Studium

19. September 2019 12:41; Akt: 19.09.2019 12:41 Print

«Ich bin froh, zahlen meine Eltern einen grossen Teil»

von I. Himmelberger - Zahlreiche Studenten hängen am Tropf der Eltern. Betroffene erzählen, warum sie noch nicht auf eigenen Beinen stehen.

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Sandrina Schindler (23), Pädagogikstudentin, muss nicht für Kost und Logis aufkommen, da sie noch bei den Eltern wohnt. Zusätzlich zahlen ihr diese auch die Krankenkasse, Arzt- und Zahnarztrechnungen. «Ich bin sehr froh, dass meine Eltern mich zu so grossen Teilen unterstützen. Und zugleich sehe ich, wie andere in meinem Alter auf eigenen Beinen stehen. Das ist mir dann auch nicht so recht.» Remo Wyss: «Man sagt immer, Studenten hätten ein ruhiges Leben. Davon habe ich aber nichts gesehen, denn bei mir war das damals gar nicht der Fall.» Auch Lukas T. (25) wohnt zurzeit noch zu Hause und muss für Kost und Logis nicht aufkommen. «Alles andere bezahle ich aber selbst», sagt er. Neben seinem Fachhochschulstudium in International Business arbeitet er jeweils Montags für die Uni im Bereich Public Relations, am Wochenende als Barkeeper. «Insbesondere im ersten Studienjahr sind Studenten in einigen Fächern besser beraten, wenn sie keinem Job nachgehen», sagt die Leiterin der Fachstelle Studienfinanzierung der Universität Zürich. «Die hohe Präsenzpflicht und viele Zwischenprüfungen machen es an einigen Hochschulen praktisch unmöglich, neben dem Studium noch zu arbeiten», bestätigt Alessio Palermo, Zentralpräsident des Schweizerischen Studentenvereins. Besonders in den Lern- und Prüfungsphasen verlange das Studium hundertprozentige Aufmerksamkeit, so Palermo. Dazu drohten harte Selektionsverfahren mit hohen Durchfallquoten. Viele Studierende müssen sich laut Palermo deshalb ihren Lebensunterhalt von den Eltern finanzieren lassen. «So sind die Studierenden oft auch gezwungen, bei ihren Eltern zu wohnen ... ... und eine Uni zu besuchen, die sie mit Pendeln erreichen.» Auch Bildungspolitikerin Martina Munz ist der Meinung, dass Eltern für die Erstausbildung ihrer Kinder verantwortlich sind und deshalb für das Studium aufkommen müssen. «Studieren ist immer auch mit Präsenzzeit und Lernen verbunden und daher ein Fulltime-Job», sagt die SP-Nationalrätin. «Mit einem Job an der Bar sollen sie Arbeitsluft schnuppern und etwas dazuverdienen, aber nicht sich selbst versorgen müssen», sagt Munz. Für Bildungspolitiker Felix Müri hingegen kommt nicht infrage, dass Studenten Eltern auf der Tasche liegen. «Manchen Studenten, die über ihr stressiges Studium klagen, stinkt es vielleicht nur, nebenbei noch zu arbeiten», sagt der SVP-Nationalrat. «Wird es durch den ständigen Unistress sogar unmöglich, nebenbei noch zu kellnern, werden die Studienabgänger auf dem Arbeitsmarkt erst recht als Theoretiker angeschaut», sagt Alessio Palermo.

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Der Uni-Stress hält Studenten vielfach davon ab, noch einem Job nachzugehen. Deshalb hängen sie weiterhin am Tropf der Eltern. Auch Remo Wyss (25) kämpfte damit, Studium und Job unter einen Hut zu bringen. Der 25-Jährige startete seine Studienlaufbahn erst mit einem Vollzeitstudium. Daneben ging er einer Teilzeitbeschäftigung nach.

