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27. Juni 2015 12:21; Akt: 27.06.2015 12:40 Print

«Hausaufgaben sind nicht mehr zeitgemäss»

von B. Zanni - Eine Schule in Deutschland hat erfolgreich die Hausaufgaben abgeschafft. Experten raten auch Schweizer Schulen zu diesem Schritt.

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Die Schweizer Schüler sollen sich zuhause nicht mehr an die Hausaufgaben setzen müssen. Romano Gabriel, Dozent der Erziehungswissenschaften an der Pädagogischen Hochschule Bern, findet: «Die Volksschule ist wie ein Fulltime-Job. Auch die Schüler haben den Feierabend verdient.» (Bild: Keystone/Wade Payne)

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Jeder Schüler träumt davon: nie mehr Hausaufgaben machen. Wahr geworden ist der Wunsch für die Mädchen und Jungen der Gesamtschule Barmen im deutschen Wuppertal. Anstatt nach dem Unterricht zuhause zu pauken, vertiefen die Fünft- bis Achtklässler laut dem «Stern» den Stoff im regulären Unterricht – in sogenannten Arbeitsstunden. Offenbar sind die Schüler trotzdem nicht schlechter: Kürzlich wurde die Institution mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet.

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«Hausaufgaben aus dem Lehrplan kippen»

Für Gabriel Romano, Dozent der Erziehungswissenschaften an der Pädagogischen Hochschule Bern, hat das Wuppertaler Modell Vorbildcharakter. Er rät den Schweizer Schulen, die Hausaufgaben sofort aus dem Lehrplan zu kippen. Viele Studien würden zeigen, dass Hausaufgaben meist wenig Lerneffekt haben: «Unwirksam sind vor allem jene Aufträge, die kurz vor Unterrichtsschluss zwischen Tür und Angel verteilt werden.» Laut Romano können die Aufgaben gar kontraproduktiv sein.

Oft handle es sich um Stoff, der aus Zeitmangel nicht mehr durchgenommen worden sei. «Zuhause sitzen die Schüler auf dem Trockenen und sind sich selber überlassen», kritisiert er. Mischten sich dann die Eltern ein, stehe der Haussegen schief.

Überhaupt seien Ufzgi ein «Relikt aus vergangenen Zeiten». Die Lektionenzahl habe heute derart zugenommen, dass sich Hausaufgaben längst erübrigt hätten. «Die Schüler lernen tagsüber genug», sagt der Dozent und fordert eine Trennung zwischen Schule und Privatsphäre. «Die Volksschule ist wie ein Fulltime-Job. Auch die Schüler haben den Feierabend verdient.»

«Schüler überfordert mit Hausaufgaben»

Auch Christoph Schmid, Bildungsprofessor an der pädagogischen Hochschule Zürich, sagt: «Was die Schule in Deutschland macht, ist nicht das Dümmste.» Es gebe keine Daten, die bestätigten, dass es ohne Hausaufgaben nicht ginge. Auch bestehe die Gefahr, dass schwache Schüler durch Hausaufgaben zurückfielen, statt aufzuholen. Schmid schlägt vor, die Hausaufgaben zu personalisieren. «Die Lehrer müssten die Schüler dort abholen, wo sie gerade sind.»

Seiner Ansicht nach überfordern die Lehrer die Schüler manchmal, indem sie deren Selbständigkeit und Selbstdisziplin überschätzen. «Dabei ist der Sinn der Hausaufgaben ja, dass die Kinder Vertrauen in ihr Können gewinnen und Erfolgserlebnisse haben», betont Schmid. Zudem ist er der Meinung, dass die Schule die ausserschulischen Interessen der Mädchen und Jungen in Form von Hausaufgaben in Sport, Musik oder Gestaltung fördern könnten. «Es spräche auch nichts dagegen, einen Spaziergang mit Freunden an der frischen Luft zur Aufgabe zu machen.»

«Kantone schreiben Hausaufgaben vor»

In den Schulen stehen die Hausaufgaben derzeit allerdings nicht zur Debatte: «Die Lehrer sind sich einig, dass Aufgaben sinnvoll sein können und die Kantone schreiben sie vor», sagt Franziska Peterhans, Zentralsekretärin des Lehrer-Dachverbandes. Die Schüler lernten so, selbständig zu arbeiten. Zudem reiche die Zeit in der Schule oft nicht, um etwas zu üben, bis es sitze. Die Hausaufgaben seien auch wichtig für den Austausch in der Familie. «So erfahren die Eltern am besten, was die Kinder in der Schule gerade durchnehmen. Das kann auch neue Gesprächsthemen eröffnen.»

