Sprachenstreit

06. Juli 2016 19:41; Akt: 06.07.2016 19:41 Print

«Herr Berset versucht, die Kantone zu erpressen»

Der Bundesrat will notfalls eine zweite Landessprache in der Primarschule vorschreiben. Der Sprachenstreit droht zu eskalieren.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Kulturminister Alain Berset macht Druck im Sprachenstreit: Er will den Kantonen – falls diese nicht von sich aus spuren – vorschreiben, dass der Unterricht in einer zweiten Landessprache bereits in der Primarschule beginnen und bis zum Ende der obligatorischen Schulzeit dauern muss. Der Bundesrat hat am Mittwoch die Vernehmlassung eröffnet, um das Sprachengesetz entsprechend anzupassen.

Berset begründet den Schritt damit, dass sich die Kantone an die Bundesverfassung zu halten hätten. «Die Frage, ob man sich gegenseitig wirklich versteht, ist in einem Land wie der Schweiz von eminenter Bedeutung», so Berset. Der Hintergrund: Das Frühfranzösisch steht in mehreren Deutschschweizer Kantonen auf der Kippe. So streicht der Kanton Thurgau Französisch aus dem Lehrplan, andernorts sind Volksinitiativen hängig, die nur noch eine Fremdsprache für die Primarschule verlangen.

Kritik aus den Reihen der SVP

Dass sich der Bundesrat in den Sprachenstreit einschaltet, empört SVP-Nationalrätin Verena Herzog. Sie hatte im Thurgau die Streichung des Frühfranzösisch angestossen. «Der Verfassungsauftrag wird auch ohne Frühfranzösisch erfüllt.» Entscheidend sei nur, dass am Ende der Volksschule die Jugendlichen in allen Kantonen über gute Kenntnisse in einer zweiten Landessprache verfügten.

Dass der Bundesrat das Gefühl habe, nun ein Machtwort sprechen zu müssen, sei staatspolitisch sehr bedenklich – die Bildungspolitik liege in der Hoheit der Kantone. «Herr Berset versucht, die Kantone zu erpressen. In der Vernehmlassung wird er damit aber scheitern, weil er nur zentralistische Lösungen unterbreitet.»

Kantone wehren sich

Schüler auf Sekundarstufe profitierten mehr vom Französischunterricht als in der Primarschule, findet Herzog. «Seit Jahren höre ich von Lehrmeistern, dass Jugendliche in Deutsch und Mathe Defizite haben. Mit guten Grundlagen in Deutsch können auf Sekundarstufe viel effizienter Fremdsprachen gelehrt und gelernt werden.»

Gegen ein Eingreifen des Bundes ist die Deutschschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz: «Eine Volksabstimmung zu diesem emotionalen Thema könnte zu einer nationalen Zerreissprobe führen», warnt Präsident Christian Amsler. Man müsse den Kantonen die nötige Zeit geben und Ruhe ins System Schule bringen. «Die Schule erträgt nicht, wenn dauernd am Rad gedreht wird.»

Lehrerverband begrüsst Drohkulisse

Verständnis für die «Drohkulisse des Bundesrates» hat dagegen Beat W. Zemp, Präsident des Schweizerischen Lehrerverbandes: «Es kann nicht angehen, dass man sich in gewissen Deutschschweizer Kantonen bewusst um das Frühfranzösisch foutiert. Die Verfassung verlangt, dass der Bund einschreitet, wenn die Kantone die Harmonisierung nicht schaffen.»

Dass man eine zweite Landessprache verstehe, sei zentral für die Verständigung in der Schweiz. Auch die Durchlässigkeit müsse gewährleistet sein. «Wer bezahlt sonst den Nachhilfeunterricht, wenn ein Thurgauer Primarschüler ohne Französischkenntnisse in einen anderen Kanton zügeln muss?», fragt Zemp.

Die Kritik, dass Frühfranzösisch wenig effektiv sei, teilt Zemp nicht. «In der Pubertät ist es sicher noch schwieriger, Schüler an Französisch heranzuführen.» Auch das Argument, Primarlehrer seien oft selbst der Sprache nicht mächtig, sei kein Grund gegen Frühfranzösisch: «Bei der Ausbildung gibt es sicher Verbesserungspotenzial. Aber wer Primarlehrer werden will, braucht eine Maturität. Stimmt der Unterricht, sollten die Kenntnisse genügen.»

