Rauchen, Trinken, Übergewicht

31. Oktober 2018 11:48; Akt: 31.10.2018 11:48 Print

«Kampagnen ändern das Verhalten der Leute nicht»

von Stefan Ehrbar - Viele Schweizer rauchen und sind übergewichtig. Ein Experte erklärt, weshalb Kampagnen wenig bringen und wie die Bevölkerung gesünder werden könnte.

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Die neuste Gesundheitsbefragung des Bundesamts für Statistik (BFS) zeigt: Der Anteil der Raucher geht nicht mehr zurück und verharrt bei 27 Prozent – im europäischen Vergleich ein hoher Wert. Mit Kampagnen könne man dem nicht beikommen, sagt der Präventionsexperte Martin Hafen. «Lebensstile sind gelernt und stabil. Sie mit kommunikativen Massnahmen verändern zu wollen, ist wirkungslos.» Die Kampagnen schafften aber ein Problembewusstsein auch in der Politik, so Hafen. Das zeige durchaus Resultate – etwa rauchfreie Orte. Viele Schweizer bringen laut der BFS-Studie zu viel Gewicht auf die Waage. Demnach sind 42 Prozent der Schweizer übergewichtig oder fettleibig. Der Anteil der körperlich Aktiven nahm dafür zu. Über drei Viertel der Schweizer sind körperlich aktiv. Insbesondere Frauen sind laut Bund vermehrt körperlich aktiv, so dass die Differenzen zwischen den Geschlechtern langsam verschwinden. Wer einen tertiären Schulabschluss hat, zeigt laut BFS häufiger ein gesundes Verhalten als Personen ohne nachobligatorische Schulbildung. Zwei Drittel der Bevölkerung achten auf ihre Ernährung. Trotzdem erfüllt nur jeder Fünfte die Ermährungsempfehlungen beim Früchte- und Gemüsekonsum – Frauen (28%) deutlich mehr als Männer (15%). Der Anteil der Vegetarier hat sich in den letzten 25 Jahren von 2 auf 6 Prozent verdreifacht. Die Schweizer fühlen sich wohl: 85 Prozent bezeichneten ihren Gesundheitszustand letztes Jahr als «gut» oder «sehr gut». Bei den 15- bis 44-Jährigen waren es gar 93 Prozent.

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Obwohl sich die Mehrheit der Schweizer gesund fühlt, sind viele zu dick oder trinken zu viel. Was man dagegen tun könnte, erklärt der Präventions-Experte Martin Hafen.

Umfrage
Muss die Politik mehr für die Gesundheit machen?

Herr Hafen, die grosse Mehrheit der Schweizer schätzt ihren Gesundheitszustand als gut ein. Gleichzeitig rauchen viele oder sind übergewichtig. Wie passt das zusammen?
Hier wurde nach einer rückblickenden Einschätzung gefragt. Das ist recht ungenau. Wenn man etwa mit einer App fünfmal täglich abfragt, wie sich jemand fühlt, gibt es andere Ergebnisse. Hinzu kommt: Übergewicht etwa ist ein physischer Zustand und muss nicht unbedingt etwas mit dem Wohlbefinden zu tun haben.

Viele Schweizer rauchen und trinken zu viel oder sind übergewichtig. Trotz grossangelegter Kampagnen ändern sie ihr Verhalten nicht. Wieso?
Kampagnen haben auf individuelles Verhalten keine nachweisbare Wirkung. Lebensstile sind gelernt und stabil. Sie mit kommunikativen Massnahmen verändern zu wollen, ist wirkungslos. Meiner Meinung nach sollten wir Individuen auch nicht einschränken. Das sollten wir nur, wenn Dritte betroffen sind – etwa beim Passivrauchen.

Sollten wir also auf solche Kampagnen gleich ganz verzichten?
Nein, denn sie schaffen ein Problembewusstsein in der Öffentlichkeit und in der Politik. Das ist wichtig und hat durchaus zu Ergebnissen geführt – etwa rauchfreien Restaurants.

Übergewicht, Rauchen und Alkoholmissbrauch verursachen hohe Gesundheitskosten. Wie kann man dem beikommen?
Mit einer Änderung der strukturellen Rahmenbedingungen. Es ist in der Forschung unbestritten, dass nur das wirklich etwas bewirkt. Die Schweiz hat etwa im internationalen Vergleich sehr viele Raucher. Der Grund ist klar: Wir haben eines der laschesten Gesetze in Bezug auf Tabak. Der prominent vertretenen Industrie gelingt es immer wieder, auf die Regulierung Einfluss zu nehmen. Wirkliche Veränderung würde es nur geben, wenn die Preise steigen und die Verfügbarkeit sinken würde. Dasselbe bei der Ernährung: Ampelsysteme oder eine Zuckersteuer bringen viel, stossen aber auch auf viel Widerstand.

Es scheint widersprüchlich: Ausgewogene Ernährung und ein gesunder Lebensstil werden immer wichtiger. Trotzdem sind 42 Prozent übergewichtig oder fettleibig.
Das durchschnittliche Körpergewicht nimmt in der Schweiz weiter zu. Das hängt mit den Rahmenbedingungen zusammen. Vor 100 Jahren konsumierte ein Durchschnittsbürger ein Kilo Zucker pro Jahr. Heute sind es 50 Kilo. Insbesondere in verarbeiteten Nahrungsmitteln gibt es viel versteckten Zucker. Um Regulierungen zu verhindern, kämpft die Nahrungsmittelindustrie mit den gleichen Strategien wie die Tabakindustrie.