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Dies sei mit einem höheren Pensum aber sehr stressig gewesen, so Wyss. «Man sagt immer, Studenten hätten ein ruhiges Leben. Davon habe ich aber nichts gesehen, denn bei mir war das damals gar nicht der Fall.» Vollzeitstudium, Arbeit und Privatleben unter einen Hut zu bringen, habe ihm in dieser Form nicht entsprochen.

Studium gewechselt

Deshalb habe er sich neu orientiert und ein Betriebswirtschaftsstudium an der Berner Fachhochschule begonnen, sagt Wyss. «Dort ist der Studiengang sowohl auf Englisch als auch als Teilzeitmodell verfügbar – genau, was ich suchte.» Während zweier bis zweieinhalb Tagen habe man Unterricht, daneben könne man einer Nebenbeschäftigung von 50 bis 80 Arbeitsprozenten nachgehen. Dies gefällt Wyss, der nebenbei als Journalist arbeitet, besser, denn: «Es war ein expliziter Wunsch von mir, dass ich arbeiten kann und so bereits während des Studiums wertvolle Berufserfahrung sammle.»

Zurzeit wohnt Wyss noch zu Hause, muss also keine Miete bezahlen. «Aber Krankenkasse, Rechnungen, Auto und alles andere, was so anfällt, bezahle ich, seit ich 18 Jahre alt bin,
selbst.» Doch so könne er mittlerweile sogar etwas auf die Seite legen, was ihm ein baldiges Ausziehen ermögliche. «Meine Eltern sind normale Angestellte und haben deshalb nicht Geld im Überfluss, auch wenn sie mir sicher helfen würden, geriete ich in eine Notsituation.»

Ausziehen würde kosten

Sandrina Schindler (23), Pädagogikstudentin, muss ebenfalls nicht für Kost und Logis aufkommen, da sie noch bei den Eltern wohnt. Zusätzlich zahlen ihr diese auch die Krankenkasse, Arzt- und Zahnarztrechnungen. Für alles Weitere möchte sie aber selbst aufkommen. Deshalb arbeitet sie durchschnittlich zweimal pro Woche im Verkauf. «Ich bin sehr froh, dass meine Eltern mich zu so grossen Teilen unterstützen. Und zugleich sehe ich, wie andere in meinem Alter auf eigenen Beinen stehen. Das ist mir dann auch nicht so recht.»

Gerne würde sie irgendwann auch ausziehen. Doch das würde weitere Kosten nach sich ziehen, weshalb sie zurzeit darauf verzichtet. Eine vollständige Unterstützung durch die Eltern möchte Schindler aber nicht, höchstens übergangsmässig in einem Notfall. «Auch wenn es als Student teilweise schwierig ist, eine geeignete Nebenerwerbsstelle zu finden, ist es letztlich doch immer möglich.»


Eltern bieten Kost und Logis

Auch Lukas T.* (25) wohnt zurzeit noch zu Hause und muss für Kost und Logis nicht aufkommen. «Alles andere bezahle ich aber selbst», sagt er. Neben seinem Fachhochschulstudium in International Business arbeitet er jeweils montags für die Uni im Bereich Public Relations, am Wochenende als Barkeeper. «Da arbeite ich im Monat zum Teil nur schon in der Bar 50 Prozent. Aber dafür ist es ein flexibler Nebenjob.» T. wohnt zurzeit noch zu Hause und muss somit für Kost und Logis nicht aufkommen.

Grundsätzlich gelinge ihm die Verbindung von Arbeit und Studium so gut: «Wichtig ist, dass man ein gutes Zeitmanagement hat», so T. Nicht verhindern könne er, dass sein Sozialleben bisweilen durch seine Wochenendeinsätze in der Bar leide. Doch da es ihm wichtig sei, dass er selbst Geld verdiene, nehme er dies gern in Kauf. «Es wäre für mich eine Horrorvorstellung, wenn meine Eltern mich vollkommen unterstützen müssten. Ich frage nicht gern nach Geld.»

*Name der Redaktion bekannt

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • T.R. am 19.09.2019 13:42 Report Diesen Beitrag melden

    Es sind doch keine Tiere...

