Orthorexie

26. August 2014 09:27; Akt: 26.08.2014 13:10 Print

«Gesundes Essen wird zur Ersatzreligion»

von S. Marty - Von gesundem Essen besessen zu sein, kann krank machen. Ernährungsexperten warnen vor körperlichen und psychischen Auswirkungen der sogenannten Orthorexie.

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Von gesundem Essen besessen zu sein, kann krank machen. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

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Von vegan über Rohkost bis hin zu Low-Carb: Essen ist heute längst zu einem Lebensstil geworden. Von gesundem Essen besessen zu sein, kann jedoch krank machen. So warnt die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie laut «Spiegel» vor der so genannten Orthorexie: Eine ausgeprägte Fixierung auf die Auswahl von gesundem und die Vermeidung von ungesundem Essen.

Noch existiert zwar keine offizielle Diagnose von Orthorexie. Laut heutigem Konzept wären laut einer Befragung des Bundesamts für Gesundheit von 2010 knapp 16 Prozent der Befragten von diesem «auffälligen Essverhalten» betroffen. Laut Ernährungsexperte David Fäh dürfte das Problem seither aber zugenommen haben. «Vor zehn Jahren haben Menschen versucht, möglichst fettarm zu essen, heute geht die Fokussierung aufs gesunde Essen viel weiter», so der Arzt.

Kein Zucker, viel Eiweiss, wenig Kohlenhydrate – der Zwang, nur das zu essen, was man selbst als gesund einstuft, ist laut Fäh in der Gesellschaft weit verbreitet: «Von überall her werden Menschen konfrontiert mit neuen Studienergebnissen und Ratschlägen darüber, was dem Körper gut tut.» Dies fördere solch rigides Essverhalten. «Personen, die an Orthorexie leiden, beschäftigen sich intensiv damit, was sie zu sich nehmen dürfen und was nicht.» Und sobald sie einmal über die Stränge schlagen würden, plagten sie Schuldgefühle. «Der Glaube an eine gesunde Ernährung vermittelt ihnen Halt und wird für sie zu einem dominanten Lebensinhalt, zu einer Art Ersatzreligion.»

«Sie fühlen sich als etwas Besseres»

Laut Erika Toman, Präsidentin vom Experten-Netzwerk Essstörungen, ist es schwer zu erkennen, bei wem solche Gedanken noch gesund und bei wem schon krankhaft sind. Auch weil die Betroffenen äusserlich nicht als solche erkennbar seien. «Der Übergang zum Zwang ist fliessend.» Als Faustregel gelte: «Wer mehr als 20 bis 40 Prozent des Tages übers Essen nachdenkt, weist vermutlich eine Störung auf.»

Schaut man aber genau hin, gibt es laut Iris Cook-Müller, Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft Ess-Störungen, wenig Zweifel: «Betroffene können zum Beispiel nicht mal mehr ein Gummibärchen essen, weil sie glauben, die Gelatine mache sie krank.» Der Verzicht auf Ungesundes führe bei ihnen zu einem gesteigerten Selbstbewusstsein: «Sie fühlen sich als etwas Besseres und blicken auf ihre Mitmenschen herunter, die noch immer ungesunden Fast- oder Junkfood essen.»

Von der Orthorexie zur Magersucht

Dieses zwanghafte Gesundheitsbewusstsein bleibt auch für den Körper nicht ohne Folgen. «Personen, die an einer Orthorexie leiden, laufen eher Gefahr, in eine schwerere Essstörung, wie eine Magersucht, hineinzuschlittern», warnt Fäh. Ausserdem berge sie die Gefahr der sozialen Isolation. «Restaurantbesuche, Mittagessen im Büro, Feste mit Freunden – dies alles werde zur Herausforderung, da dort die Selbstkontrolle der Betroffenen auffällt und Reaktionen auslösen kann.» Iris Cook weiss von einem Mann, der aufgrund seiner Orthorexie nicht mehr arbeiten konnte: «Er musste sich für drei Monate in einer Klinik behandeln lassen.»

Nicht zu unterschätzen sei der Trend vor allem, weil jeder Mensch in solche Muster hineinfallen könne – weder seien nur Junge noch ausschliesslich Frauen betroffen. Erika Toman: «Eine Person kann lange durchs Leben gehen, ohne zu merken, dass Essen zu einer überwertigen Idee geworden ist. Plötzlich ist sie mittendrin und kommt ohne Hilfe oft nicht mehr aus dem Zwang heraus.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Biene Maya am 26.08.2014 10:11 Report Diesen Beitrag melden

    An alle Betroffenen

    Seit ich erlebt habe, wie schnell der Tod kommen kann (unverhofft durch einen allergischen Schock), sehe ich die Dinge nicht mehr so eng. Man kann sich gesund ernähren und Sport treiben - und am Schluss wird man von einer einzigen Biene aus dem Leben katapultiert. Deshalb geniesst euer Leben und esst auch mal etwas unvernünftiges! Denn was bringt eine solch "perfekte" Ernährung voller Verzicht, wenn man mit 40ig plötzlich durch einen Unfall o.ä. stirbt?

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  • Fritz Marti am 26.08.2014 10:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Luxus pur

    Immer dieses grüne Geschrei. Man muss essen und damit hat es sich. Früher war man froh, wenn überhaupt etwas auf dem Teller war. Daran sollte man mehr denken.

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  • Michael Rohner am 26.08.2014 09:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gesund ?

    Low-Carb ist keineswegs gesund. Der körper erstellt von Kohlenhydraten 8 verschiedene sehr wichtige Fette ! Unter anderem auch sehr wichtig für die Hirnfunktion !...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Romeo am 26.08.2014 19:54 Report Diesen Beitrag melden

    Soso...

    ...wer sich also gesund ernährt, und nicht alles in sich reinstopft, was uns die Lebensmittelindustrie so als "Lebensmittel" verkaufen möchte, leidet also unter Orthorexie. Wieviel Knete die Fast-Food-Riesen der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie wohl für diese Meldung zugesteckt haben?

  • Pastafariot am 26.08.2014 19:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Alter Hut!!

    Ist seit dem blöden Spaghettimonster allen klar...!

  • Peter K. am 26.08.2014 18:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Witz des Tages

    Was für eine bodenlose Frechheit, so über Menschen herzuziehen und sie als krank zu betiteln? Menschen, die sich zu Recht Gedanken machen über ihre Gesundheit (da es die Gesetzeshüter ganz sicher nicht tun) und sich auch Gedanken machen über die ökologischen Hintergründe, aber auch um den Wahnsinn der unendlichen Tierquälerei in der Nutztierhaltung!

  • Wene67 am 26.08.2014 17:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gesund ernähren soll falsch sein???

    Ich bin überzeugter Rohköstler und vernachlässige nicht meinen Freundeskreis. Ich fühle mich auch nicht was Besseres, aber ich bin auch nicht einer der über ungesundesser herbsieht aber Jeder muss selber wissen was er seinem Körper antun will. Ich bin jedenfalls froh umgestellt zu haben und will nicht mehr zurück.

  • GreatestOfAllTime am 26.08.2014 17:31 Report Diesen Beitrag melden

    Ich verstehe.

    Dieser Artikel liest sich für mich etwa so: "Wer einer gesunden Ernährungsweise wie etwa low carb folgt, hält sich für etwas bessers und es ist eine Ersatzreligion. Solchen Menschen droht die soziale Isolation und auch bis zur Einweisung in eine Klinik ist es meist nicht mehr weit. Und das schlimmste von allem: sie müssen sogar auf Gummibärchen verzichten."