Einbürgerungsquoten

19. Februar 2020 12:32; Akt: 19.02.2020 13:33 Print

«Ich brauche den roten Pass nicht zum Leben»

Russen sind besonders heiss auf den Schweizer Pass. Weniger oft einbürgern lassen sich Italiener oder Österreicher. Sie erzählen, warum.

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Russen beantragen laut einer Studie der Uni Genf deutlich öfter den roten Pass als Italiener oder Österreicher. «Als Russin ist man Bürgerin eines Drittstaates, das Reisen mit dem russischen Pass ist extrem mühsam. Spontane Reisen sind unmöglich, jedes Mal ist ein Visum nötig», erklärt Galina Spirito. Die Russin befindet sich zurzeit im ordentlichen Einbürgerungsverfahren. Ähnlich sieht es Olga Gehrig. Sie liess sich vor zwei Jahren einbürgern. «Man zahlt ohne Schweizer Pass bis zu 40 Prozent höhere Versicherungsprämien. Auch bei der Jobsuche hilft der rote Pass», so die gebürtige Russin. Diese Nachteile hätten die EU-Bürger weniger. «Der Druck, sich einbürgern zu lassen, ist bei diesen Nationalitäten deshalb wohl weniger hoch.» Bei den Italienern liegt die standardisierte Einbürgerungsquote deutlich tiefer. Auch Mimmo Esteriore hat nur den italienischen Pass. «Als Italiener bin ich hier so gut integriert, dass ich den roten Pass nicht zum Leben brauche. Das Verhältnis von Schweizern und Italienern ist sehr brüderlich, ich spüre da keinen Unterschied, nur weil ich einen italienischen Pass habe.» Auch bei den Österreichern gibt es viele, die wenig Drang nach dem roten Pass verspüren. Ihre standardisierte Einbürgerungsquote liegt bei 0,69 Prozent. «Eigentlich könnte ich als Österreicherin nächsten Monat den roten Pass beantragen, ich lebe nämlich dann genau seit zehn Jahren in der Schweiz. Doch in Österreich gibt es keine Doppelbürgerschaft, ich müsste also den österreichischen Pass abgeben», begründet Julia K. aus Dübendorf. Zu diesem Schritt sei sie nicht bereit, da sei ihr Nationalstolz zu gross. «Das zeigt sich etwa, wenn beim Skifahren österreichische Athleten gegen Schweizer antreten. Da schlägt mein Herz für Österreich.»

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Bei den Einbürgerungsquoten gibt es grosse Unterschiede nach Nationalitäten, wie eine neue Studie der Universität Genf zeigt. So erhielten zwischen 2011 und 2017 10,28 Prozent der Russen den Schweizer Pass, während die standardisierte Einbürgerungsquote bei Italienern (1,24) oder Österreichern (0,69) deutlich tiefer lag. Warum sind die Russen heisser auf den roten Pass als Bürger unserer Nachbarländer? 20 Minuten hat nachgefragt.

Julia K., 36, Geografin aus Dübendorf

«Eigentlich könnte ich als Österreicherin nächsten Monat den roten Pass beantragen, ich lebe nämlich dann genau seit zehn Jahren in der Schweiz. Doch in Österreich gibt es keine Doppelbürgerschaft, ich müsste also den österreichischen Pass abgeben. Dazu bin ich nicht bereit, da ist mein Nationalstolz zu gross. Das zeigt sich etwa, wenn beim Skifahren österreichische Athleten gegen Schweizer antreten. Da schlägt mein Herz für Österreich.

Ein weiterer Punkt ist meine Familie, die in Österreich lebt: Der österreichische Pass verbindet mich mit ihnen. Diese Bande möchte ich nicht kappen. Österreich und die Schweiz sind sich kulturell ohnehin sehr nahe. Ich brauche also keinen Schweizer Pass, um hier integriert zu sein. Der ganze bürokratische Aufwand lohnt sich meiner Meinung nach nicht. Natürlich wäre es schön, wenn ich auch hier abstimmen und wählen könnte. Aber ich kann auch ohne dieses Recht leben – ich gehe ja dafür in Österreich wählen.»