    ...die nach einem gewissen Alter alleine da stehen müssen. Was ist falsch daran, wenn Eltern helfen? Ich bin Vater von 2 Kindern und mir tut es jetzt schon weh zu wissen, dass sie irgendwann mal ausziehen. Es ist weder falsch noch richtig zu Hause zu bleiben, oder auszuziehen. Es gibt kein falsch oder richtig. Man hat das Gefühl, Kinder seien ab einem gewissen Alter ein Störfaktor.

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  • Archivdurchleser_in am 19.09.2019 13:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Klartext

    Zur Info: Felix Müri hat vor seiner ach so strengen Politik-Karriere Kühlschränke verkauft. Ich glaube nicht, dass so jemand darüber urteilen darf, wem was bezahlt wird. Schliesslich hatte er, als er 4 Kinder in 5 Jahre gezeugt hat, auch Hilfe von der Spitex, die ihm zur Hälfte bezahlt wurde. (Quelle: Tagesanzeiger, 4.7.17)

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  • Böser Mann am 19.09.2019 12:54 Report Diesen Beitrag melden

    Es ist schon unglaublich

    dass es bei linken PolitikerInnen nicht infrage kommt, dass ein Mensch auch mal für sich selber verantwortlich ist. Es gibt nur eine Ausnahme; geschiedene Männer, die sollen gefälligst schauen das sie selber für sich sorgen können und wenn nötig auch noch einen Nebenjob annehmen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • duda am 19.09.2019 16:47 Report Diesen Beitrag melden

    In meinem Fall

    Habe neben meinem Medizinstudium immer gearbeitet. Direkt nach den Vorlesungen ab zur Arbeit, 4h, zweimal die Woche. Gibt ca 20%. Für die Prüfungen dann alles reingebüffelt und so mittelmässig abgeschlossen. War ene geile Zeit und auch Hobbys kamen nicht zu kurz. Wer aber immer die besten Noten schreiben möchte, kann sich diesen Lebensstil nicht erlauben..

  • mimi am 19.09.2019 16:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    no

    und wir Mütter bringen Job, Familie und Kinder unter einen Hut! Was bekommen wir für diese Leistungen. Viele Studenten sind einfach zu faul und 50% machen weder Bachelor noch Master fertig. Und für das soll die Eltern aufkommen? Kost und Logi finde ich zwar ok, aber den Rest (Ausgang, Natel usw. können Sie selber mit Jobs finanzieren.

  • Paula am 19.09.2019 16:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Studium und Nebenjob

    Unsere Tochter studiert an der Uni Zürich im 7. Semester. Die ersten 4 Semester haben wir sie voll unterstützt. Anschliessend wollte sie sich unbedingt selber finanzieren. Dies klappt auch sehr gut. Sie hat nun neben dem Studium einen 60% Job. Klar, das Studium verlängert sich etwas. Wir sind sehr stolz auf sie! Wenn alle Stricke reissen, sind wir immer für sie da. Ich finde, so lernt sie gleichzeitig auch mit dem Geld umgehen und hat ihr Gefühl von Selbständigkeit.

  • sperlonga am 19.09.2019 16:08 Report Diesen Beitrag melden

    Wenn man Unterstützen kann ok. Aber

    Und was ist mit den Eltern die auf dem Existenzminimum leben ? Wie soll ich da meine Kinder unterstützen ?? Das Stipendiengeld reicht nicht, also ist meine Tochter gezwungen nebenbei zu arbeiten. Es gibt kein " gleiche Chance für alle "

  • Sputnik am 19.09.2019 16:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    zahlende Mutter

    Eltern sind verpflichtet ihren Kindern eine Erstausbildung zu finanzieren. Eine Matur ist keine Erstausbildung, sondern ein Master (in Allen technischen Studiengängen). Es gibt sicher Studiengänge bei denen man nebenher arbeiten kann, aber ein Bachelor an der ETH verlangt einiges. Ich unterstütze meine Kinder sehr gerne im Studium.