Sie wurde jüdisch

31. Oktober 2013 13:10; Akt: 31.10.2013 13:25 Print

«Hexenjagd» auf Walliser Lehrerin

Eine Walliser Religion- und Ethiklehrerin will nach jüdischem Glauben leben. Die Folge: Ein Sturm der Entrüstung und eine fristlose Kündigung. Der Kanton hat eine Untersuchung angekündigt.

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Bischof Norbert Brunner (rechts) entzog Edith Inderkummen die Lehrerlaubnis. (Bild: Wikipedia, Adrian Michael/ Keystone)

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Die frühere Kantonsparlamentarierin und Gemeindepräsidentin von Erschmatt (VS), Edith Inderkummen, ist ausgebildete Religionspädagogin mit einem Abschluss der Universität Luzern. Bis in diesem Frühling unterrichtete sie an der Orientierungsschule Brig die Fächer Religion und Ethik im Teilzeitpensum. Doch dann beschloss die Katholikin, sich auf die «jüdischen Wurzeln des Christentums» zurückzubesinnen und aus der katholischen Kirche auszutreten.

Der Bischof von Sitten, Norbert Brunner, entzog ihr darauf gemäss dem Newsportal Infosperber die Lehrerlaubnis für den Religionsunterricht. Zudem legte ein Generalvikar dem Erziehungsdepartement und der Schuldirektion im Auftrag des Bischofs nahe, Inderkummen auch vom konfessionsneutralen Fach Ethik-Religionen-Gemeinschaft (ERG) freizustellen.

Disziplinarmassnahmen bei Auffälligkeiten

Auch Eltern reagierten erbost auf den Entscheid Inderkummens, jüdisch leben zu wollen, und reklamierten bei der Schuldirektion. Diese lud die Lehrerin zum Gespräch ein und eröffnete ihr, dass sie «ab sofort» nicht mehr konfessionellen Unterricht erteilen könne. ERG dürfe sie nur noch unter rigorosen Auflagen unterrichten. So müsse sie ihre Vorbereitungen dem Schulinspektor «1-2 Tage vorher» vorweisen, zudem wurden Unterrichtsbesuche angedroht.

Bei «Auffälligkeiten» werde dem Erziehungsdepartement «Bericht erstattet» und es würden «allfällige Disziplinarmassnahmen geprüft», hiess es. Die Schuldirektion legte ihr nahe, den Arbeitsort gleich zu verlassen «oder den Arzt für eine Krankschreibung zu konsultieren». Obwohl sie vom Fach ERG offiziell nicht freigestellt wurde, sind ihr im laufenden Schuljahr keine Lektionen mehr zugeteilt worden. Inderkummen wurde faktisch arbeitslos.

Untersuchung angekündigt

Die geschasste Lehrerin spricht von «erniedrigenden und demütigenden» Vorgängen. Sie verweist auf die Glaubens- und Gewissensfreiheit und hat beim Staatsrat Beschwerde eingereicht. Diese ist noch hängig.

Erziehungsdirektor Oskar Freysinger kündigt im «Walliser Boten» eine Untersuchung an. Zwar sei es korrekt, dass die Frau vom Religionsunterricht freigestellt worden sei – diesbezüglich bestehe im Kanton Wallis eine spezielle Vereinbarung zwischen Bistum und Kanton, die nur gläubige Lehrpersonen Religion unterrichten lässt. Dass Inderkummen aber auch keine ERG-Lektionen mehr geben darf, sei nicht akzeptabel. «Tatsache ist, dass man eine Lehrperson eigentlich nur dann entlassen sollte, wenn professionelles Fehlverhalten vorliegt – einfach ohne Grund jemanden in die Wüste zu schicken, ist nicht korrekt», so Freysinger. Er verlange von der Gemeinde Brig klare Antworten zum Fall.

(jbu)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Drama Queen am 31.10.2013 14:35 Report Diesen Beitrag melden

    Was für ein Drama!

