Berufe mit schlechtem Image

08. November 2016 10:05; Akt: 09.01.2019 09:36 Print

«Ich bin Masseurin und keine Prostituierte»

von B. Zanni - Dass Krankenschwestern mit einem falschen Ruf kämpfen, hat hohe Wellen geworfen. Auch andere müssen ihre Jobs oft verteidigen – drei Berufsleute erzählen.

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Medizinische Masseurinnen erleben oft, dass Männer ihre Arbeit mit einer erotischen Dienstleistung verwechseln. Martin Vetter, LKW-Fahrer: «Ohne Lastwagenfahrer gäbe es in der Migros keine Früchte mehr.» Nicole Graber, Hairstylistin: «Oft beklagen sich Kunden gleich über den Preis. Wir müssten ihnen ja nur die Haare waschen, schneiden und föhnen.» Klares Statement einer Krankenschwester: «Sei nett, ich könnte eines Tages deine Krankenschwester sein.» Krankenschwestern auf Instagram wissen genau ... ... welche Blicke sie aufsetzen, wenn ihnen wieder einmal jemand sagt, sie seien «nur eine Krankenschwester». Im Gespräch mit 20 Minuten beklagten Pflegefachpersonen, dass ihre Arbeit und ihr Know-how von Ärzten und Patienten nicht gewürdigt werden. Das Echo war gross: In den Kommentaren bedankten sich zahlreiche Leser für das Engagement des Pflegepersonals. Ein Nutzer schreibt: «Wenn ich mal ein Krankenhaus von innen sehe, bin ich immer wieder erstaunt, welche Verantwortung auf einer Krankenschwester lastet. Meinen Respekt habt ihr! Es gibt leider viele verkannte Berufe ...» Tatsächlich leiden auch andere Berufsgruppen unter ihrem schlechten Image. 20 Minuten hat mit Branchenvertretern gesprochen: Gemäss Karin Funk, Geschäftsführerin von Alpura, dem Verband Schweizer Reinigungsunternehmen, wird das Reinigungspersonal von vielen Menschen zu wenig geschätzt. Die Vorurteile würden schon beim Namen anfangen: «Wir lehnen die Bezeichnung Putzpersonal ab, denn putzen kann jeder, reinigen muss man lernen.» Eine dreijährige Lehre inklusive Berufsprüfung und Fachprüfung sind nötig, um sich Gebäudereiniger nennen zu dürfen. «Viele haben völlig falsche Vorstellungen vom Bauberuf», sagt Matthias Engel, Sprecher des Schweizerischen Baumeisterverbandes. Oft werde behauptet, wer seine Lehre auf dem Bau mache, der bleibe das ganze Leben lang einfacher Büezer ohne Aufstiegschancen. Dies sei aber völlig falsch: «Auf dem Bau braucht man weder Anzug noch Krawatte, um Karriere zu machen.» Maurer und Strassenbauer hätten zahlreiche Weiterbildungsmöglichkeiten, um als Polier, Bauführer oder Baumeister gut bezahlte Führungspositionen auf den Baustellen zu übernehmen. «Leider ist das Klischee weit verbreitet, dass Angestellte beim Bund nur auf der faulen Haut lägen», sagt Jürg Grunder, Sekretär des Personalverbands des Bundes. Den Bürgern sei nicht bewusst, an wie vielen Stellen sie von der Arbeit des Bundespersonals profitieren. Als besonders störend empfindet es Grunder, wenn Politiker «Beamtenbashing» betreiben. «Jeder politische Vorstoss, den diese Politiker machen, wird durch das Bundespersonal bearbeitet, damit er im Parlament besprochen werden kann.» Gemäss Annette van Emden, Personalchefin von McDonald's Schweiz, gibt es auch gegenüber der Arbeit in der Gastrobranche viele Vorurteile «Es herrscht die Meinung, dass nur Ungelernte in Restaurants arbeiten und man gar keine Karriere machen kann.» So würden auch mehr als 50 Prozent der Restaurantmanager ihre Laufbahn als Küchenmitarbeiter beginnen. Viele Menschen würden wegen der flexiblen Arbeitszeiten in der Gastrobranche arbeiten, sagt van Emden. So könnten sie sich neben ihrer Mutter- und Vaterrolle oder während des Studiums ein Zusatzeinkommen verdienen. Sie habe gar nicht gewusst, dass sie «nur eine Krankenschwester» sei, meinte eine Bekannte, die Krankenschwester Caitlin Brassington nach ihrer Schicht in einem Supermarkt zufällig traf. «Ihr scharfer Verstand wird wenig gewürdigt», sagt Yvonne Ribi, Geschäftsführerin des Schweizer Berufsverbands der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner SBK. Stattdessen fielen Kommentare wie «Warum bist du nur Krankenschwester?» oder «Hast du nicht Arzt werden wollen?». Sebastian Frehner (SVP) hingegen hat den Eindruck, dass die Wertschätzung für den Beruf der Pflegefachfrau stark zugenommen hat. «Geringschätzige Kommentare über Krankenschwestern lassen heute vielleicht nur noch rückständige Leute fallen.» Die Pflegefachfrauen machen klar, dass sie sich für den Pflegeberuf entschieden haben, obwohl sie auch klug genug für den Arztberuf wären. Nationalrätin Bea Heim (SP): Um die verdiente Wertschätzung zu erhalten, gelte es, den Pflegeberuf als eigenverantwortliche Tätigkeit anzuerkennen.