Antonio Sivolella, 48, aus Zürich

«Ich habe keinen Drang, den Schweizer Pass zu beantragen. Ich bin ein Italiener, der in der Schweiz lebt, kein Schweizer. Ich fühle mich als Italiener, der seiner Schweizer Heimat sehr dankbar ist. Das hat wohl auch mit meiner Erziehung zu tun: Meine Eltern kamen als Arbeiter in die Schweiz und gaben mir dieses Denken, dass wir als Italiener anders sind, mit. Zudem lehne ich das Konzept der Doppelbürgerschaften ab: Man muss sich zu einem Land bekennen. Man kann ja auch nicht gleichzeitig zwei unterschiedliche politische Parteien unterstützen. Das birgt sonst Loyalitätskonflikte.»

Mimmo Esteriore, 35, Coiffeur aus Laufen BL

«Ich bin in der Schweiz geboren und führe seit vielen Jahren ein Coiffeurgeschäft. Als Italiener bin ich hier so gut integriert, dass ich den roten Pass nicht zum Leben brauche. Das Verhältnis von Schweizern und Italienern ist sehr brüderlich, ich spüre da keinen Unterschied, nur weil ich einen italienischen Pass habe. Ich habe mein eigenes Geschäft und mein Leben verläuft in geregelten Bahnen, darum habe ich auch keine Angst, einmal nach Italien abgeschoben zu werden. Ich brauche den Schweizer Pass nicht als Sicherheit. Auch beim Reisen bin ich mit dem EU-Pass gut unterwegs, in dieser Hinsicht bringt mir ein Schweizer Pass keine Vorteile.

Auch mein Bruder Piero hat keinen Schweizer Pass, meine zwei anderen Brüder, die in den 1990er-Jahren geboren sind, hingegen schon. Ich bin hier wohl noch etwas konservativer unterwegs. Ich bin schon etwas stolz auf meinen italienischen Pass, etwa, wenn ich ihn bei der Passkontrolle vorweisen muss und die Person gegenüber sieht: Aha, das ist ein Italiener. Im Alltag spielt die Nationalität aber keine Rolle.

Der einzige Grund, mich einbürgern zu lassen, wäre die italienische Bürokratie. Stundenlang auf dem Konsulat auf den erneuerten Pass zu warten, ist eine Tortur. In der Schweiz abstimmen und wählen gehen zu können, wäre natürlich auch eine Motivation – ich könnte mir höchstens vorstellen, einmal Doppelbürger zu werden.»

Olga Gehrig, 39, technische Einkäuferin aus Sarmensdorf AG

«Ich lebe seit 17 Jahren in der Schweiz, fünf davon war ich mit einem Schweizer verheiratet. Vor zwei Jahren wurde ich nun eingebürgert, nachdem ich alle Bedingungen erfüllt hatte. Es überrascht mich nicht, dass sich mehr Russen einbürgern lassen. Mit unserem Pass können wir nur mit einem Visum etwa nach Grossbritannien oder in die USA reisen. Das schränkt mich bei kurzfristigen Geschäftsreisen ein, was ein Nachteil für meine Firma war. Ebenso zahlt man ohne Schweizer Pass bis zu 40 Prozent höhere Versicherungsprämien. Auch bei der Jobsuche hilft der rote Pass. Diese Nachteile haben die EU-Bürger weniger, der Druck, sich einbürgern zu lassen, ist bei diesen Nationalitäten deshalb wohl weniger hoch.

Ich finde es nicht verwerflich, mich wegen Vorteilen einbürgern zu lassen. Der Einbürgerungsprozess ist sehr streng, wer ihn besteht, ist gut integriert. Zudem habe ich in der Schweiz studiert und stets gearbeitet, alle Sozialversicherungen und Steuern immer bezahlt. Ich finde, ich habe mir die positiven Effekte des roten Passes dadurch verdient. Und ich finde es sehr positiv, dass ich als Schweizer Bürgerin direkt auf Politikentscheide bei den Wahlen mitwirken kann.»

