Todesfall Marchionne

25. Juli 2018 18:08; Akt: 25.07.2018 19:04 Print

«Guter Ruf des Unispitals steht auf dem Spiel»

von Nikolai Thelitz - Krisenmanager Patrick Suppiger erklärt, wie das Unispital Zürich am besten mit dem Todesfall des Ex-Fiat-Chefs umgehen sollte.

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Sergio Marchionne ist am Mittwoch im Universitätsspital Zürich gestorben. Für den Topmanager spielte die Schweiz eine wichtige Rolle. Der offizielle Wohnsitz von Sergio Marchionne war das Steuerparadies Schindellegi, das zur Gemeinde Feusisberg zählt. Er wohnte in der Luxusüberbauung Sunset (Bild). Wegen seines Wohnsitzes im Kanton Schwyz gehörte Marchionne zu den reichsten Menschen in der Schweiz. Laut «Bilanz» hatte er ein geschätztes Vermögen von 550 Millionen Franken. 1997 stieg der studierte Philosoph, Anwalt und Wirtschaftsprüfer bei Alusuisse zum CEO auf. Bei der Firma traf Marchionne Christoph Blocher und Martin Ebner, die beide namhafte Anteile am Konzern besassen. Nach der Fusion von Alusuisse mit der kanadischen Firma Alcan wurde der stets locker gekleidete Manager Chef des abgespaltenen Chemie- und Pharmaunternehmens Lonza mit Sitz in Basel. 2002 wurde Marchionne zum Chef des Genfer Warenprüfkonzerns SGS gerufen. Von 2006 bis letztes Wochenende war er Präsident des Genfer Unternehmens. Von 2007 bis 2010 sass der bekannteste Manager Italiens im Verwaltungsrat der sich damals in Schieflage befindenden UBS. Vor dem Unispital Zürich hatten sich im Vorfeld des Todes von Marchionne etliche Journalisten eingefunden. Der Unternehmer trat kurz vor seinem Tod sowohl als Chef von Fiat-Chrysler ... ... als auch von Ferrari zurück. Entscheidend soll Marchionne auch beim Millionen-Deal zwischen Fussballstar Cristiano Ronaldo und Juventus Turin gewesen sein. Ronaldos neuer Arbeitgeber ist im Besitz der italienischen Familie Agnelli. Über die Gesellschaft Exor kontrolliert sie Fiat-Chrysler und Ferrari. Marchionne zeigte sich nicht nur eigenwillig in seinem Unternehmertum. Auch bei der Kleiderwahl setzte er auf Konsequenz: dunkler Pulli, dunkle Hosen.

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Fehler gesehen?

Nach dem Tod von Ex-Fiat-Chef Sergio Marchionne überschlagen sich die Spekulationen: Die Italienische Zeitung «La Stampa» will wissen, dass Marchionne an einem zweifachen Herzstillstand gestorben ist. Auf Twitter spekulieren einige User auf einen Ärztefehler: «Was, wenn es ein medizinischer Fehler war, der geschickt als Komplikation bezeichnet wurde? Wir werden es nie erfahren», schreibt User Tixi. «Falscher Arzt, falsches Spital?», fragt Userin Greta la Flaca. Patrick Suppiger, Präsident des Schweizer Verbandes für Krisenkommunikation, erklärt, wie das Spital nun reagieren sollte.

Herr Suppiger, was bedeutet der Tod von Sergio Marchionne für das Universitätsspital Zürich?
Es ist sicherlich kein erfreuliches Ereignis. Herr Marchionne war ein prominenter Patient, das Spital steht dadurch im Rampenlicht. Zum Fall ist noch vieles unklar: Was ist genau passiert, was ist schiefgelaufen? Hat ein Arzt einen Fehler gemacht, und wie unverzeihlich ist dieser? Gibt es eine polizeiliche Untersuchung? Komplikationen und Todesfälle gehören zur Medizin. In diesem Fall ist das Risiko gross, dass der Fall medial aufgenommen wird. Je nachdem, was die Ursache des Todes ist, steht der gute Ruf des Spitals auf dem Spiel.

Was sollte das Unispital jetzt tun?
Möglichst schnell und transparent im Rahmen der Möglichkeiten kommunizieren, um den wilden Spekulationen entgegenzuwirken. Es gilt natürlich die ärztliche Schweigepflicht, aber alles, was man öffentlich zum Fall sagen kann, sollte man kommunizieren. Man kann immer etwas sagen. Wichtig ist, dass man Trauer über den Fall ausdrückt und klar sagt: «Wir werden den Fall untersuchen und abklären, inwiefern Ärzte für den Tod verantwortlich gemacht werden können – und welche Massnahmen geplant sind.»

Wie gross ist denn nun der Imageschaden fürs Spital?
Wenn dem Spital keine Fahrlässigkeit nachgewiesen werden kann, ist das Image zwar angekratzt, aber nicht nachhaltig geschädigt. Das Universitätsspital geniesst ja einen ausgezeichneten Ruf, dieser kommt in der aktuellen Situation sehr gelegen und hilft, dass die Öffentlichkeit hinter dem Spital steht. Das Spital kann jedoch sagen: «Das ist ein tragischer Fall, aber bei Operationen besteht nun einmal ein Restrisiko, das auch die besten Ärzte nicht aus der Welt schaffen können.»

Was, wenn ein Arzt tatsächlich einen Fehler gemacht hat, der so nicht hätte passieren dürfen?
Dann kann es zum Imageschaden kommen, denn die Familie von Marchionne dürfte dann wohl gegen das Unispital klagen. Das ist natürlich ein mediales Spektakel, das Spital wäre wiederholt in den Schlagzeilen, in einem sehr negativen Kontext. Hier wäre gute Krisenkommunikation gefragt. Die Gesellschaft will heutzutage in solchen Fällen Köpfe rollen sehen. Der Arzt würde wohl freigestellt, auch die Spitalleitung würde unter Druck stehen.