Iran-USA-Konflikt

04. Januar 2020 09:58; Akt: 04.01.2020 10:06 Print

«General Soleimani war ein schrecklicher Mensch»

Nach dem Raketenangriff der USA in Bagdad auf General Qassim Soleimani spitzt sich die Lage im Iran weiter zu. 20 Minuten sprach mit in der Schweiz lebenden Iranern.

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EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen rief am Mittwoch in Brüssel zu Gesprächen auf. In der Nacht auf Mittwoch hat der Iran US-Truppen im Irak mit Raketen angegriffen. Beim Begräbnis des iranischen Generals Qassim Soeimani kam es laut Medienberichten zu einer Massenpanik. Die iranische Nachrichtenagentur Isna spricht unter Berufung auf einen Behördenvertreter von 50 Getöteten. Hunderttausende Iraner hatten sich am Dienstag vor der Beisetzung zu einer Trauerfeier in des Generals Heimatstadt Kerman versammelt. Der iranische General Qassim Soleimani wurde bei einem US-Angriff getötet. Die USA hätten das Recht, sich selbst zu verteidigen, sagt der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu nach der tödlichen Attacke. Soleimani und Abu Mahdi al-Muhandis, der stellvertretende Leiter der irakischen Volksmobilisierungskräfte, seien in einem Fahrzeug gefahren, als dieses von zwei aufeinanderfolgenden Lenkraketen getroffen worden sei, wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtete. Dem jüngsten Angriff waren Proteste vor der US-Botschaft in Bagdad vorausgegangen. Am Dienstag griffen mehrere Tausend Demonstranten die US-Botschaft in Bagdad an. Sie hatten sich Zugang zur hochgesicherten «grünen Zone» verschafft. Die US-Regierung verlegt wegen der jüngsten Spannungen im Irak per sofort 750 zusätzliche Soldaten in die Region. Demonstranten zünden in Bagdad amerikanische Flaggen an. Hintergrund ist die Wut vieler Iraker über die US-Luftangriffe vom Wochenende. Bei den Angriffen wurden mehr als zwei Dutzend paramilitärische Kämpfer getötet. Die schiitischen Milizen werden laut Washington vom Iran unterstützt. US-Präsident Donald Trump machte daher den Iran für die jüngsten Ausschreitungen verantwortlich und drohte mit Vergeltung. Im Iran ist eine Maschine der Ukraine International Airlines abgestürzt. Vom Flugzeug ist nicht mehr viel übrig. 176 Menschen sind ums Leben gekommen sein. Beim Flugzeug handelte es sich um eine Boeing 737. Wie der Chef der Rettungskräfte sagte, sei die Boeing in Brand geraten. Die US-Regierung geht davon aus, dass das Flugzeug abgeschossen wurde. Die Absturzstelle ist in der Nähe des Teheraner Imam-Chomeini-Flughafens. Die um kurz nach 05.00 Uhr Ortszeit gestartete Maschine mit der Flugnummer PS752 stürzte in ein offenes Feld nahe dem Teheraner Vorort Parand. Das Flugzeug hätte gegen 08.00 Uhr Ortszeit in der ukrainischen Hauptstadt Kiew landen sollen.

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Die in der Schweiz lebende Iranerin R. R.* (29) sagt: «Dass General Qassim Soleimani tot ist, ist eine gute Nachricht. Ich gehe heute feiern. Er war der schlechteste Mensch überhaupt.» Grosse Teile der iranischen Bevölkerung würden dies so sehen, so R. R. «Mir scheint, es ist Karma, dass Soleimani nach all dem Leid, das er Menschen in seiner Funktion als General zugefügt hat, einen solchen Tod erfahren hat.»

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«Die iranische Bevölkerung ist nicht so extremistisch wie die Regierung», sagt R. R. Beliebt sei Soleimani eigentlich nur bei jenen gewesen, die von der Regierung unter Ayatollah Ali Khamenei profitierten, oder aber bei der sehr armen Bevölkerung, die nur wenig Bildung erhielt und sich nicht weiter informieren könne über die Lage des Landes.

