Fussball-Extremisten

13. März 2019 09:25; Akt: 13.03.2019 09:25 Print

«Hooligan ist auf Suche nach Zugehörigkeit»

Das Gehirn von Hooligans sei noch nicht ausgereift, sagt der forensische Psychiater Thomas Knecht. Das sei mit ein Grund für ihren Hang zu provokanten Aktionen.

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Mit einem Transparent trauerte die GC-Fangruppe Blue White Bulldogs 98 am Samstag um einen deutschen Neonazi. Ihre Nähe zu rechtsextremen Kreisen ist bekannt: So zeigt ein Foto aus dem Jahr 2016, wie ein Anführer der Gruppe mit deutschen Neonazi-Hooligans vor einer Reichskriegsflagge posiert. Auch militante Anhänger des FC St. Gallen oder des FC Zürich vernetzen sich mit ausländischen Gruppen – und üben gemeinsam Gewalt aus. Wir haben den forensischen Psychiater Thomas Knecht gefragt, wieso.

Herr Knecht, einige Fankurven haben Verbindungen zu rechtsextremen Anhängern von ausländischen Fussballclubs. Haben Schweizer Clubs ein Extremismus-Problem?
Da es um Gruppenrivalitäten geht, ist das politische Element nicht fern. Bekannt ist der Spruch: «Politik ist Krieg ohne Blutvergiessen.» Das Gleiche könnte man auch vom Sport sagen.

Junge Leute sind aufgrund ihres Temperamentes für Extreme besonders anfällig. Dabei ist es ein bekanntes Phänomen, dass sich politische Gruppierungen vernetzen, um ihre Gruppenstärke und damit ihre Macht zu erhöhen.

Wieso stellten die GC-Fans in diesem Fall ihre «Trauer» um den rechtsextremen Thomas derart zur Schau?
Viele junge Personen lieben die Provokation, um Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Erfahrungsgemäss ist es in der heutigen Zeit eine der wirksamsten Provokationen, rechtsextremes Gedankengut auszubringen. Dazu kommt, dass es tatsächlich rechts- und linksgerichtete Fangruppen gibt, was die Rivalität zwischen ihnen natürlich noch gehörig verschärft.

Lockt Fussball gewaltbereite Personen an?
Das sind bei uns die Mannschaftssportarten, die die breitesten Bevölkerungskreise erreichen. Anderswo könnte es auch Rugby oder Football sein; das kämpferische Element ist sehr wichtig. So können auch Boxkämpfe diese Funktion übernehmen. Fussballfans scheinen mir in der Tat im Schnitt etwas aggressiver zu sein als beispielsweise Polo-Fans.

Wieso hat die sonst friedliche Schweiz ein Hooligan-Problem?
Hier herrscht grosser Druck, sich anzupassen, wenn man nicht als Störefried aus dem Rahmen fallen will. Gerade junge Leute sind deshalb in besonderer Weise auf Aggressionsventile angewiesen. Events wie Fussballspiele oder die Fasnacht können zu den sogenannten Ventilsitten gezählt werden, wo man auf eine Art Dampf ablassen kann.

Was geht im Kopf eines typischen Hooligans vor?
Der typische Hooligan ist eher jung, hormongetrieben und auf der Suche nach Identität und Zugehörigkeit, währenddem sein Gehirn naturgemäss noch nicht ganz ausgereift ist, sodass eine gewisse Unausgeglichenheit zwischen Antrieb und Selbstkontrolle besteht. So gesehen ist man permanent auf der Suche nach einem geeigneten Zielobjekt, an dem man sich ausleben kann.

Dabei kann sich grundsätzlich jede Art von Gegner anbieten, von dem man sich sportlich, politisch, ethnisch oder auch lifestyle-mässig abgrenzen kann. Beim Hooliganismus ist die Aggressionsabfuhr im Zusammenhang mit den Sportanlässen gut organisiert, steht also an jedem Wochenende zuverlässig zur Verfügung.

(dk)