Berner Pädo-Monster

02. Februar 2011 12:03; Akt: 02.02.2011 12:17 Print

«Hansjürg S. hatte die besten Referenzen»

Neun verschiedene Heime, 114 Opfer: Hansjürg S. schändete während 29 Jahren behinderte Kinder. 2003 war ihm die Polizei erstmals auf der Spur, doch er ging zu perfid vor.

Chefin Spezialfahndung Gabriele Berger über den Missbrauch. (Video: Mathieu Gilliand/Amir Mustedanagic)
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Endlich sitzt Hansjürg S. hinter Gittern. Die Kantonspolizei Bern hat ihm nach 29 Jahren und 114 Missbrauchsfällen das Handwerk gelegt. Allerdings hätten die Behörden Hansjürg S. bereits vor acht Jahren stoppen können. 2003 geriet ein Arbeitskollege von S. am damaligen Internat Tannhalde in Gümligen BE in den Fokus der Polizei. Der damals 42-jährige Pfleger schändete zwei autistische und schwerstbehinderte Mädchen.

Die zwanzig Horror-Nächte der beiden 8- und 12-jährigen Kinder dokumentierte der Mann minutiös: 2000 in Alben geklebte und feinsäuberlich beschriftete Fotos zeigen, wie er die Kinder verkleidete und diverse Gegenstände in sie einführte – auch penetrierte er eines der Mädchen. Wenn sie sich wehrten, band er die Beine der autistischen Mädchen auseinander. Während die Polizei den Arbeitskollegen von Hansjürg S. dank den Fotos überführen und ihm das Handwerk legen konnten, blieben die Missbräuche von S. unentdeckt – obwohl ein 13-jähriges Mädchen ihn belastete.

Behörden glaubten Mädchen nicht

Das autistische Mädchen konnte sich nur mit Hilfe eines Befragers artikulieren. Sie erklärte, dass auch Hansjürg S. sie missbraucht habe. Fachleute wiesen allerdings darauf hin, dass die «Authentizität dieser Aussagen in Zweifel gezogen werden müssten». Die Behörden glaubten dem Mädchen letztlich nicht. Hansjürg S. entkam dank seiner perfiden und skrupellosen Strategie, sich die schwächsten und am schwersten behinderten Kinder auszusuchen. Die Anklage wurde fallengelassen. S. durfte sein Unwesen am Internat Tannhalde fünf weitere Jahre treiben.

«Wir haben damals unser Möglichstes getan, dass so etwas nie wieder vorkommt», sagt der aktuelle Stiftungsdirektor Walter Zuber. «Mit Bitterkeit müssen wir feststellen, dass es trotzdem zu weiteren Missbräuchen kam.» Obwohl die Stiftung in der Folge Männern die Nachtwache verbot, alle Angestellten immer und immer wieder für solche Situationen sensibilisierte und Pfleger so selten wie möglich allein mit Kindern waren, gelang es Hansjürg S., weitere schwerstbehinderte Kinder zu missbrauchen. Das letzte Mal im Internat Tannhalde schändete Hansjörg S. 2008 einen Bewohner des Heimes. Wie ihm dieser Missbrauch gelang, ist auch Stiftungspräsident Zuber ein Rätsel.

Tagsüber und bei offener Tür missbraucht?

«Nachtwache hat er weder vor noch nach dem ersten Missbrauchsfall gemacht. Tagsüber sind immer mehrere Pfleger anwesend und es herrscht eine Sozialkontrolle – Pfleger können jederzeit in jeden Raum kommen», sagt Zuber. Aber niemand ahnte oder merkte etwas von den Schandtaten von S. - «obwohl die Mitarbeiter ja alle auf das Thema sensibilisiert sind und wir immer wieder Schulungen machten».

Über Hansjürg S. habe es jahrelang nie etwas Negatives zu berichten gegeben. «Er bewarb sich bei uns mit den besten Zeugnissen und Referenzen», sagt Zuber, «es gab keinen Grund für meine Vorgängerin, Verdacht zu schöpfen.» S. arbeitete erst zwei Jahre im Pensum von 60 bis 80 Prozent, ab 2004 noch als Aushilfe. 2008 wurde ihm kurz nach der Fusion von der Stiftung Nathalie mit einer anderen Stiftung gekündet. «Nicht aufgrund irgendwelcher Anzeichen von sexuellem Missbrauch», versichert Zuber, «S. hielt sich einfach nicht mehr an Weisungen seiner Vorgesetzten und arbeitete auch im Team nicht mehr konstruktiv.»

«Es gibt keinen 100-prozentigen Schutz»

Dass es erneut zu Missbräuchen in der Stiftung Nathalie kam, ist für Zuber ein besonders harter Schlag. «Wir haben es intensiv versucht zu verhindern und dennoch geschah es – es ist unfassbar», so der Stiftungsdirektor. Wie sie in Zukunft die autistischen und schwerstbehinderten Heimbewohner schützen wollen, ist auch für ihn eine schwierige Frage. «Wir hoffen, dass die Staatsanwaltschaft uns weitere Hinweise auf das Vorgehen von S. geben kann und wir daraus Massnahmen ableiten können», sagt Zuber, «aber einen 100-prozentigen Schutz wird es wohl nie geben.» Es sei unvermeidbar, dass Angestellte irgendwann alleine mit den Betreuten seien. Auch die Einstellungskriterien sind gemäss Zuber kaum noch zu verschärfen.

«Wenn jemand alle Unterlagen mitbringt und hervorragende Zeugnisse hat, was soll man da noch machen?», fragt er rhetorisch. Die einzige Möglichkeit, die der Stiftungsdirektor noch sieht, ist eine Pädophilen-Liste. «Wenn wir von verdächtigen Pflegern wüssten, könnte man allenfalls etwas tun, aber auch das bringt keine 100-prozentige Sicherheit.»

Lücken im System sieht auch der Geschäftsführer des Nationalen Branchenverbandes der Institutionen für Menschen mit Behinderung (INSOS), Ivo Lötscher, nicht. Dennoch müssten bereits bestehende Schutzmechanismen überprüft und besser aufeinander abgestimmt werden», sagte Lötscher gegenüber Schweizer Radio DRS. Auch er stellte allerdings klar: «Einen 100-prozentigen Schutz zu garantieren, das geht nicht.»

(amc)