Annäherung zwischen Erzfeinden

07. August 2018 17:57; Akt: 07.08.2018 17:57 Print

«Mit eritreischer Diktatur ist kein Frieden möglich»

von P. Michel - Der Krieg zwischen Eritrea und Äthiopien ist beendet. Schweizer Politiker wollen deshalb ein Migrationsabkommen. Der Eritreer Negasi Sereke hat Zweifel.

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Negasi Sereke (41) kam vor zehn Jahren in die Schweiz. Dem Frieden, den Eritrea und Äthiopien Anfang Juli geschlossen haben, traut er nicht: «Es ist nicht einmal im Detail bekannt, was im Friedensabkommen steht und ob Eritrea wie Äthiopien auch bereit ist, den bisher umstrittenen Grenzverlauf von 2002 zu akzeptieren.» Das eritreische Regime habe seine Bevölkerung immer nur angelogen, sagt Sereke. Er sei überzeugt, dass dies leider auch bei diesem Friedensabkommen der Fall sein werde. Doch welches Interesse hat Äthiopien, den jahrzentelangen Konflikt jetzt aufzulösen? Sereke vermutet wirtschaftliche Interessen: «Äthiopien möchte durch Eritrea Zugang zum Roten Meer erhalten. Zudem ist in Äthiopien ein neuer Premier an der Macht, der nicht mehr nur die Interessen der bisherigen politischen und wirtschaftlichen Elite vertritt und Konflikte beenden will.» Nachdem bekannt wurde, dass Äthiopien und Eritrea ein Friedensabkommen unterzeichnet hatten, forderten bürgerliche Politiker in der Schweiz ein Migrationsabkommen. Damit sollten Asylbewerber nach Eritrea zurückgeschickt werden können. Dies ist heute nicht möglich, die Behörden müssen darauf vertrauen, dass Abgewiesene selbstständig ins Land zurückkehren. «Ein Migrationsabkommen mit Eritrea zu fordern, ohne ein glaubwürdiges Bekenntnis des eritreischen Regimes zum Frieden zu haben, ist unprofessionell», sagt Sereke. «Würden Eritreer aus der Schweiz zurückgeschickt, würde sie das Regime verfolgen. Denn es weiss: Jene Eritreer, die in der Schweiz Demokratie und Freiheit gesehen haben, werden nicht still sein», so Sereke.

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Nach 20 Jahren Krieg haben Eritrea und Äthiopien Anfang Juli ein Friedensabkommen geschlossen. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie davon erfahren haben?
Ich konnte mich nicht freuen. Denn im Gegensatz zum äthiopischen Premierminister Abiy Ahmed, der bereits eritreische Gefangene freigelassen und die Annäherung eingeleitet hat, hören wir von der Seite des eritreischen Diktators Isayas Afewerki nichts. Es ist nicht einmal im Detail bekannt, was im Friedensabkommen steht und ob Eritrea wie Äthiopien auch bereit ist, den bisher umstrittenen Grenzverlauf von 2002 zu akzeptieren. Das eritreische Regime hat seine Bevölkerung immer nur angelogen. Ich bin überzeugt, dass dies leider auch bei diesem Friedensabkommen der Fall sein wird.

Sie gelten als Influencer der eritreischen Diaspora in der Schweiz, auf Facebook haben Sie über 4000 Freunde. Welche Reaktionen hat der Friedensschluss in ihrem Netzwerk ausgelöst?
Es gibt natürlich auch in der Schweiz Anhänger des Regimes, die Frieden mit Äthiopien ablehnen. Die meisten aber wünschen sich Frieden, wissen aber auch: Warum soll der Diktator jetzt plötzlich einlenken? Warum würde er, der sein Regime und den Militärapparat mit dem Krieg gegen den verhassten Nachbarn begründet, den Frieden suchen? Die Mehrheit der Eritreer in der Schweiz weiss: Mit der Diktatur ist kein Frieden möglich.

Warum möchte Äthiopien Frieden mit einem Diktator?
Ich denke, es geht um wirtschaftliche Interessen. Äthiopien möchte durch Eritrea Zugang zum Roten Meer erhalten. Zudem ist in Äthiopien ein neuer Premier an der Macht, der nicht mehr nur die Interessen der bisherigen politisch und wirtschaftlichen Elite vertritt und Konflikte beenden will.

