IV-Bezügerin redet

05. Februar 2014 06:10; Akt: 05.02.2014 09:03 Print

«Ich bin nicht stolz darauf, IV zu beziehen»

von Vroni Fehlmann - Wegen ADHS, Borderline und Depressionen – junge Schweizer beziehen immer öfter IV-Renten. Eine Betroffene erzählt, warum sie überfordert ist und was Jungen zum Verhängnis werden kann.

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Anita Stadler* ist 21 Jahre alt und bezieht seit ihrem 18. Lebensjahr eine IV-Rente. (Bild: zvg)

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Die Zahl von jungen IV-Bezügern – Jugendlichen und jungen Erwachsenen – ist in den letzten Jahren regelrecht explodiert. Bereits mit 18 Jahren erhalten manche von ihnen Taggelder der Invalidenversicherung. In rund 80 Prozent der Fälle wurden psychische Probleme diagnostiziert. Jedes Jahr erhalten deshalb 1300 junge Schweizer mit psychischen Erkrankungen einen positiven Bescheid der Invalidenversicherung.Weshalb viele junge Schweizer dem Druck gerade in der Arbeitswelt derart oft nicht standhalten können, erklärt die 21-jährige IV-Bezügerin Anita Stadler*.

Anita, warum beziehst du IV-Taggelder?
Anita: Ich leide unter Depressionen und Borderline. In meiner Schulzeit wurde ich gemobbt. Auch zuhause wurde ich manchmal heruntergemacht. Ich habe mich nie getraut, etwas zu sagen und habe die Schuld bei mir gesucht. Als ich dann Suizidgedanken bekam, habe ich mir Hilfe gesucht und ging in eine Klinik. Nach einem Monat stationärer Behandlung sollte ich meine Ausbildung wie gewohnt weiterführen. Damit kam ich aber nicht klar, es war zu viel. Ich habe dann abgebrochen und bin lange zuhause gesessen. Schliesslich kam ich in eine Tagesklinik, wo man mich dann bei der IV angemeldet hat. Jetzt mache ich die KV-Ausbildung in einem Betrieb, der IV-Bezüger fördert. Da gibt es ein spezielles Eingliederungsprogramm, wo man am Anfang zwei Stunden pro Tag arbeitet und danach das Pensum Monat für Monat erhöht.

Fühlst du dich bei der Arbeit überfordert?
Manchmal ist es morgens etwas schwierig. Dann will ich nicht aus dem Haus, will niemanden sehen. Ab und zu hat man halt mal Tiefs. In meinem Betrieb gibt es noch viele andere IV-Bezüger, manchmal wird man dann mit deren Problemen noch zusätzlich belastet. Es kommt aber auch sehr auf den Job an. Arbeitet man im falschen Betrieb mit den falschen Leuten, kann das die Situation noch verschlimmern.

Hättest du deine Probleme auch ohne IV in den Griff bekommen?
Ich wüsste nicht, wie ich meine berufliche Zukunft hätte meistern können. Die Unterstützung der IV ist gut, nicht unbedingt wegen des Geldes, sondern wegen der Eingliederungsprogramme. Vorher habe ich von den Eltern gelebt, das war auch nicht unbedingt schön.

Hast du gegenüber der Gesellschaft ein schlechtes Gewissen, dass du IV beziehst?
Am Anfang hatte ich grosse Mühe. Ich wollte das zuerst nicht und traute mich auch nicht. Eigentlich ist die IV ja für Leute wie mich da, mir war das aber peinlich. In meinem jungen Alter Taggelder zu beziehen, da bin ich nicht unbedingt stolz drauf.

Warum denkst du, ist die Zahl der jungen IV-Bezüger derart angestiegen?
Der Druck in der Arbeitswelt ist zu hoch. Ich musste zum Beispiel schon mit 13 Jahren wissen, was ich werden will. Die Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt sind ausserdem sehr hoch. Wenn man dann auch noch zuhause Probleme hat, kann das Jugendliche schon überfordern.

Verlockt das IV-Geld nicht zum Nichtstun?
Ich bin froh, dass ich überhaupt ein wenig arbeiten kann und nicht nur zu Hause herumsitze. Dann fühle ich mich etwas normaler. Gemäss meiner Erfahrung wollen die jungen Schweizer arbeiten. Es gibt natürlich immer schwarze Schafe, auch in den älteren Generationen. Die IV-Bezüger in meinem Betrieb wollen aber alle unbedingt arbeiten.

Hat sich deine Situation dank der Hilfe der IV verbessert?
Es ist besser als nichts. Das Eingliederungsprogramm ist sicher gut, wenn man im richtigen Betrieb gelandet ist. Mir hat das schon etwas geholfen. Und da ich noch zuhause wohne, komme ich auch finanziell gut klar. Mit einer eigenen Wohnung würde es allerdings eng werden.

Kannst du dir vorstellen, irgendwann wieder ohne Taggelder zu leben?
Manchmal – wenn es mir nicht so gut geht – habe ich das Gefühl, dass ich wahrscheinlich das ganze Leben lang auf die IV angewiesen sein werde. Ich hoffe aber, dass ich so bald wie möglich davon wegkommen kann. Ich habe ja auch Träume und Wünsche. Es läuft in der Regel so, dass es bestimmte Fristen gibt. Ich bekomme sicher bis zum Ende der Ausbildung finanzielle Unterstützung, nachher wird die Situation neu beurteilt.

*Name von der Redaktion geändert