Türken in der Schweiz

17. Juli 2016 22:32; Akt: 18.07.2016 01:08 Print

«Ich bin froh, dass der Putsch nicht geglückt ist»

In der Nacht zu Samstag ist in der Türkei ein Putschversuch gescheitert. Die Türken in der Schweiz zeigen sich mehrheitlich erleichtert.

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Der Aufstand in der Türkei beschäftigt auch die Türken in der Schweiz. Mehrere hundert Personen haben sich am Samstagabend vor dem türkischen Generalkonsulat in Zürich versammelt. Sie feierten Präsident Recep Tayyip Erdogan nach dem gescheiterten Putschversuch . Doch der türkische Präsident hat nicht nur Freunde. Seine «Säuberungswelle» nach dem misslungen Putschversuch sorgt für Aufsehen in der Community.

Aleyna* ist als Türkin in der Schweiz aufgewachsen und froh, dass der Putsch nicht geglückt ist. «Wir möchten Erdogan nicht mehr als Präsidenten. Aber solch ein Militärputsch hätte unserer Bevölkerung geschadet.» Es wäre zu kriegsähnlichen Zuständen gekommen und die Menschen hätten vor Angst ihre Häuser nicht mehr verlassen können, meint die junge Frau. Sie sei kein Fan von Präsident Erdogan. Doch egal ob für oder gegen Erdogan, die meisten Türken seien gegen den Militärputsch gewesen.

«Ich hoffe, das wird die Demokratie stärken»

Kahraman Tunaboylu, Präsident der Türkischen Gemeinschaft Schweiz, meint: «Man sollte die Ereignisse nicht auf Präsident Erdogan allein beziehen. Hier ist eine gesetzwidrige Handlung gegen die demokratisch gewählte Regierung der Türkei und gegen die Demokratie geschehen.» Die türkische Demokratie und das Volk hätten bei diesem Ereignis eine wichtige Prüfung bestanden. «Alle politische Parteien und die Bevölkerung haben sich der Regierung gegenüber solidarisch verhalten.»

«Ich hoffe, das Zusammenstehen aller Parteien und der Mehrheit des Türkischen Volkes wird die Demokratie stärken und die Türkei stabilisieren», so Tunaboylu.

«Die Türken kennen ihre Rechte»

Man könne verschiedene Meinungen über Erdogan und seine Politik haben, «aber es handelt sich hier um eine gewählte Regierung», sagt auch die Präsidentin der Association Suisse Turquie, Inci de Boccard-Özalp. Gemäss ihr wird der gescheiterte Putsch nun die Position der Regierung stärken: «Dass der Aufstand gescheitert ist, zeigt: Die Bevölkerung steht hinter der Regierung.» Der Putsch sei schlecht organisiert und unnötig gewesen. De Boccard-Özalp: «Es ist viel Blut für nichts vergossen worden.»

Adnan*, türkisch-schweizerischer Staatsangehöriger aus Fribourg, betont: «Nur ein kleiner regierungskritischer Teil der Armee steckt hinter dem Putsch.» Das Unverständnis sei innerhalb der ganzen Bevölkerung gross: «Nicht nur die politischen Anhänger Erdogans, sondern das ganze türkische Volk ist auf die Strassen gegangen. Sie alle wollen die Demokratie und das Recht des Volkes, ihre Regierung selbst zu wählen, verteidigen.» Es handle sich um eine andere Generation als die Türken der 70er Jahren. «Sie wissen über ihre demokratischen Rechte Bescheid und sind bereit, diese zu verteidigen.»

«Erdogan bringt unser Land voran»

Tarek* ist Schweizer türkischer Abstammung und momentan in Fethiye (Türkei). Der 35-Jährige ist gegen Erdogans restriktiven Regierungsstil. «Ich habe mir innerlich gewünscht, dass der Putsch gelingt.» Das Ganze sei aber zu dilettantisch durchgeführt worden. «Erdogan wird jetzt leider knallhart durchgreifen und das Militär säubern, so wie er es seit längerem wollte.»

Yasin*, glühender Erdogan-Unterstützer, sieht die Sache ganz anders: «Der Präsident geht auf die Wünsche der Bevölkerung ein.» Er modernisiere die Türkei und bringe das Land voran. «Medienfreiheit hin oder her, was bringt sie mir, wenn ich nichts zu essen habe», so der schweizerisch-türkische Doppelbürger.

*Namen der Redaktion bekannt.