Dass vorbereitete Lebensmittel ungesund sind, ist nun aber kein Geheimnis. Wo bleibt die Eigenverantwortung?
Solches Essen ist zeitsparend, und das ist heutzutage für viele wichtig. Die Stressbelastung hat in den letzten Jahren enorm zugenommen. Schon bei den Schülern zwischen 12 und 16 Jahren gibt die Hälfte an, regelmässig gestresst zu sein. Stress erfordert Bewältigungsmöglichkeiten – und Essen oder Rauchen sind solche. Hinzu kommt, dass wir uns in einer hochmotorisierten Gesellschaft bewegen. Wir bewegen uns einen Bruchteil von dem, was unsere Vorgänger leisteten.

Was könnte man konkret tun?
Bleiben wir beim Beispiel Übergewicht: Man kann Kinder in Bewegungsprogramme schicken. Das bringt im Einzelfall vielleicht sogar etwas. Aber viel sinnvoller wäre es, die Quartierstrassen verkehrsfrei zu machen. Dann würden sich Kinder automatisch mehr bewegen. Wenn im Supermarkt an der Kasse nicht Süssigkeiten, sondern Äpfel zum Verkauf angeboten würden, wäre das ziemlich wirksam. Das sind Massnahmen, die sich auf die Anbieter konzentrieren, nicht auf die Individuen, und Rahmenbedingungen für einen gesunden Lebensstil ermöglichen.

Warum wird es nicht getan?
Betriebswirtschaftlich macht es weniger Sinn. Wir leben nun mal in einer kapitalistischen Gesellschaft, in der Profit wichtig ist. Massnahmen für die öffentliche Gesundheit haben es in der jetzigen Zusammensetzung des Parlaments schwer. Wir müssen aber auch aufpassen, dass unser Streben nach Gesundheit nicht zu einer Ideologie mit quasi religiösem Charakter verkommt. Wenn man schaut, wie heftig die Ideologien etwa beim Essen heute vertreten werden, ist etwas mehr Gelassenheit angebracht.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Marteria am 31.10.2018 12:01 Report Diesen Beitrag melden

    leben lassen...

    Ganz ehrlich, ich lebe so gesund wie ich will!!! Wenn man die Gesundheit wirklich stärken will, dann hört mal auf mit dem ständigen Arbeitsdruck! Immer weniger Leute müssen immer mehr Leisten (Wachstum) und das ist immer mit der Drohung verknüpft, dass man sonst sogar die Arbeitsplätze ins Ausland verlagern müsse usw... Wenn man sich sorgt, ob man morgen noch genug hat, dann geniesst man das heute! Und das ist auch gut so ;)

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  • Kurt am 31.10.2018 11:58 Report Diesen Beitrag melden

    Was sind Kampanien?

    Kampanien sind nur Propaganda einer bestimmten Interessengruppe. Nicht mehr. Nicht weniger.

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  • Peter M am 31.10.2018 11:55 Report Diesen Beitrag melden

    Keine Bevormundungen

    Vorschläge sind ok, ich will mich jedoch nicht noch mehr bevormunden lassen. Wenn es zu spät ist, werden viele merken was für Freiheiten wir dank Rot/Grün aufgegeben haben werden.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Yann. am 03.11.2018 10:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Raucher gefährden

    Menschenleben. Es braucht Gerichtsurteile um die Raucher zu bestrafen.

  • Reini am 02.11.2018 22:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    unbeirrbar

    Das ist reine Geldverschwendung. Da profitieren nur ein paar Verklärte. Was soll das überhaupt? Nur weil da ein paar grauslige Bilder drauf sind, hören die auf zu rauchen?? Wie naiv seid ihr denn?

  • harryN am 02.11.2018 21:02 Report Diesen Beitrag melden

    Die folge ist Einsamkeit

    Raucher und Nichtraucher wir lebten... sassen zusammen in der Kneipe und diskutierten ob Sinn oder Unsinn. Die Kneipen sind leer ... manche Wirte haben aufgegeben. warum muss eine Mehrheit einer Minderheit Vorschriften machen obschon kaum jemand der Minderheiten in den Kneippen ist ? Dachte Diskriminierung ist verboten ? Das leben in der Einsamkeit geht weiter ... freut euch Mehrheit..

  • Nichtraucherin am 02.11.2018 15:23 Report Diesen Beitrag melden

    Eigenverantwortung

    Mein Lebenspartner hat geraucht aber aber ich habe nie drunter gelitten. Er wusste wie man das macht und da war für mich gute so. Und der Rest ist Eingenveranwortung für sich.

  • Sarah Schönauer am 01.11.2018 20:00 Report Diesen Beitrag melden

    Mit denen kannst du keine Zeit verbingen

    Raucher sind eifach meeeeega grusig.

    • Meilo am 01.11.2018 21:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Sarah Schönauer

      Wenn man Knoblauch ist stinkst man auch. Raucher als grusig zu deklarieren finde ich diskriminierend. Der kalte Rauch riecht unangenehm für gewisse Leute, aber es gib schlimmeres.

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