Missbrauch

05. Februar 2011 12:56; Akt: 05.02.2011 14:10 Print

«Hätte man das nicht verhindern können?»

Justizministerin Simonetta Sommaruga will das Berufsverbot für Pädokriminelle ausweiten. Der jüngste Missbrauchsfall in Bern schockte sie zutiefst.

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Das Berner Pädo-Monster Hansjürg S.

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Das Berufsverbot für pädophile Straftäter soll ausgeweitet werden. Sie werde dem Bundesrat demnächst eine entsprechende Vorlage unterbreiten, sagte Simonetta Sommaruga im Interview mit der «Neuen Luzerner Zeitung» vom Samstag.

Wie die Regelung genau ausgestaltet sei, könne sie noch nicht sagen: «Ich möchte dem Bundesrat nicht vorgreifen.»

Der Berner Missbrauchsfall mit mindestens 122 Opfern habe auch sie «zutiefst erschüttert», sagte Sommaruga. «Meine erste Frage lautet: Hätte man das nicht verhindern können?» Alle Beteiligten müssten sich einer umfassenden Aufarbeitung der Vorkommnisse stellen.

Immer Berufsverbot

Die Ausweitung des Berufsverbots für Pädokriminelle geht auf eine Motion von Nationalrat Carlo Sommaruga (SP/GE) zurück. Der Bundesrat nahm den Vorstoss im Herbst 2008 an.

Verurteilte Sexualstraftäter, die sich wieder in Freiheit befinden, haben schon heute ein Berufsverbot - aber nur, wenn das Verbrechen in Ausübung des Berufs begangen wurde. Laut Motion soll etwa ein Lehrer künftig auch dann nicht mehr unterrichten dürfen, wenn er sich in seiner Freizeit an Minderjährigen vergriffen hat.

Generell sollen die Sexualstraftäter besser von Minderjährigen ferngehalten werden. So sollen sie auch keinen Zugang mehr zu Vereinigungen oder Gruppierungen haben, deren Aktivitäten auf Minderjährige ausgerichtet sind.

Justizministerin Sommaruga kündigte in dem Interview auch an, dass die Botschaft zur 2008 angenommenen Verjährungsinitiative in diesem Frühling in den Bundesrat kommt. Pornographische Straftaten an Kindern sollen nicht mehr verjähren können. Im Berner Missbrauchsfall sind fast 90 Fälle aufgrund der seinerzeit geltenden Gesetze verjährt.

Polizei: Tatverdächtiger ist kooperativ

Der Therapeut Hansjürg S. verging sich mehrheitlich an behinderten Kindern. «Zwei Drittel der Opfer waren minderjährig, ein Drittel volljährig», sagte Gabriele Berger, Chefin Spezialfahndung der Kantonspolizei Bern, im Interview mit dem «Bund». «Die wenigen nicht behinderten Kinder von Heimpersonal waren sehr jung.»

Berger sagte, der Tatverdächtige zeige sich sehr kooperativ. «Er hat von sich aus all die Missbräuche zugegeben.» Trotzdem könne sie nicht ausschliessen, dass im Laufe der Ermittlungen noch einzelne weitere Fälle ans Licht kommen.

Die Ermittlungen seien in vielerlei Hinsicht aussergewöhnlich, gab Berger zu verstehen. «In anderen Fällen haben wir die Aussage der Opfer, und der Täter sagt nichts. Jetzt spricht der Täter, aber die meisten Opfer können sich nicht ausdrücken.»

Wehrli: Das System muss ändern

Der Experte Peter Wehrli stellt nach dem Berner Fall das ganze heutige Heim-System in Frage. Es sei an der Zeit, andere Wohnformen für Behinderte zu diskutieren, sagte der Geschäftsführer des Zentrums Selbstbestimmtes Leben (ZSL) der Zeitung «Le Matin».

In Heimen könne Missbrauch nie ausgeschlossen werden. Behinderte wären im familiären Rahmen besser aufgehoben, sagte Wehrli. Familien müssten aber entsprechend unterstützt werden und sich zum Beispiel eine Hilfskraft leisten können. In Skandinavien sei die Betreuung in der Familie heute schon üblich.

(kub/sda)

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Oli am 05.02.2011 19:08 Report Diesen Beitrag melden

    Vieles ist verhinderbar

    Vieles was passiert könnte man verhindern aber Vorgesetzte und Politik schauen gerne weg. Und wenn es passiert ist und puplik wird Fragen immer wieder alle wie das passieren könnte und warum die Kontrollmechanismen nicht gegriffen haben usw. Ganz einfach wir Leben in einem Unfähigen Land!