(kün)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Redstone am 17.07.2016 23:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wer wie was wo

    Ich bin aktuell grad in Ulm und wurde vor einem Konzert noch schnell Zeuge einer türkischen Kundgebung im grossem Stil. Ich habe in der Menge nachgefragt, um was es dabei geht. Sie wollen mit der Masse zeigen, dass sie hinter der Regierung stehen und ein einig Volk bilden. Das wäre das Ziel der Kundgebung. Es stellt sich mir hier eine Frage, die man mir bitte erlauben mag: Wenn es sich um ein einig Volk handelt, welches hinter der Regierung steht und zeigen will, dass sie für das Land einstehen... warum tun sie es in Ulm auf dem Münsterplatz? Warum in Basel auf dem Claraplatz? Wieso in Paris beim Eifelturm? Warum - um alles in der Welt!!! - tun sie es nicht in der Türkei??? In dem Land, welchem sie zeigen wollen, dass sie hinter der Regierung stehen? Welchem sie zeigen wollen, dass sie ein einig Volk sind??? Kann mir das irgendeiner beantworten? Wollen sie dem eigenen Land beweisen, dass sie hinter ihm stehen? Oder wollen sie nicht doch lieber der Welt sagen: Wir stehen dahinter... und wir sind überall!

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  • Peter Pan am 18.07.2016 00:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unverständniss Pur

    Wieso Demonstrieren den die Türken in der Schweiz für Ihren doch so geliebten Präsidenten. Wenn sie in so lieben, sollen sie doch in Ihre Heimat gehen. Ist ja kein Kriegs Land. In der Schweiz kann man wegen jedem Muckenschiss sofort auf die Strasse. Dass verstehe ich nicht.

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  • Atatürk am 18.07.2016 01:25 Report Diesen Beitrag melden

    Weg mit dem Sultan von Ankara

    So absurd es klingen mag: Der laizistische und demokratische türkische Staat kann wohl nur durch einen Putsch echter Kemalisten gerettet werden. Erdogan ist ein narzistischer Psychopath, der für seine Machterhaltung auch den Konflikt mit den Kurden hochkocht und lange Zeit Daesh gewähren liess, wenn nicht sogar unterstützte. Dass offenbar viele Turko-Schweizer nicht fähig sind, hinter die Maske dieses Despoten zu sehen, ist bedenklich. Und dass sie auch hierzulande an die Urne dürfen, ist erschreckend.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Pirat2222 am 18.07.2016 23:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wäre ja beinahe peinlich ausgegangen!

    Man stelle sich vor, dass vor lauter Verhaftungseifer beinahe der kleine Putsch vorher vergessen worden wäre.

  • Heini Woopie am 18.07.2016 21:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Eigenputsch

    Gedanke: hat Erdogan den Putsch vielleicht selber organisiert. Bringt ihm viele Vorteile: ein Freibrief für seine Ziele....

  • Ch. Blocher am 18.07.2016 02:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wahrscheinlich besser so

    Denn, wie wir aus Erfahrung mit anderen diktatorischen Ländern gesehen haben, die ihren Präsidenten verloren haben, ging es deren Ländern schlussendlich Katastrophal und das Chaos wirkte sich auf die ganze EU aus! Solange Erdo seine Schäfchen im Griff hat, geht es 'uns' vorübergehend besser.

  • Atatürk am 18.07.2016 01:25 Report Diesen Beitrag melden

    Weg mit dem Sultan von Ankara

    So absurd es klingen mag: Der laizistische und demokratische türkische Staat kann wohl nur durch einen Putsch echter Kemalisten gerettet werden. Erdogan ist ein narzistischer Psychopath, der für seine Machterhaltung auch den Konflikt mit den Kurden hochkocht und lange Zeit Daesh gewähren liess, wenn nicht sogar unterstützte. Dass offenbar viele Turko-Schweizer nicht fähig sind, hinter die Maske dieses Despoten zu sehen, ist bedenklich. Und dass sie auch hierzulande an die Urne dürfen, ist erschreckend.

    • tjt am 18.07.2016 21:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Atatürk

      Das "tragische" ist, dass Doppelbürger hier wie dort wählen/abstimmen können. Das sollte einfach nicht mehr möglich sein.

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  • Peace am 18.07.2016 00:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Türkei ist aufgewacht

    Ist schon klar, dass der ganze Westen einen erfolgreichen Putsch und eine zerstörte Türkei sehen wollte. Wann ist schon der Westen neben der Türkei gestanden. Nie und es wird auch nie der Fall sein. Doch eins haben die Türken am Freitag Abend begriffen. Egal ob Erdogan, Ahmet oder Mehmet, hier geht es nicht um Parteien und nicht um Minderheiten und nicht um Gruppierungen, sondern um das Vaterland Türkei. Die Türken haben bewiesen, dass sie ihr Vaterland lieben, sie haben gezeigt was es heisst eine Faust zu sein. Nur so kann man etwas bewirken. Bravo