Bürgerliche Politiker fordern nun aufgrund des Friedensabkommens, dass die Schweiz ein Rückübernahmeabkommen aushandelt. Damit sollen Eritreer in der Schweiz zurückgeschickt werden, da keine Diktatur mehr herrsche. Was halten Sie davon?
Natürlich nutzen Politiker sofort die Möglichkeit, Ereignisse nach ihren Interessen auszuschlachten. Das ist ein Spiel. Ein Migrationsabkommen mit Eritrea zu fordern, ohne ein glaubwürdiges Bekenntnis des eritreischen Regimes zum Frieden zu haben, ist unprofessionell. Die Zustände in Eritrea sind weiterhin gravierend: Es gibt kein Parlament, keine freie Presse, und die Menschen werden zu einem willkürlichen Nationaldienst verpflichtet. Würden Eritreer aus der Schweiz zurückgeschickt, würde sie das Regime verfolgen. Denn es weiss: Jene Eritreer, die in der Schweiz Demokratie und Freiheit gesehen haben, werden nicht still sein.

Den eritreischen Nationaldienst, den viele Asylbewerber als Fluchtgrund angeben, befand das Bundesverwaltungsgericht Mitte Juli als keinen ausreichenden Grund, zwangsweise Rückschaffungen abzulehnen. Für eine Unzumutbarkeit der Rückschaffung brauche es ein hohes Risiko, dass das Zwangsarbeitsverbot erheblich verletzt werde. Sie waren selbst Polizist im Nationaldienst. Was halten Sie vom Urteil?
Für diese Einschätzung habe ich kein Verständnis. Ich bezweifle, dass ein Schweizer Gericht Zugang zu objektiven Berichten über die Situation in Eritrea hat, die nicht aus Regimequellen stammen. Ich war acht Jahre im Nationaldienst tätig, zuerst in der Polizei, dann als Gefängniswärter und im Geheimdienst. In dieser Zeit hatte ich zwei Wochen Ferien, um meine Familie zu sehen. Sie lassen dich nicht einmal nach Hause, wenn deine Mutter stirbt. Auch Lohn gibt es keinen. Was soll das anderes sein als Zwangsarbeit oder gar Sklaverei?

Es gebe keine Beweise für flächendeckende, unmenschliche Behandlung im Nationaldienst, findet das Bundesverwaltungsgericht.
Ich habe die Absurdität des Regimes selbst erlebt: Wir haben die Villa des Polizeichefs gebaut, wir haben nach Ablauf der offiziellen Dauer des Nationaldienstes von 1,5 Jahren ein Zertifikat erhalten, konnten aber nicht nach Hause, und einige meiner Polizeikollegen sind seit mittlerweile 20 Jahren in einem Dienst, aus dem sie nicht entkommen können. Der Grund, dass ein Schweizer Gericht diese Zustände nicht sieht: Sein Urteil basiert auf einer Fassade, die das Regime dem Ausland vorspielt.

Was meinen Sie konkret?
Einmal besuchten UN-Beobachter ein Gefängnis, das ich beaufsichtigte. Ich war überrascht: Plötzlich hatten alle Insassen ausreichend zu essen und man lobte die Zustände. Ein andermal war ich dabei, als Beobachter die Hauptstadt Asmara besuchten. Im Vorfeld hatte man 200 Nationaldienstler dazu abdelegiert, in Cafés zu sitzen und fröhliche Stimmung zu verbreiten.

Seit 2006 der eritreische Nationaldienst von der Schweiz als Asylgrund anerkannt wurde, ist die Zahl der Flüchtlinge stark angestiegen, seit 2011 ist Eritrea das wichtigste Herkunftsland. Nun sind die Zahlen rückläufig. Was sind die Gründe?
Die Diaspora in der Schweiz ist gut vernetzt. Es hat sich herumgesprochen, dass die Schweiz einen härteren Kurs gegenüber eritreischen Flüchtlingen verfolgt. Der Exodus aus dem Land geht trotzdem weiter: Täglich überqueren bis zu 4000 Eritreer die Grenze zum Sudan. Sie versuchen jetzt vermehrt nach Deutschland zu kommen, ertrinken im Mittelmeer oder bleiben in Libyen stecken.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Oxymoron am 07.08.2018 22:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    es war einmal

    Aufgrund des Friedensabkommens fordern Schweizer Politiker ein Rückübernahmeabkommen, damit unsere eritreische Gäste wieder in ihr Land zurückkehren, wertet Herr Sereke als "politisches Spiel" und für den Entscheid unseres Bundesverwaltungsgerichts, dass die Verweigerung des eritreischen Nationlandienst nicht mehr als Abweisung einer Rückschaffung gilt, hat Herr Sereke kein Verständnis... Ich habe aus diesem Interview kein Wort von Dankbarkeit oder Entgegenkommen gelesen. Als ob die Schweiz einfach wie bisher alle Eritrer aufnehmen und bis auf Weiteres finanzieren muss!!' Schweizer Rentner, IV-Bezüger oder all die Familien, welche mit dem Existenzminimum überleben müssen kommen sich als 3.Klasse Bürger vor. Und die Steuerzahler müssen weiterhin diesen Einweg-Sozialimport finanzieren. Die Schweiz war einmal. Aber heute ist die Schweiz und unsere politische Führung nur noch ein Wort auf der Weltkarte, welches unseren Entscheidungsträger nur noch als Platform zur Selbstinszenierung dient!!

