Chur West, Teil 2

05. Juni 2013 12:39; Akt: 05.06.2013 15:33 Print

«Ich bin ein Mensch, kein Roboter»

von D. Pomper - Die Asylgesetzrevision sieht vor, dass Kriegsdienstverweigerer und Deserteure nicht länger als Flüchtlinge gelten. Die Geschichte einer Frau, die keine Soldatin mehr sein wollte und ihr Leben selber in die Hand nahm.

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Es gibt unzählige Schicksale von Flüchtlingen aus Eritrea, von Kriegsdienstverweigerern und Deserteuren, die in der Schweiz auf Asyl hoffen. Etwa jenes von Aster, die während des obligatorischen Kriegsdienstes vergewaltigt und schwanger wurde und nicht wusste, ob ihr Peiniger oder ihr Ehemann der Vater des Kindes ist. Oder die Geschichte von Semira, die mit ihrer drei Monate alten Tochter die Flucht antrat, als ihr Mann gefangen genommen wurde. Seit eineinhalb Jahren hat sie nichts von ihm gehört.

Es gibt aber auch die Geschichte von Delina, die seit drei Monaten im Erstaufnahme-Zentrum Foral in Chur lebt. Die 28-Jährige war nicht an Leib und Leben bedroht. Sie sass nicht im Gefängnis, wurde nicht vergewaltigt, gefoltert oder verfolgt. Die ehemalige Soldatin flüchtete, weil sie ein selbstbestimmtes Leben führen wollte.

«Nicht von einem Gefängnis ins nächste»

Mit 20 Jahren wurde sie in den Kriegsdienst eingezogen, wie jeder andere eritreische Bürger auch. Vier Jahre lang diente sie der Armee, bevor sie sich zur Flucht entschloss. «Stell dir vor, du darfst keine Entscheidung selber treffen. Es wird dir gesagt wann du sitzen, stehen, gehen, essen, schlafen darfst. Aber ich bin kein Roboter. Ich bin ein Mensch.»

In Eritrea können Bürger auf unbestimmte Zeit zum Militärdienst gezwungen werden, was der Uno-Menschenrechtsrat jüngst verurteilte. Amnesty International sprach gar von «Zwangsarbeit» unter dem Regime von Isaia Afewerki. Deserteure würden verfolgt, eingesperrt, gefoltert oder getötet. Inzwischen stellen die Eritreer die grösste Gruppe der Asylsuchenden in der Schweiz dar. Fast 9000 anerkannte Flüchtlinge aus Eritrea lebten 2012 in der Schweiz. Nochmals so viele befanden sich noch im Asylprozess.

Der einzige Ausweg aus dem Militär wäre eine Heirat gewesen, sagt Delina. «Doch ich wollte nicht von einem Gefängnis ins nächste. Ich will mich bilden, frei sein, arbeiten.» Delina desertierte und flüchtete alleine in den Sudan. Ihrer Familie sagte sie kein Wort. 1000 Dollar bezahlte sie einem Schlepper für die Flucht. Pro Monat registriert das Uno-Flüchtlingshilfswerk UNHCR entlang der sudanesischen Grenze rund tausend Übertritte und nochmals so viele in Äthiopien.

10'000 Dollar für die Schlepper

Drei Jahre lang lebte Delina im Sudan, arbeitete als Kellnerin und hauste in einem kleinen Zimmer mit anderen Flüchtlingen. Doch das erhoffte Leben in Freiheit erfüllte sich nicht. Das Leben «unter der Burka» habe sie nicht ertragen: «Es ist 40 Grad heiss und du trägst den ganzen Tag diese Ganzkörperbedeckung. Ich fühlte mich gefangen.» Als ihr ein Gast kochend heisses Wasser über die Waden schüttete, weil die Burka nicht bis zum Boden reichte, habe sie den Entschluss zur erneuten Flucht gefasst. Diesmal reichten 1000 Dollar nicht. Das Zehnfache habe sie einem «Businessman» für die Organisation und die falschen Papiere bezahlen müssen. Mit dem Flugzeug seien sie gemeinsam nach Italien geflogen. Von dort mit dem Zug in die Schweiz. Das benötigte Fluchtgeld schickten ihr die Schwester, die in Genf lebt und eritreische Bekannte aus Norwegen und Schweden. Skandinavien gilt neben Grossbritannien und der Schweiz als beliebtes Fluchtziel für Eritreer.

Erstmals im Leben fühle sie sich frei und sicher, sagt Delina. Von den Schweizern sei sie stets zuvorkommend und freundlich behandelt worden. Sie empfinde gegenüber diesem Land tiefe Dankbarkeit. Sollte sie Asyl erhalten, will sie in die Westschweiz ziehen, heiraten, eine Familie gründen. «Ich bete zu Gott, dass ich bleiben darf.»

