Agglomeration AZ am 24.08.2019 12:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ganz einfach....

    Mein Körper ist unbezahlbar wie das Leben an sich!

  • Dr. No am 23.08.2019 18:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Spiessiges Getue

    Eine Frau verkauft ihren Körper nicht, sondern setzt Ihn ein als Arbeitsmittel zum Geldverdienen. Genauso wie Lehrer, Ärzte, Minenarbeiter, Müllsammler, Gleisarbeiter, Briefträger, Gärtner , Mechaniker und und und. Hört doch aufmit dem spiessigen Getue!

  • Ralf Berger am 23.08.2019 17:55 Report Diesen Beitrag melden

    Geht nicht.

    Mir ist die Liebe für den Sex nicht so wichtig. Allerdings würde ich nienals für Sex bezahlen dann lieber kein sex.

  • Branchenkenner am 23.08.2019 17:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Locker bleiben

    Am besten sind Escorts, die das wirklich nur als Hobby und gelegentlich machen. Man geht zusammen essen oder auf ein Konzert oder Spa, man muss nicht immer auf die Hüpfburg gehen und es soll beiden Spass machen. Besser ist wenn man sich regelmässig trifft und langfristig eine Geschäftsbeziehung hat und jeder geht danach seines Weges.

  • Thomas am 23.08.2019 17:35 Report Diesen Beitrag melden

    2o Minuten-Leser/innen ;)

    Sorry, aber wenn ich mir jeweils die Umfrage-Ergebnisse auf 20 Minuten anschaue, wundere ich mich schon: Nur 50% hier würden ihren Körper nicht verkaufen?! Vor ca. 1 Jahr habe ich von einer repräsentativen Studie gelesen, die zum Ergebnis kam, dass nur ca. 5% der Frauen und 8% der Männer in der Schweiz das tun würden. Ich frage mich, was dieses Umfrage-Ergebnis hier über das Niveau der 20 Minutenleser/innen aussagt? - Zu denen ich ja offensichtlich auch gehöre. ;) Oder ist 20 Minuten für das Rotlichtmilieu, was die NZZ für Wirtschaftsbosse ist? Wobei das eine das andere nicht ausschliesst...