Schweizerhochdeutsch

11. April 2015 20:08; Akt: 13.04.2015 10:25 Print

«Helvetismen sind an den Hochschulen verpönt»

«Andererseits» statt «handkehrum»: Laut einer Untersuchung gelten schweizerische Wörter bei manchen Hochschuldozenten als minderwertig.

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Der Schweizer Schülderduden verzeichnet auch Helvetismen. (Bild: Keystone/Christian Beutler)

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Studenten am Institut für Theaterwissenschaften der Uni Bern sollen keine Ausdrücke verwenden, die nur im schweizerischen Raum gebräuchlich sind. Unmissverständlich heisst es in den Richtlinien zum Verfassen einer schriftlichen Arbeit: «Helvetismen sind durch hochdeutsche Formulierungen zu ersetzen.» Auf der schwarzen Liste stehen etwa «Entscheid», «Unterbruch» oder «realisieren». Heissen müsse es korrekt «Entscheidung», «Unterbrechung» und «erkennen». Die Liste liesse sich beliebig verlängern.

Andere Hochschulen haben im Internet Checklisten mit Punkten veröffentlicht, die beim Überarbeiten einer Arbeit wichtig sind. «Habe ich umgangssprachliche oder saloppe Wendungen und Helvetismen umgeschrieben?», heisst es etwa in einem Leitfaden des KMU-Instituts der Universität St. Gallen.

«Das ist eine Form der Diskriminierung»

Für Stefanie Wyss, Linguistik-Doktorandin an der Universität Bern, zeugen die Beispiele davon, dass nationale Varianten häufig als minderwertig oder unwissenschaftlich betrachtet werden. Sie hat das Phänomen im Rahmen ihrer Masterarbeit* untersucht und mittels Umfrage festgestellt, dass in vielen Köpfen die Vorstellung herumgeistere, dass es ein einziges «richtiges» Hochdeutsch gebe. Dieses entspreche ungefähr dem, was in Norddeutschland gesprochen werde. «Helvetismen sind an den Hochschulen oft verpönt.»

Die Sprachwissenschaftlerin hält wenig von dieser Teutonisierung der Sprache: «Das ist eine Form der sprachlichen Diskriminierung. Regionale Varianten sollten zugelassen werden, solange sie verständlich sind», sagt Wyss. Während ihrer Studienzeit habe sie selbst erlebt, wie ein deutscher Professor seine Studenten aufgefordert habe, ihn vor Helvetismen zu bewahren.

Zwar hätten in der Umfrage nur rund 10 Prozent der befragten Studenten angegeben, dass ihnen schweizerische Ausdrücke angestrichen worden seien. Allerdings zensurieren sich laut Wyss viele Studenten selbst, um nicht aus der Reihe zu tanzen. Wyss sind auch Fälle bekannt, in denen Arbeiten an deutsche Kollegen weitergereicht wurden, damit diese die Helvetismen ausmerzen.

Lehnen deutsche Professoren Helvetismen ab?

Dass die hohe Zahl deutscher Professoren an den Unis der Grund für die weitverbreitete Ablehnung von Helvetismen ist, will Wyss nicht unterstellen, auch wenn Deutsche wohl eher irritiert auf schweizerische Ausdrücke reagierten.

Wichtiger als die Herkunft der Dozenten ist laut Wyss Unwissenheit: «Viele haben sich nie gross Gedanken darüber gemacht, weshalb sie Helvetismen ablehnen.» Diese Konventionen, die auch an den Mittelschulen gepflegt würden, gelte es zu hinterfragen.

Beim Institut für Theaterwissenschaften der Uni Bern waren die Urheber der Richtlinien am Freitagnachmittag nicht erreichbar.

* Eine Zusammenfassung der Arbeit ist in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift «Sprachspiegel» erschienen. Eine im «Bund» erschienene Kolumne zum Thema gibt es hier.

(daw)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Der Seher am 11.04.2015 20:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Dialekte

    Also wenn es so sein sollte das Deutsche Professoren Helevetismen ablehnen, müsste ich denen Antworten: Meine Herren, wir sind hier in der Schweiz, wir sprechen verschiedene Dialekte und wenn ihr damit ein Problem habt, dann ist es eben euer Problem.

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  • Hannoveranerin in LU am 11.04.2015 20:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Stimmt nicht

    Ich komme aus Hannover, wo man angeblich das "reinste" hochdeutsch spricht und ich habe schon immer das Wort "realisieren" benutzt. Dieser ewiger Kampf Mundart gegen hochdeutsch nervt!

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  • ale c. am 11.04.2015 20:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    hochdeutsch

    Auf hochdeutsch umstellen? Nur zu gern. Streng genommen sind sämtliche schweizerdeutschen dialekte hochdeutsch. Also werde ich meine doktorarbeit in schönem berndeutsch schreiben. Danke richtlinien;)

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Hose Lupf am 13.04.2015 01:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mein Schnabel will nicht so geschliffen...

    Es schadet wohl keinem Akademiker, wenn er bei einer Helvetisme seinen Grips Mal a bissi anstrengt. Ich finde Sprache lässt sich schlecht so defintiv vereinheitlichen und was ist charmanter als ein bisschen Lokalkolorit. Dürrenmatt und Glauser haben Jahrhundertliteratur in umwerfender Sprache geschaffen, das hätten weder Goethe noch Schiller so hingekriegt. Sollen die Sprachpuristen erst mal Begriffe wie "zechele", "tschüttele"oder "Gigampfi" anbieten; Sprache lebt, sie wächst und gedeiht und wird immer wieder die seltsamsten Blüten treiben, aller Germano-Linguistiker zum Trotz!

  • Patrick am 12.04.2015 21:55 Report Diesen Beitrag melden

    Ein bisschen Werbung für den Verein?

    Ein bisschen Werbung für den Verein? Interessant ist, dass der Präsident des Vereins auch Wyss heisst. Ein Schelm, wer sich da etwas böses denkt!

    • Daniel Goldstein, Redaktor Sprachspiegel am 12.04.2015 22:37 Report Diesen Beitrag melden

      Nicht verwandt

      Was auch immer Sie Böses denken wollen: Der Vereinspräsident Johannes Wyss und die Autorin Stefanie Wyss sind nicht miteinander verwandt.

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  • maki am 12.04.2015 19:05 Report Diesen Beitrag melden

    calm down

    amüsant wie sich hier diverse personen so aufregen.. frage mich, wie viele von hier im alltag wissenschaftliche arbeiten oder dergleichen erstellen müssen und dadurch wirklich davon betroffen sind..

  • Michel de Bienne am 12.04.2015 18:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Es heisst "Morgenessen"!!!

    Schon Dürrenmatt wusste, wie man Helvetismen durchsetzt! Bei den Proben zu Romulus der Große verlangte in einer Szene der römische Kaiser das Morgenessen. Der Darsteller des Romulus wand sich: Sicher ein großartiges Stück, aber Morgenessen ist nun einmal nicht deutsch, das heißt Frühstück. Wütend setzte sich Dürrenmatt hin und schrieb die Szene um. Nach wie vor verlangt Romulus das Morgenessen. Der Zeremonienmeister korrigiert: Exzellenz, es heißt Frühstück. Da erklärt Romulus der Große: Was klassisches Latein ist in diesem Haus, bestimme ich.

  • Hochbegabter am 12.04.2015 17:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    @Martin

    Nicht nur so ähnlich, sondern genau so, wie Zürich ein Vorort von Basel ist...