Ohne Freunde

21. Januar 2016 07:30; Akt: 21.01.2016 08:51 Print

«Ich bin in der Schweiz mutterseelenallein»

von B. Zanni - Arbeitskollegen sind keine Freunde und Nachbarn bleiben distanziert: Ausländer erzählen, warum es in der Schweiz so schwierig ist, Freunde zu finden.

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Viele Ausländer wollen mit Schweizern Freundschaften aufbauen, fristen aber manchmal ein einsames Dasein. (Bild: Colourbox)

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In Sachen Freundschaft haben die Schweizer noch grossen Aufholbedarf. Laut einer Umfrage der britischen Bank HSBC landet die Schweiz in der Kategorie «Making Friends» auf dem zweitletzten Platz. Das hat bei den Lesern kontroverse Reaktionen ausgelöst. Ein Leser schreibt: «Ich wohne seit zehn Jahren in Zürich. Abgesehen von Leuten aus dem Geschäft kenne ich keine Menschenseele.» Ein anderer berichtet: «Obwohl die Berner den Ostschweizern an Offenheit einiges voraushaben, war es in Bern für mich schwierig, Freundschaften zu knüpfen.» Eine Leserin findet: «Ich hatte immer schnell das Gefühl, zu stören – und den Leuten lästig zu sein.»

Umfrage
Finden Sie, dass es sowohl für Ausländer als auch für Einheimische schwierig ist, in der Schweiz Freundschaften zu knüpfen?
66 %
28 %
6 %
Insgesamt 21566 Teilnehmer

Andere Leser verteidigen die Schweizer. «Freunde findet man nicht, sondern Freundschaft muss wachsen.» Jemand meint: «Lieber zehn gute Feinde als einen falschen Freund.» Ein Leser fragt: «Wie kann man jemandes Freund werden, der vielleicht schon im nächsten Monat in ein anderes Land verschwindet?» Vielen eingewanderten Ausländern hingegen spricht das Umfrageresultat aus dem Herzen. 20 Minuten hat mit Betroffenen gesprochen.

«Meine spontane Art stösst an»

Juan Sánchez*, 39: «Schnell merkte ich, dass es schwierig ist, Freundschaften zu knüpfen. In Kolumbien waren meine Arbeitskollegen auch meine Freunde. Hier hatte aber niemand Interesse, sich in der Freizeit auf ein Bier zu treffen. Ich merkte auch, dass die Schweizer viel Wert darauf legen, dass man ihre Sprache beherrscht. Ich konnte noch nicht gut Deutsch und fühlte mich oft ausgegrenzt.

Ich bemühte mich sehr um Kontakte. Im Park sprach ich Leute direkt an. Ich fragte eine Gruppe, ob ich beim Pingpongspielen mitmachen kann. Sie liess mich warten und war plötzlich weg. Auch im Ausgang waren die Reaktionen distanziert. Und die Frauen sahen meine Kontaktversuche oft als Flirt an. Ich glaube, dass ich für viele Schweizer zu spontan bin. Mittlerweile habe ich einen Freundeskreis. Ich zog in eine WG und lernte dadurch viele Leute kennen.»

«Freundschaften sind hier unmöglich»

Anika Koch*, 54: «Ich bin Deutsche und nun schon seit 13 Jahren hier. In der Schweiz ist es nicht möglich, Freundschaften zu knüpfen. Beim Einzug luden wir alle Nachbarn zu einem Umtrunk ein. Es war nett. Gegeneinladungen kamen keine. Einmal lud ich im Garten zu Kuchen und Kaffee. Alle waren begeistert. Aber es blieb bei diesem einen Nachmittag.

Unsere negativen Erfahrungen gipfelten in Streitereien mit einer Nachbarin. Sie besprayte unsere Haustür mit einem Raumduft, weil unser Zigarettenrauch das Treppenhaus angeblich verpestet hatte. Das verstehe ich nicht. Dabei hatte ich sie doch gerettet, als sie im Lift steckengeblieben war. Mein Mann ist inzwischen verstorben und meine Tochter ausgezogen. Ich sitze hier mutterseelenallein.»