Dennoch zeigt sie sich offen gegenüber Veränderungen. «Da zunehmend beide Elternteile berufstätig sind und darum wenig Zeit haben, sich mit den Hausaufgaben zu beschäftigen, könne man die Diskussion über deren Sinn führen.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Student am 27.06.2015 12:29 Report Diesen Beitrag melden

    Hausaufgaben

    machen durchaus Sinn. Spätestens im Studium muss man Zuhause den Stoff üben und HA im Selbststudium machen. Wenn man das nie gelernt hat, ist so Mancher überfordert.

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  • Gerold Frolic am 27.06.2015 12:29 Report Diesen Beitrag melden

    Koordination heisst das Zauberwort

    Die Hausaufgaben sind immer noch nötig. Das Problem ist, dass sich die Fachlehrer untereinander überhaupt nicht absprechen und dadurch ein riesiges Pensum entsteht. Der Klassenlehrer sollte die Aufgaben besser koordinieren, dann klappt's. Weniger "Gschpürsch-Mi" und mehr Fachkompetenz würde den Schulen generell gut tun.

  • sie am 27.06.2015 15:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tolle Idee...

    Hauptsache, man nimmt den jüngeren Generationen noch mehr unangenehmes ab. Die heutigen Kinder lernen nicht mehr, dass man im Leben manchmal auch mal was machen muss, obwohl man gerade keine Lust darauf hat. Und dann fragt man sich, weshalb die heutigen Generationen Mühe haben in der Lehre und/oder keine Autoritätspersonen akzeptieren...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Heidi am 28.06.2015 20:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Man muss büffeln !

    Hausaufgaben sind der wichtigste Teil am Unterricht. Ohne gehts nicht.

    • Marie Stark am 29.06.2015 00:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Übertrieben

      Gerade der wichtigste Teil... finde ich übertrieben. Dass Üben und Vertiefen ein wichtiger Bestandteil des Lernens sind, würde ich unterschreiben, jedoch je nach Situation wichtiger oder weniger wichtig... Beim Einmaleins ist es das A und O, bei etwas Simplerem, wie Satzzeichen oder so, könnte es, je nach Schüler, auch mal überflüssig sein.

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  • Eine Mutter am 28.06.2015 19:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Es reicht!

    Ich hoffe sehr, dass das meine Kinder(10 und 13) noch erleben. Ich finde, sie gehen genügend Stunden in die Schule

  • Ein Vater am 28.06.2015 18:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ich finde es toll

    mit meinen Kindern ab und zu Hausaufgaben zu machen! So nehme ich Anteil an ihrem Schulalltag. Oft staunen sie was ich noch alles weiss und oft müssen sie schmunzeln, wenn sie mir etwas beibringen können! Ich finde Hausaufgaben nicht nur sinnvoll und bereichernd, sonder schlicht unverzichtbar, um Lerninhalte zu repetieren und zu festigen!!

    • Marie Stark am 29.06.2015 00:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Kenne ich

      Stimmt, die Situation kenne ich. V.a. bei kleineren Kindern kommt es ja auch vor, dass sie sehr stolz sind auf ihre Aufgaben, auf die Verantwortung, die sie inzwischen schon selbst tragen müssen. Bei uns haben oft mehrere Kinder gleichzeitig am Esstisch Aufgaben gemacht. So entstand eine schöne Stimmung...

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  • ämmitauer am 28.06.2015 17:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    schlechte einstellung........

    Wenn das durch kommt, dass es keine hausaufgaben mehr gibt, da kann man ja ruhig ausländische uni-abgänger holen. Das wäre bestimmt im intresse "uneres Bundesrates", aber nicht des "volkes"

  • Melch am 28.06.2015 11:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Alles klar

    Je weniger Erwachsene verstehen, umso weniger können sie die Politik kontrollieren.

    • Fuchs am 28.06.2015 23:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Danke Melch

      Sehr clevere Antwort! Bringt einem zum Nachdenken.

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