  • Steff R. am 06.02.2011 06:43 Report Diesen Beitrag melden

    Sicher nicht der Einzigste

    Es ist für mich nicht nachvollziehbar, dass man mit offenkundig "geschönten" Zeugnissen und nach deratigen Vorfällen immer noch einen Job mit Vertrauensposition erhält. Klar hätte man etwas dagegen unterbehmen können, man hat es ja früher schon gewusst, es sei ja angeblich nicht das erste Mal. Grundsätzlich sind diese Menschen, die weggeguckt, diesen Unhold unterstützt und in Schutz genommen haben , mitschuldig an diesen über 100 Verbrechen und sollten ebenfalls belangt werden!

  • Jessica am 05.02.2011 15:24 Report Diesen Beitrag melden

    Wandel Wandel Wandel

    Die Sozialindustrie muss sich wandeln, d.h. sie darf nicht wie eine NPO geführt werden, sie braucht Strukturen wie ein wirtschaftlicher Zweig. Strenge Regulierungen, strenge Überwachung, Riskmanagement etc. und vor allem, Studierende an die FH's aufnehmen, welche nicht unbedingt auf den Kopf gefallen sind und die Welt verbessern wollen und dazu Grün, und SP sind!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Marc U am 07.02.2011 15:17 Report Diesen Beitrag melden

    Schweigen hilft dem Täter

    Jeder der missbraucht wurde und darüber Schweigt, macht es dem Täter möglich weitere Verbrechen zu begehn. Wer einmal erwischt wurde gehört nicht mehr in die Nähe von Kindern! Stichkontrolle und Aufklärung in der Schulen und Sozialwerken sind ein MUSS. Man lernt wie man Zähneputzt und über den Zebrastreifen geht, aber nicht wie und wo man sich bei einem Missbrauch hin wenden kann.

  • Maria am 06.02.2011 16:00 Report Diesen Beitrag melden

    Doch, man hätte es verhindern können!

    Natürlich hätte dieser Missbrauch vermieden werden können, wenn man bereit wäre, Heimkinder zu befragen und ihre Informationen nicht unter den Teppich kehren würde. Auch wenn die Vorfälle längst verjährt sind: Opfer, wie z. B. Madeleine Ischer, sollten eingehender angehört werden. Missbrauchte Kinder brauchen Zeit, bis sie darüber sprechen können. Auch bei der Unterbringung in Familien wäre ich skeptisch. Ich denke trotz allem, dass es in der Schweiz gut geführte Heime gibt. Immerhin konstantiere ich mit grosser Freude, wie die Bereitschaft in der Schweiz wächst, Missbrauchsfälle aufzudecken.

  • Frank Aadorf, E am 06.02.2011 07:38 Report Diesen Beitrag melden

    Wohlwollende Zeugnisse ein Dilemna

    Grundsätzlich muss die neu gestaltet werden. Wohlwollende Zeugnisse sind der Sache nicht nützlich. Ehrliche Zeugnisse sind ein echtes Problem für Arbeitgeber und Gerichte. Entlassungen und deren Gründe müssten offen vom Arbeitgeber deklariert werden. Das könnte auch manchen vor unrechten Taten abhalten, denn er kennt die Folgen davon im Voraus.

  • Steff R. am 06.02.2011 06:43 Report Diesen Beitrag melden

    Sicher nicht der Einzigste

    Es ist für mich nicht nachvollziehbar, dass man mit offenkundig "geschönten" Zeugnissen und nach deratigen Vorfällen immer noch einen Job mit Vertrauensposition erhält. Klar hätte man etwas dagegen unterbehmen können, man hat es ja früher schon gewusst, es sei ja angeblich nicht das erste Mal. Grundsätzlich sind diese Menschen, die weggeguckt, diesen Unhold unterstützt und in Schutz genommen haben , mitschuldig an diesen über 100 Verbrechen und sollten ebenfalls belangt werden!

  • Viktor Pfister, Zuchwil am 05.02.2011 21:20 Report Diesen Beitrag melden

    Haben alle weggeschaut?

    Es ist unglaublich, dass dies niemand bemerkt haben wollte! Unterschreiben Sie deshalb die Volksinitiative unter: Damit helfen Sie allen am besten und betreiben Opferschutz!