    Erstmal: Ich bin selber Walliser. Lasst die gute Frau doch weiter unterrichten, was soll schon passieren? In der Orientierungsschule nimmt sowieso niemand mehr diesen abergläubischen Hokus-Pokus ernst. Egal ob den katholischen oder den jüdischen.

  • Calvin am 31.10.2013 14:33 Report Diesen Beitrag melden

    500 Jahre Reformation für nichts

    Soviel zur Religionsfreiheit in der Schweiz. Wieso bestellt der Ajatollah von Sitten die Lehrer und nicht der Mufti Oskar ? Für mich ein Zeichen mehr der totalen Intoleranz der katholischen Kirche und ein weiterer Grund diese Religionsgemeinschaft zu verlassen und ihr meine Kinder und meine Steuern zu entziehen !

    einklappen einklappen
  • Schwupps am 31.10.2013 15:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Was ist mit Religionsfreiheit?

    Immer von Religionsfreiheit predigen, wenn es aber darauf ankommt, nichts davon wissen wollen! Es ist Privatsache dieser Dame, was sie glaubt! Dass sie nicht mehr Religionsunterricht erteilen darf, ist klar, Ethik steht aber auf einem anderen Blatt! Die Frau hätte ihren Glauben auch stillschweigend wechseln können, nun wird sie für ihre Offenheit bestraft!

Die neusten Leser-Kommentare

  • hero49 am 31.10.2013 20:03 Report Diesen Beitrag melden

    Zurück zu den Wurzeln des Christentums

    Man munkelt in gewissen Kreisen, dass Jesus von Nazareth als Jude geboren wurde und als Jude gestorben ist. Sein Ziel war nicht eine neue Religion zu gründen, sondern das damals vorherrschende Judentum zu reformieren. Erst seine Nachfolger haben aus der jüdischen Sekte eine eigenständige Religion gemacht. Was also um Gotteswillen ist denn so falsch daran wenn eine Katholikin nach den Werten des "Erfinders" des Christentums leben will?

  • Fors vo der Lueg am 31.10.2013 18:10 Report Diesen Beitrag melden

    Wie sagte doch Sigmund Freud?

    Religion ist eine kollektive Psychose! Wie recht er doch hatte! Das gilt noch immer.

  • Hansi am 31.10.2013 15:47 Report Diesen Beitrag melden

    Weg mit den Religionen

    Ich bin schon lange dafür, dass man die Religionen abschafft. Diese sorgen nähmlich schon seit anbeginn ihrer existenz nur für Kriege und Sinnlose Opfer (Hexenjagd, Glaubenskriege, Kreuzritter etc.). Man sollte sich mal überlegen, was der Nutzen der Kirche ist. Beim Militär heulen immer gleich alle über Nutzen etc. aber bei der Kirche, die genau garnichts bewirkt ausser negative Schlagzeilen spricht niemand darüber wie viel Sinnlos in die Kirche gebuttert wird..

  • Yves K. am 31.10.2013 15:46 Report Diesen Beitrag melden

    Trennung von Kirche und Staat

    Es ist einfach unglaublich, dass die Kirche solchen Einfluss auf den Staat und die ihm unterstellten Stellen nehmen kann. Wenn Religion schon zum Unterricht gehören soll, dann sollte dieser Unterricht eine wissenschaftliche Herangehensweise an den Tag legen und keinesfalls durch die dogmatische Kirche beeinflusst werden. Religion im kulturhistorischen Kontext zu betrachten ist gut und recht, andere Religionen miteinzubeziehen ist dann aber Pflicht. (Dazu würde übrigens auch die Betrachtung der Atheistischen Lebensweise gehören.)

  • Schwupps am 31.10.2013 15:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Was ist mit Religionsfreiheit?

    Immer von Religionsfreiheit predigen, wenn es aber darauf ankommt, nichts davon wissen wollen! Es ist Privatsache dieser Dame, was sie glaubt! Dass sie nicht mehr Religionsunterricht erteilen darf, ist klar, Ethik steht aber auf einem anderen Blatt! Die Frau hätte ihren Glauben auch stillschweigend wechseln können, nun wird sie für ihre Offenheit bestraft!