Lesen Sie den ersten Teil der Reportage: «Das Leben im Asylheim – ein Selbstversuch»
Lesen Sie morgen den dritten und letzten Teil der Reportage: Georg Carl, Asylkoordinator des Kantons Graubünden, erzählt im Interview, warum sein Kanton als Vorreiter in Sachen Asylwesen gilt.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • einfachtraurig am 08.06.2013 13:42 Report Diesen Beitrag melden

    TRAUER

    Manchmal wünschte ich mir fast wir würden in der Schweiz ein Erdbeben Stärke 8 erleben, danach einen Winter wie 1709 und vielleicht noch eine Wirtschaftskrise wie nach dem schwarzen Freitag.... Dann würden die Schweizer wieder erinnert, dass es ihnen nicht immer gut gin und auch die Zukunft nichts garantiert... Die Asylsuchenden sollten natürlich an den argentinischen, australischen etc. Grenzen vom Einreisen gehindert werden, da Sie nur vberhungernde wirtschaftsflüchtlinge sind ;(

  • Claudia am 05.06.2013 13:57 Report Diesen Beitrag melden

    Viel schneller ausschaffen!

    da sehen wir das eigentliche Problem - das sind Leute wo Hilfe verdient hätten - die wo hier sind und sich weder anpassen wollen sondern nur schlecht auffallen - die sollten einfach ausgeschafft werden. Denn die sind nicht unbedingt an Leib und Leben bedroht... raus mit denen wo sich hier nicht normal verhalten können..dann hat es Möglichkeiten denen zu helfen wo Hilfe wirklich brauchen können!

  • Schweizer am 05.06.2013 13:01 Report Diesen Beitrag melden

    Verstehe ich nicht

    Ich verstehe es bis heute nicht, weshalb wir solchen Menschen mit der Gesetzesrevision im Juni Asyl verweigern wollen, während es Einwanderer (in den meisten Fällen nicht aus Eritrea) gibt, die durch Gewalttaten und Schlägereien auffallen. Und die letztgenannten nehmen wir hier in der Schweiz auf. Da läuft doch irgendwas falsch in der Politik??

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Die neusten Leser-Kommentare

  • einfachtraurig am 08.06.2013 13:42 Report Diesen Beitrag melden

    TRAUER

    Manchmal wünschte ich mir fast wir würden in der Schweiz ein Erdbeben Stärke 8 erleben, danach einen Winter wie 1709 und vielleicht noch eine Wirtschaftskrise wie nach dem schwarzen Freitag.... Dann würden die Schweizer wieder erinnert, dass es ihnen nicht immer gut gin und auch die Zukunft nichts garantiert... Die Asylsuchenden sollten natürlich an den argentinischen, australischen etc. Grenzen vom Einreisen gehindert werden, da Sie nur vberhungernde wirtschaftsflüchtlinge sind ;(

  • Kurt Röösli am 07.06.2013 14:03 Report Diesen Beitrag melden

    Wers glaubt

    Es wird gelogen das sich die Balken biegen! Und wir Naivlinge glauben alles!

  • Petrovic idialo am 07.06.2013 11:15 Report Diesen Beitrag melden

    Keine vorgeschobenen Gründe

    Also es tut mir ja Leid aber es gibt genug andere Länder in die man flüchten kann. Wieso muss es unbedingt die reiche Schweiz sein? Wir sind zu diesem Lebensstandard gekommen durch harte Arbeit und haben uns ein gutes Sozialsystem aufgebaut. Durch die tausenden ungerechtfertigten Flüchtlinge die nachher unser Sozialsystem ausbeuten, nicht arbeiten, nicht die Sprache lernen und kriminell werden wird unsere Schweiz noch zu Grunde gehen. IN 20-30 Jahren werden wir arm sein wie Grichenland wenns so weitergeht. Ich hab nichts gegen Leute die wirklich verfolgt werden, aber nicht jeden der was erfi..

  • Serpenter am 07.06.2013 10:47 Report Diesen Beitrag melden

    Kein Mitleid

    Ihr könnt hier noch dutzende solcher Geschichten auftischen. Mein JA liegt in der Urne, und ich würde es wieder tun. Von mir bekommt ihr keine einzige Träne und solche aufgebauschten Propagandastorys lassen mich kalt.

  • Beobachter am 06.06.2013 13:05 Report Diesen Beitrag melden

    Es kommen die Falschen!

    Zu uns kommen die Starken, nicht die Schwachen und Hifsbedürftigen, die das viele Geld für die Reise nicht aufbringen können. Darum, restriktive Asypolitik und verstärkte Vorort Hilfe.