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  • and figures.. am 07.08.2018 18:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Facts..

    Ist klar, traut er dem nicht. Würde bedeuten, dass es definitiv kein Bleiberecht gibt für Eritreer. Hat es auch nie gegeben.

  • Mr. Sarcasm am 07.08.2018 23:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kritisch

    Natürlich ist der Herr kritisch. Nicht dass er noch seinen Status in Paradise City verliert!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Fraz am 08.08.2018 12:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht unser Problem

    Jajaja... bei von uns finanzierten Ferien im Heimatland werden die Armen aber nicht verfolgt. Eigenartig. Und, in welchem Land werden Drückeberger die ihren Pflichten nicht nachkommen nicht bestraft? Ich glaube gar nichts mehr von dem was uns aufgetischt wird. Vieles ist mir, zugegeben, auch egal. Andere Länder, andere Sitten und es ist nicht nötig das wir dafür die Verantwortung übernehmen. Wir haben ja genug eigene Probleme mit denen wir nicht klar kommen. Oder?

  • BossDerBosse am 08.08.2018 11:43 Report Diesen Beitrag melden

    Enttäuschte Grossmutter

    Meine Grossmutter war Flüchtlingsbetreuerin in unserem kleinen Dorf. Sie hat immer alles gegeben um den Flüchtigen zu helfen ums Jahr 2008 kamen die ersten Äthiopier. Wir (also ich ,damals 11, und mein kleiner Bruder) assen zu Mittag mit den Flüchtlingen, spielten mit einigen Fussball auf der grossen Wiese meiner Grossmutter und verstanden uns obwohl wir nicht die gleiche Sprache sprechen und alles schon Erwachsene Männer waren. Die ersten Jahre gab es nie ernste Probleme etc. aber vor einigen Jahren kippte die ganze Situation und 5 von 10 wurden Straffällig 2 davon sitzen wegen Drogenhandels.

    • BossDerBosse am 08.08.2018 12:04 Report Diesen Beitrag melden

      Anhang

      Meine Grossmutter hat sehr darunter gelitten. Sie hätte das nicht erwartet da diese Leute schon fast ein Teil der Familie waren. Jedes mal als wir sie am Tag besuchten war einer bei ihr um Briefe, Rechnungen oder sonstiges anzuschauen und allgemein Hilfe zu bekommen.

    • ID am 08.08.2018 12:42 Report Diesen Beitrag melden

      Antwort ohne sinn

      Aha und was ist das jetzt für eine Feststellung? Schweizer Kriminelle gibt es nicht? Aha ok Schon mal was von Perspektivelosigkeit gehört?

    • Daisydream am 08.08.2018 18:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @ID

      Und da muss man gleich kriminell werden, weil einem langweilig ist? Merkwürdiges Argument.

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  • krieg am 08.08.2018 11:31 Report Diesen Beitrag melden

    dauer

    Selbst wenn jetzt kein Krieg und keine Dikdatur mehr herrschen, ist die Lage ominöserweise - warum auch immer - prekär und sie finden somit 1000 und zig Gründe, warum Eritreer nicht mehr ausgeschafft werden können; dies ein unaufhörlicher und unaufhaltsamer Teufelskreis. Je mehr Annäherung, umso instabiler und krisengefährdeter ist Eritrea und demzufolge - ganz egal was passiert- es bleibt nach deren Meinung wenigstens alles beim Altern! Wo es nach Stabilität eines Landes eigentlich eher umgekehrt sein müsste!

  • Peter Schneider am 08.08.2018 11:24 Report Diesen Beitrag melden

    Paradies

    Wenn ich Eritreaer wäre, hätte ich auch Zweifel. Wenn ich zurück müsste, müsste ich wieder arbeiten. Fertig Paradies, wo ich ohne zu arbeiten jeden Monat meine Soziallhilfe erhalte.

  • Petra am 08.08.2018 11:22 Report Diesen Beitrag melden

    Ein Ende setzen!

    Man kann uns doch so jemanden nicht als glaubhaft präsentieren. Logisch kommuniziert er so, dass alle bleiben können. Das ist doch klar! Sie hatten aber noch nie ein Recht auf Asyl und es wird Zeit, dass man dem ganzen ein Ende setzt. Wer dort in Urlaub geht outet sich als Wirtschaftsschmarotzer und soll umgehend an der Rückreise zu uns gehindert werden! Es ist unglaublich, was wir hier alles zahlen sollen. Und dabei arbeiten bis zum umfallen, ohne sichere Rente. Während andere fürs Verweigern eine Garantie auf Lebzeiten erhalten, die wir bezahlen.