Galina Spirito (39), kaufmännische Angestellte und Personal Coach aus Embrach ZH

«Ich befinde mich momentan im ordentlichen Einbürgerungsverfahren. Seit 17 Jahren lebe ich in der Schweiz. Irgendwann dachte ich: Ich fühle mich komplett als Schweizerin und es ist Zeit, dass ich mich einbürgern lasse. Als Russin ist man Bürgerin eines Drittstaates, das Reisen mit dem russischen Pass ist extrem mühsam. Spontane Reisen sind unmöglich, jedes Mal ist ein Visum nötig. Da mein Mann italienischer Doppelbürger ist, konnte ich zum Glück nach drei Jahren in der Schweiz den italienischen Pass beantragen. Das half beim Reisen, war mir aber nicht genug: Es ist mir auch wichtig, dass ich im Land, in dem ich lebe, auch abstimmen und wählen kann.»

(pam)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • nano am 19.02.2020 12:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Einbürgerung

    Die anderen Pässe haben ja mittlerweile fast mehr Privilegien als wir Schweizer. Daher würde ich wahrscheinlich auch nicht wechseln. Der Militärdienst in der Schweiz entfällt auch. Ausgewiesen wird man bei Straftaten eh nicht. Daher sehr lukrativ...

    einklappen einklappen
  • nadja am 19.02.2020 13:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    just saying

    einen pass bedeutet nicht automatisch auch integriert zu sein...

  • Secondo am 19.02.2020 13:45 Report Diesen Beitrag melden

    Doppelbürger

    Bin gebürtig Italiener. Jetzt bin ich Doppelbürger und kann mitbestimmen. Meine Eltern haben mich eben so erzogen, dass wir der CH dankbar sein dürfen für die Gastfreundschaft und die Chance die uns die CH gegeben hat. Nach der Einbürgerung verliert man den Nationalstolz nicht: Wir (I) haben immer noch die besten Fussballer und wir (CH) die besten Mountainbiker :-)

Die neusten Leser-Kommentare

  • Mopplitooi am 19.02.2020 13:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nur ein Papier

    Mit dem dänischen EU-Pass habe ich mehr Reise-Freiheiten als mit dem CH-Pass. Ich spare mir die Kosten für die Einbürgerung und die Abgaben für das Militär. Warum soll ich Schweizer werden? Schlussendlich ist man das, was man fühlt - alles andere ist nur ein Papier.

  • Mario am 19.02.2020 13:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Beauche den Pass nicht

    Solange ich für den Pass zahlen muss, will ich ihn auf keinen Fall. Mit dem Geld gehe ich lieber in die Ferien :-) Mit dem EU Pass komme ich überall hin :-)

  • Secondo am 19.02.2020 13:45 Report Diesen Beitrag melden

    Doppelbürger

    Bin gebürtig Italiener. Jetzt bin ich Doppelbürger und kann mitbestimmen. Meine Eltern haben mich eben so erzogen, dass wir der CH dankbar sein dürfen für die Gastfreundschaft und die Chance die uns die CH gegeben hat. Nach der Einbürgerung verliert man den Nationalstolz nicht: Wir (I) haben immer noch die besten Fussballer und wir (CH) die besten Mountainbiker :-)

  • Ohne Computer... am 19.02.2020 13:44 Report Diesen Beitrag melden

    Spesen für Wassss...!

    Und für das braucht es eine Studie von der Uni...!! Also jede Gemeinde / Kantone sind mit dem Zirkuszelt in Bern nicht verbunden??! Also Geld ausgeben für Daten wo ja Bern auf Knopfdruck haben sollte.. ! Traurig.... Und es gäbe ja noch so vieles wo Bern nicht weiss, oder wissen will...!!

  • Sandy Durrer am 19.02.2020 13:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Weg mit der Doppelbürgerschaft

    Schafft die Doppelbürgerschaft ab! Mal schauen welche noch Schweizer werden wollen.