(daw/jbu)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • mr. smith am 06.07.2016 14:58 Report Diesen Beitrag melden

    Gegen zwei Landessprachen

    Und was bringen die zwei Landessprachen? Bei der grossen Mehrheit wohl genau gar nichts. Wir hatten ab der 4. Klasse Französisch und zwar ganze 6 Jahre lang. Heute würde ich keinen vernünftigen Satz zusammen kriegen. Mit den Welschen spreche ich einfach Englisch, hatte bisher noch nie Probleme.

    einklappen einklappen
  • E.H. am 06.07.2016 15:02 Report Diesen Beitrag melden

    Hr. Berset hat selber Baustelle!

    Herr Berset soll mal seinen eigenen Laden aufräumen. Das ganze Gesundheitssystem ist marode, die AHV sanierungsbedürftigt, nur Herr Berset macht nichts als nur schön reden, reden!!!! Politiker wie es im Bilderbuch steht.

    einklappen einklappen
  • Thomas am 06.07.2016 16:58 Report Diesen Beitrag melden

    Welsche sprechen nie Deutsch

    Nach 8 Jahren täglichem beruflichen Telefonkontakt von Bern aus mit Genf und Lausanne stelle ich fest: Es sind immer wir Deutschschweizer, die Franz sprechen müssen. Die Welschen sprechen aus Prinzip kein Deutsch. Fangt mal zuerst da an.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • me too zh am 05.08.2016 17:10 Report Diesen Beitrag melden

    Französisch? wozu denn bitte?

    Vergesst endlich das das Französich in der Schule! Die Kids sollen Englisch lernen, das ist in einer hoch- technisierten Gesellschaft überlebenswichtig! Französisch braucht niemand mehr. Das französische Imperium ist längst Geschichte, wer französisch lernen will kann das freiwillig tun. Der Nutzen für Schulfranzösisch ist gemessen am Aufwand und an der Ablehnung durch die Schüler nur noch unverhältismässig und sinnlos.

  • Kudi am 10.07.2016 09:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Englisch für alle macht Kommunikation einfacher

    Für die Mehrheit der Kinder ist Englisch die richtige Sprache. Die Mehrheit (vielleicht 90%) braucht im aktiven Leben keine Fremdsprache. Und wenn eine Fremdsprache, dann in 1. Priorität Englisch. Das gilt für alle in der Schweiz. Für alle ist Englisch immer ein Vorteil, sei es nur für die Ferien. Auch bei Ferien im Tessin oder Welschland kommt man mit Englisch gut durch. Englisch kann alle 4 Sprachregionen verbinden. Alles andere ist GROSSER Aufwand für eine Minderheit, die Italienisch, Deutsch oder Rätoromanisch später lernen können. Man kann anstelle einer Landessprache anderes und besseres lernen. Englisch gibt der großen Mehrheit die Kompetenz überall auch in der Schweiz zu kommunizieren.

  • Jakob am 10.07.2016 08:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Engstirnig

    Jeder Erwachsene würde es begrüssen, 2-3 Fremdsprachen zu sprechen. Das hat mit dem Strategen Berset aber nichts zu tun. Eltern und Lehrer sind damit überfordert und möchten den Weg des geringsten Aufwandes gehen. Berset kann daher gar nicht anders handeln und muss Bildung unterstützen.

    • ali am 10.07.2016 09:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Jakob

      Hat man die Kompetenz Englisch zu sprechen, ist man fast überall auf der Welt zu Hause auch in der Romandie. Wieso der grosse Aufwand Landessprachen in der Primarschule zu lernen. Eine von 3 Regionen ist immer benachteiligt.

    einklappen einklappen
  • Edi Steinlin am 09.07.2016 12:26 Report Diesen Beitrag melden

    Berset

    Ich denke BR Berset hat vergessen in welchem Land er lebt, Befehlen, Erpressen = Fremdwörter.

  • R. Müller am 09.07.2016 10:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    betrifft das auch die Welschschwei mit Deutsch?

    Wie sieht es den mit der deutschen Sprache, jenseits des Röstigrabens aus? Es ist einfach komisch, dass ab dieser Grenze, niemand mehr Deutsch versteht und auch partout nicht helfen will.In der Schweiz sind geschätzt 3/4 der Bewohner, Deutsch sprechend. Ich bin seit Jahren aus der Schule raus und habe im Beruf immer gerade so das Nötigste benötigt. Französich war für mich persönlich nie eine Relevanz