Anschlag auf die Führungselite

R. R. hält die Aktion der USA für gut: «Bislang haben sich die USA und Iran mit Sanktionen bekämpft. Das hat die iranische Regierung selbst eigentlich nicht getroffen. Mit dieser Aktion haben sie nun da hingezielt, wo es weh tut.» Und schliesslich habe der Anschlag die rechte Hand der Regierung getroffen, nicht die Bevölkerung. R. R. ist nicht der Ansicht, dass der Iran zu einem grossen Gegenschlag ausholen könnte: «Die Aufstände und die Inflation im Inland bremsen grosse Vergeltungsschläge aus.»

In Bezug auf die weiteren Entwicklungen des Landes sei sie eher pessimistisch eingestellt, sagt R. R. «Ich glaube nicht, dass es den Iran in naher oder ferner Zukunft noch so geben wird, wie er jetzt ist. Es ist ein grosses Land, das wohl aufgespalten werden wird. Damit kann die Macht verteilt werden.» Auch dass sie eines Tages in den Iran zurückkehren wird, glaubt R. R. nicht. «Es müsste sich so vieles ändern betreffend Frauen- und Menschenrechte. Ich denke nicht, dass dies noch zu meinen Lebzeiten passieren wird.»

Kritik am Vorgehen der USA

Etwas anders sieht es A. H.* (26): «Die Amerikaner haben einen grossen Fehler begangen.» Die Regierung Khamenei im Iran fühle sich nun in die Enge getrieben. A. H. ist sich sicher, dass sie nun einen Krieg gegen die USA und Israel beginnen wird. «Sie wird bestimmt den einen oder anderen Anschlag versuchen. Nicht aus dem Iran direkt, sondern wahrscheinlich über Miliztruppen im Irak, über die Hizbollah in Libyen oder dergleichen.» Der Krieg werde sich über die gesamte Region verteilen und dies könne auch zu grossen Problemen für Europa führen.

A. H. ist zwar gegen die Regierung Khamenei und die Entwicklungen unter dieser im Iran. «Trotzdem war Soleimani eine wichtige Figur in Iran, der auch einmal hätte Präsident werden können.» Er habe sich an vorderster Front gegen den IS im Ausland eingesetzt und dort Khameneis Ziele verfolgt. Sein Tod sei ein herber Verlust für die jetzige Regierung. «Ich bin dagegen, dass die USA die höchsten Personen im Iran terrorisieren.» Letztendlich treffen die Handlungen und Sanktionen Trumps vor allem die iranische Bevölkerung. «Deshalb haben auch die US-Streitkräfte in dieser Region nichts zu suchen, da sie den Völkern im Nahen Osten nur Krieg und Leid bringen.»

Auswirkungen auf Bevölkerung und Natur

Auch Y. A.* (27) befürwortet weder den Anschlag der USA auf Soleimani noch die angedrohten Gegenschläge des Irans. «Auch wenn der Iran kein demokratisches Land ist und unter militärischer Überwachung steht, haben die USA noch lange kein Recht, alles und jeden einfach zu eliminieren.» Sie habe schon lange mit der Eskalation des Konflikts gerechnet, aber nicht damit, dass die USA einen solch ranghohen Offizier ermorden würden. Y. A. sorgt sich um ihre Verwandten im Iran, denn sie ist sich sicher, dass die iranische Führung drastische Massnahmen ergreifen wird. «Präsident Trump hinterlässt der Welt einen Haufen Schutt und Asche. Dem sollte man ein Ende setzen können.»

Y. D.* ist der Ansicht, dass der Iran auf einem guten Weg war, bevor Trump Präsident wurde und er die von seinem Vorgänger eingeschlagenen Wege nicht mehr weiterverfolgen wollte. Die Situation sei nun sehr, sehr schlecht. «Die Region ist seit 1967 immer wieder Schauplatz von Kriegen und Konflikten. Aber Krieg bringt keine Lösung der Probleme.» Die Auswirkungen des Krieges würden nicht nur die Bevölkerung betreffen, die darunter leiden müsse. Auch die Natur leide stark darunter: «So viele Wälder in der Region wurden bereits abgebrannt. Und es gibt so viele verseuchte Flüsse deswegen. Ich wünsche mir, dass es nicht zum Krieg zwischen den USA und dem Iran kommt.»

* Namen der Redaktion bekannt

(ihr)