Schweizer kalkulieren

Warum sind die Schweizer solche Freundschaftsmuffel? «Wie auch in anderen Bereichen sind wir bei Freundschaften immer sehr rasch am Kalkulieren», sagt Freundschaftsforscherin Syl Edelmann. Eine Freundschaft sei aber kein Handel, sondern eine optimale Balance aus Freiheit und Bindung. Eigen sei den Schweizern auch, eher misstrauisch als wohlwollend zu sein. «Wohlwollen birgt das Risiko, enttäuscht zu werden. Da sind wir vorsichtig.» Edelmann rät, bei der Suche nach Freundschaft, zurückhaltend und vorsichtig zu sein: abwartend hie und da ein Zeichen des Interessens und Wohlwollens zu setzen. «Die Schweizer mögen es nicht, wenn man zu direkt auf sie zugeht und sie mit Fragen und Meinungen überhäuft.»

*Name der Redaktion geändert.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Claudio M. am 21.01.2016 07:37 Report Diesen Beitrag melden

    Freunde finden

    Mein Tipp: Geht in einen Verein (Musikverein, Wandergruppe, Bowling-Club, etc.). Dort lernt man Freunde kennen und nicht im Fitness etc.

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  • Wilhölm Tell am 21.01.2016 07:37 Report Diesen Beitrag melden

    Egal ob CH oder nicht

    Ich lebe seit meiner Geburt in der Schweiz und habe keine "richtigen" Freunde. Also, willkommen im Club.

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  • Herr Wettermann am 21.01.2016 07:37 Report Diesen Beitrag melden

    Einzelfälle, die einiges falsch machen

    Wäre noch interessant zu wissen, ob solche Leute in einen Verein beigetreten sind. Freunde findet man meist nicht in der Arbeitswelt, sondern in Kursen oder in Vereinen, halt in der Freizeit. Und wer sich integrieren will, der muss sich öffnen - aber nicht zu stark, so dass es aufdringlich ist... so jedenfalls sind die Erfahrungen von mir und meiner Bekanntschaft.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Spyy83 am 22.01.2016 22:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    kopfhörer und handy = nr. 1

    also wenn ich an meine lehrzeit zurück denke, da hat man sich unterhalten auf dem weg zur arbeit oder umgekehrt mit leuten die im gleichen einkaufszentrum gearbeitet haben. man kannte sich, hatte spass und war auch motiviert zu arbeiten. aber heute guckt jeder lieber in sein handy und hat die stöpsel im ohr. so lernt man natürlich auch niemanden kennen. es muss ja nicht immer tiefgründig sein. auch smalltalk kann aufmuntern und sorgen vergessen lassen. ist nur einstellungssache.

  • Sommerwind am 21.01.2016 08:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fremd

    Es reicht schon auch als Schweizer den Kanton zu wechseln. Bin jetzt 35 Jahre in der Ostschweiz und noch immer eine Fremde.

  • Samuel97 am 21.01.2016 08:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Freundschaft

    Ich würde auch bejahen wenn mich jemand fragt ob es schwierig sei in der Schweiz Freunde zu finden. Das ist nicht negativ. So ist es einfach und man muss mit dem Leben.

  • 142w am 21.01.2016 08:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Trauen?

    Man kann heute einfach niemandem mehr traue. Dass ist das problem

  • Vereinsmeier am 21.01.2016 08:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Vereinsmeier

    Nicht umsonst gibt es in der Schweiz so viele Vereine. Mitglied werden und du hast deine ausserberuflichen Kontakte. Aber dafür müsste man sich halt zuerst einmal mit der Kultur des Landes auseinandersetzen. Logisch kommt keiner an die Haustüre, klingelt und fragt ob er / sie mit einem befreundet sein darf...