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Pflegefachfrauen müssen immer wieder herablassende Kommentare über sich ergehen lassen. Wie Vertreter von Berufsverbänden zeigen, leiden auch andere Berufsgruppen unter ihrem schlechten Image. Menschen aus drei verschiedenen Branchen erzählen von ihren Erfahrungen.

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«Ohne uns gebe es keine Früchte»

Martin Vetter, LKW-Fahrer (34): «Die Leute haben oft das Gefühl, ich hocke den ganzen Tag nur am Steuer, fahre extra langsam, blockiere die Strasse und verpeste die Luft. Schauen sie mir aber einen Tag über die Schulter, sind sie überrascht, wie anspruchsvoll mein Job ist. Ohne Lastwagenfahrer gäbe es im Laden keine Früchte mehr. Am Ende würde die ganze Wirtschaft zusammenkrachen.

Ich transportiere jeden Tag Unmengen von Früchten in die Verteilzentrale. Bald ist wieder die Hölle los. In der Weihnachtszeit liefere ich Tonnen von Ananas, Kiwis, Mangos, Zitronen und Avocados in die Läden. Lange Arbeitstage gehören dazu. Mein Job ist auch ziemlich gefährlich. Ich muss ständig auf der Hut sein, dass ich keine Velofahrer oder Fussgänger überfahre, die im toten Winkel meines Fahrzeugs stehen. Genauso nervenaufreibend sind die Autos, die sich bei Autobahnausfahrten noch dazwischendrücken.

«Wir sind Geometer und Künstler in einem»

Nicole Graber, Hairstylistin (47): «Oft beklagen sich Kunden gleich über den Preis. Wir müssten ihnen ja ‹nur› die Haare waschen, schneiden und föhnen. Unser Beruf wird immer unterschätzt. Dabei sind wir Geometer, Architekten, Ingenieure und Künstler in einem. Eine Coiffeuse muss eine Frisur im richtigen Winkel schneiden, sich die Frisur dreidimensional vorstellen können und die Kunst beherrschen, Persönlichkeit herauszuholen.

Genauso falsch ist die Vorstellung, dass die Coiffeurlehre ‹einfach› ist. Die angehenden Berufsleute müssen auch in Anatomie, Biologie, Chemie und Physik bestens Bescheid wissen. Wer findet, wir schnitten ‹nur ein bisschen Haare›, liegt aber auch falsch, weil unser Alltag sehr anstrengend ist. Wir müssen den ganzen Tag stehen – und bei grossem Kundenandrang ist es selbstverständlich, dass wir auf die Mittagspause verzichten.»


