Eis go zieh mit ... Mattea Meyer

18. März 2017 19:35; Akt: 18.03.2017 19:35 Print

«Ich bin stolz darauf, ein Gutmensch zu sein»

von J. Büchi - Einst hatte sie eine Klage von Daniel Vasella am Hals, nun erwartet sie ein Kind vom 1:12-Erfinder. Ein Gespräch mit Mattea Meyer.

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Ein Hauch von Feminismus weht durchs Bundeshaus. Mattea Meyer, 29, Nationalrätin der SP, ist in ihrem Element. Wie oft kommt es denn vor, dass bürgerliche Männer und linke Frauen gemeinsam pinke Pussyhats stricken? Eben. Es sei «unglaublich motivierend zu sehen, welch breite Bewegung hier stärker wird», schwärmt Meyer, ein Funkeln in den hellbraunen Augen.

Seit eineinhalb Jahren im Nationalrat, ist sie bereits zu einer Art Vorzeige-Feministin avanciert. Im Zuge des #SchweizerAufschreis wurde sie auch vielen ein Begriff, die mit Finanzpolitik – dem Steckenpferd der Jungpolitikerin – wenig am Hut haben. Rechte Ratskollegen hätten gefragt, wann es von ihr Nacktbilder gebe und sie «wiederholt als ‹Herzige› verniedlicht», gab sie damals zu Protokoll.

Wunschberuf geopfert

Dafür gabs Applaus – und jede Menge empörter Reaktionen («Darf man einer Frau denn nicht einmal mehr ein Kompliment machen?»). Meyer bereut ihr Vorpreschen von damals nicht: «Das Thema Sexismus im Alltag darf nicht totgeschwiegen werden», bekräftigt sie bei einem Fruchtsaft in der Galerie des Alpes. Solange der mächtigste Mann der Welt damit prahle, dass er Frauen ungefragt zwischen die Beine fasse, sei der Handlungsbedarf offensichtlich.

Bereits als Gymnasiastin verschlang Meyer feministische Literatur, diskutierte abendelang mit Freundinnen und Schulkollegen, mit 18 trat sie in die Juso ein. Darauf folgte ein schwindelerregender Aufstieg: Mit 22 der Einzug in den Winterthurer Gemeinderat, im Jahr darauf die Wahl zur jüngsten Zürcher Kantonsrätin, mit 28 der Sprung ins Bundeshaus. Für den Senkrechtstart opferte sie gar ihren Wunschberuf: Für ein Architektur-Studium blieb neben der Politik schlicht keine Zeit.

Gegenspielerin von Mario Fehr

Die Winterthurerin, die Ende April erstmals Mutter wird, träumt von einer gerechteren Welt. «Wenn man mich deswegen als Gutmenschen bezeichnen will – von mir aus, das macht mich eigentlich stolz», sagt Meyer und lacht. Neben ihrem Nationalratsmandat engagiert sie sich für Sans-Papiers und gibt Deutschstunden für Asylsuchende. In der SP politisiert sie am linken Rand.

Immer wieder geriet sie als parteiinterne Gegenspielerin des Zürcher Regierungsrats Mario Fehr in die Schlagzeilen, um dessen restriktive Asylpolitik innerhalb der Zürcher SP ein erbitterter Streit entbrannte. Als Kantonalpräsident Daniel Frei entnervt den Bettel hinwarf, beschuldigte er den linken Parteiflügel um Meyer, «wie eine Sekte» zu funktionieren.

«Zufällig im reichsten Land der Welt geboren»

«Ich erlebe die SP anders», sagt Meyer dazu. «Seit Jahren besuche ich viele SP-Sektionen und engagiere mich erfolgreich gemeinsam mit unseren Mitgliedern für konkrete Projekte, zuletzt für die Abstimmung zur Unternehmenssteuerreform III.» Dass man auch über Inhalte streite, gehöre dazu. «Ich kann es einfach wirklich nicht aushalten, wenn Menschen ihre Macht ausspielen, nur weil sie zufällig im reichsten Land der Welt geboren sind», fügt sie nach kurzem Zögern an.

Meyer platziert ihre Angriffe mit Bedacht: Statt auf den Mann zu spielen, hangelt sie sich oft lieber durch abstrakte Begriffe wie «gesellschaftliche Verantwortung», «Geburtsglück» oder «gelebte Gleichstellung».

Gegen Vasella vor Gericht

Als Vizepräsidentin der Jungsozialisten scheute sie provokante Aktionen allerdings nicht: So stattete sie im Zuge der 1:12-Kampagne dem ehemaligen Novartis-CEO Daniel Vasella zu Hause einen Besuch ab.

Für eine Fotomontage, die den Manager nackt zeigte, zerrte dieser Meyer gar vor Gericht. Sie war rasch aus dem Schneider, auch die restlichen angeklagten Juso erhielten vor Bundesgericht schliesslich recht – und von Vasella über 22'000 Franken für die Prozesskosten.