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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Yannick95 am 08.11.2016 10:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wertschätzung

    ich glaube nicht dass die mangelnde wertschätzung am beruf liegt sondern vielmehr, dass der mensch einfach null respekt vor anderen mitmenschen hat und diese auch überhaupt nicht wertschätzt..!!

  • Nikinio am 08.11.2016 12:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Damits mol gseit isch!

    Am Ende des Tages bin ich einfach froh was Menschen tagtäglich auf sich nehmen damit ich ein wenig mehr Luxus habe. Sei es die Krankenschwester welche sich um mich kümmert wenn ich es selbst nicht kann, bis zum Müllmann welcher 2 mal wöchentlich bei Wind und Regen meinen Abfall entsorgt. Finde es gut dass 20.min das etwas beleuchtet. Viel zu oft vergesse auch ich, wieviel arbeit es anderen macht, damit ich mich nicht drum kümmern muss! Also jeder der Arbeitet- Danke!

  • Claudiolive am 08.11.2016 10:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ein toller Job aber leider unterschätzt

    Ich schätze den Job einer Masseuse sehr und ich könnte auch ab und zu eine brauchen. Ich hoffe sehr dass das noch andere so sehen wie ich

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Tobi von Baden am 08.11.2016 14:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mein Kommentar

    Meine Freundin versucht mich immer zu überzeugen, zu ihrer Masseuse zu gehen, weil die auch bei ihr Kundin ist. Aber ich bevorzuge es, von starken Männerhänden geknetet zu werden. Die Vorstellung, von einer Frau massiert zu werden, ist für mich etwa mit einer veganen Grillparty vergleichbar. Weiss nicht warum...sorry Frauen, nicht böse gemeint, aber ich denk dann immer, heute brauch ichs besonders hart. :-)) Für Männer, die eine Masseurin nach sexuellen Diensten ersuchen müssen, bleibt mir nur Mitleid. Sorry, aber wie erbärmlich seid ihr denn??

  • Stefan am 08.11.2016 13:47 Report Diesen Beitrag melden

    Da fängt es wieder an

    Coiffeusen reden meinen Beruf klein, tun so, als könnte jede Coffeuse Ingenieur sein.

  • Glück am 08.11.2016 13:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kita

    Jeder Beruf hat seine Herausforderungen, doch wenn man seinen Beruf mit Herzblut ausübt, kümmert es wenig wenn man ein schlechtes Image hat. Ich arbeite in einer Kita, und höre täglich dass ich fürs spielen bezahlt werde und jede Mutter diesen Job auch kann... Ich weiss ja was ich leiste, wiso sollte ich mich nun über dieses Image aufregen, bringt ja eh nichts :)

  • R.E21 am 08.11.2016 13:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fa Be K

    Was ist mit dem Beruf der Fachfrau Betreuung Kind!? Bei uns heisst es auch immer: ja nur ein bisschen ,,Babysitten'' und ,,Wickeln''.. Wenige wissen wie viel Geduld und Arbeit dieser Job bedeutet! Besonders auch dadurch das wir rein theoretisch jeden Satz den wir einem Kind sagen pädagogisch Begründen können müssen!

    • Janine am 08.11.2016 13:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @R.E21

      Ich habe den grössten Respekt vor euch!!! Ich hätte für so etwas keine nerven.

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  • Der Ironiker (Informatiker) am 08.11.2016 13:15 Report Diesen Beitrag melden

    Naja, Wertschätzung..

    sucht man in der Informatik vergebens. Wenn etwas nicht funktioniert, hats der Informatiker persönlich kaputt gemacht und muss angeschrien werden. Die Firmen sehen einen eigentlich nur als Kostenfaktor. An die Coiffeuse: Ich kämpfe momentan dafür beim Arbeiten stehen zu können (Rückenprobleme), seien sie froh! Glauben sie in anderen Betrieben geht man nach Hause wenn da noch Arbeit ist? Und zum Schluss: Ich hatte in der Schule auch Biologieunterricht, trotzdem würde ich mir nicht anmassen andern deshalb die Haare schneiden zu können.