Privat ist Meyer seit fünf Jahren mit dem Erfinder der 1:12-Initiative, Marco Kistler, liiert. Bald werden die beiden Eltern, der Bauch wölbt sich bereits gut sichtbar unter der Bluse. Ob es ein Mädchen oder ein Junge wird, will die Politikerin für sich behalten.

«Phu, ähm»

Sie hoffe, dass ihr Kind irgendwann «in einer Welt lebt, in der es egal ist, welches Geschlecht und welchen Pass es hat, wie viel Geld es hat und wen es liebt», sagt Meyer stattdessen. Muss dafür der Kapitalismus überwunden werden? Dieses Mal kein Zögern. «Klar, ja.» Es sei nicht wegzudiskutieren, dass die heutige Gesellschafts- und Wirtschaftsform es nicht schaffe, «die Schere zwischen Arm und Reich zu schliessen und allen Menschen ein Leben in Würde zu ermöglichen. Im Gegenteil.»

Meyer legt ihre Argumente versiert dar, weicht unangenehmen Fragen geschickt aus, nichts scheint sie aus der Contenance zu bringen. Auf einen letzten Versuch: Was wäre eigentlich, Frau Meyer, wenn Ihr Kind eines Tages der SVP beitreten würde? Überraschtes Lachen, Stirnrunzeln. «Phu, ähm.»

Doch der Polit-Profi gewinnt rasch wieder die Oberhand: Das Spezielle an uns Menschen sei ja, dass jeder seinen eigenen Willen habe. «Ich wünsche mir aber schon sehr, dass ich es schaffe, meine Werte so zu vermitteln, dass mein Kind sie auch weiterlebt.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Lucas am 18.03.2017 19:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Erwachsene

    Eigentlich normal, dass man als Jugendlicher sozialistische Sympathien entwickelt. Genau so normal ist wenn man als Erwachsener bemerkt, falsch zu liegen. Es sein denn , wenn man übers Trotzalter nicht hinaus gekommen ist.

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  • Resy am 18.03.2017 19:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Abzocker

    Aha Kind vom 1:12 Fan, aber gleichzeitig über 100.000 im Jahr Abzocken als Nationalrat. Aber wenn ein CEO welche 100 000 Menschen Jobs bieten. 12 x mehr als eine Putzfrau kassieren sich empören.

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  • Stefan Walser am 18.03.2017 19:53 Report Diesen Beitrag melden

    zerplatzte Träume

    Wunderschöne Geschichte von Frau Meyer. Sie hat schon sehr viel geopfert und erreicht. Aber in der freien Wirtschaft, also direkt bei "ihren" Wählern hat sie wohl noch nie gearbeitet. Sonst würde sie die Welt auch noch ein bisschen anders sehen......

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Ernestn am 19.03.2017 18:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    100 Jahre und nur am clicken  

    Die am SVP 100 Jahr Jubiläum sind wohl fleissig am Daumen runter clicken.

  • Angie Galli am 19.03.2017 16:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Habe den Bericht

    aufmerksam gelesen und komme zum Schluss, dass dieser verblendeten Dame wohl nicht mehr zu helfen ist! Sie ist unangenehm, dreist, vorlaut und frech, wann immer sie in der Öffentlichkeit auftritt! Irgendwie ist sie im Leben zu kurz gekommen, das ist dann das Resultat...!

    • Sebeter Fred am 19.03.2017 17:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Angie Galli

      Vielen währe geholfen, wenn sie den Bericht nicht gelesen hätten.

    • Beobachter 73 am 19.03.2017 20:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Angie Galli

      Hoffentlich ist sie als Mutter besser. Ich würde mich nicht wundern dass es ein absolutes Wunschkind ist/wird aber der Vater irgendwo im Nirgendswo. Es braucht ja kein Vater, zwei Frauen als Mütter ist doch besser. Sonst könnte das Kind zu maskulin ist doch besser zu feminin aufzuwachsen.

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  • Stefan bättig am 19.03.2017 16:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Realität

    Eine asolute Träumerin die endlich erwachsen werden und auf dem Boden der Realität landen sollte. Das Kind ist absolut zu bedauern bei solchen Eltern aufwachen zu müssen aber leider kann man sich diese ja nicht aussuchen

  • Marl Karx am 19.03.2017 16:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Träumen erlaubt

    Die gute Frau ist in der DDR-Zeit stehen geblieben. Wie so viele studierte Büezer-Vertreter (SPler).

  • Rösli Zimmermann am 19.03.2017 16:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wir haben es gut

    Ein Hoch auf unsere Demokratie welche auch wirre Meinungen zulässt und auch solche Ideen ernsthaft debattiert. In anderen Ländern würden solche Personen weggesperrt oder noch schlimmer.