Al-Kaida-Geisel erzählt

27. Oktober 2011 14:34; Akt: 28.10.2011 08:03 Print

«Ich dachte nur noch, erschiesst mich doch»

von A. Mustedanagic - Am Dienstag ist ein Video der in Pakistan verschleppten Schweizer aufgetaucht. Gabriella Barco Greiner war drei Monate Geisel in Mali. «Das Wichtigste ist die Zuversicht», sagt sie.

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Am 17. März 2012 kommt das in Pakistan entführte Schweizer Paar wieder in der Schweiz an. Das Paar traf gegen 13.30 Uhr am Flughafen Zürich-Kloten ein. Mit einem Stofftier winkt Daniela W. aus dem Auto ihren Verwandten zu. Das erste Bild: David O. und Daniela W. sind wieder auf freiem Fuss ... ... und wirken zumindest auf den ersten Blick unversehrt. Die 28-jährige Daniela W steigt aus dem Helikopter auf der Qasim-Militärbasis in Rawalpindi, Pakistan, ... ... gefolgt von ihrem 31-jährigen Freund David O. Am 27. Dezember 2011 wurden den Medien neue Bilder der Schweizer Geiseln zugespielt. Oliver O. und Daniela W. vor einem schwarzen Banner. Die Berner Daniela W. und ... ... Oliver O. sind seit dem 1. Juli in der Gewalt der Taliban. In einem am 25. Oktober 2011 veröffentlichten Video melden sich die beiden Schweizer Geiseln zu Wort. Im Juli entführt und seither vermisst: David O. und Daniela W. Bei den Geiseln handelt es sich um einen aktiven Polizisten und eine ehemalige Beamtin der Kantonspolizei Bern. Die beiden waren auf einer privaten Reise in Pakistan. Sie waren von der Hauptstadt Islamabad her in die südwestliche Provinz Belutschistan gereist. In der Region Loralai wurden sie von bewaffneten Kidnappern verschleppt. Ihr blauer VW-Bus wurde verlassen aufgefunden. Warum sich die beiden in dem gefährlichen Gebiet an der Grenze zum Iran und zu Afghanistan aufhielten, wurde nicht mitgeteilt. Waliur Rehman (M.), die sagt, dass die entführten Schweizer in seiner Hand sind. Sie seien nicht gefoltert worden. Er wollte die Schweizer erst gegen die in den USA inhaftierte austauschen. Siddiqui, die in den USA studierte, war wegen des Tötungsversuchs von US-Beamten in Afghanistan verurteilt worden. Mittlerweile sind die Entführer von dieser Forderung abgerückt.

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Knapp vier Monate nach ihrer Entführung sind zwei Videos von Daniela W. und David O. aufgetaucht: «Bitte, bitte geht endlich auf die Forderungen ein», flehen die beiden von Taliban entführten Schweizer. Die Aufnahmen sind bereits einen Monat alt. Doch die beiden Berner sollen noch am Leben sein, sagen Taliban-Kreise in Pakistan. Allerdings scheint die Verzweiflung bei den Geiseln zu wachsen.

Gabriella Barco Greiner kennt die Situation. Vor zwei Jahren musste die Adliswilerin selbst vor den Kameras von Geiselnehmern in Mali einen Aufruf sprechen. Noch immer fällt es der 57-Jährigen schwer, über die drei Monate in den Fängen von Al Kaida zu sprechen. Dennoch verfolgt sie mit viel Hoffnung den Fall von Daniela und David. 20 Minuten Online sprach mit ihr über den Moment der Resignation und die Hoffnungen auf eine Freilassung, die nach jedem Video aufkeimt.

Frau Barco Greiner, hat Sie die Video-Botschaft von Daniela und David an ihr eigenes Schicksal erinnert?
Meine drei Monate in Geiselhaft habe ich längst noch nicht verarbeitet, und das werde ich auch nicht so schnell. Die Zeit war grauenhaft, aber ich möchte nicht darüber sprechen. Ich bin noch nicht so weit.

Hat es Sie überrascht, wie gefasst Daniela und David in den beiden Video-Botschaften wirken?
In einer solchen Situation reagiert jeder anders. Wir mussten nach zwei Tagen die erste Video-Botschaft aufnehmen. Ich war verletzt, stand unter Schock, und dann kamen die Leute mit den Kameras. Sie gaben mir einen Text und sagten: Lies! Ich war in so schlechtem Zustand, dass ich gar nicht lesen konnte. Ich habe nur geweint.

Wie haben Sie die Fassung wieder gewonnen?
Die Geiselnehmer haben nicht lange gezögert, sondern kamen mit den Kalaschnikows und sagten: Lies oder du wirst bestraft! In dem Moment geschah etwas Unglaubliches in mir: Ich fing mich plötzlich. Die Angst vor dem Tod war so stark, dass ich einfach funktionierte. Ich sprach in die Kamera, als ob ich einen Vortrag hielt. Da geschah nichts bewusst – es lief einfach ab. Das muss aber nicht heissen, dass es bei Daniela und David auch so war.

Wie schätzen Sie die Situation der beiden ein?
Die Geiselnehmer haben zwei Möglichkeiten: Einerseits können sie die Geiseln unter Druck setzen, wie das bei uns der Fall war. Anderseits können sie es aber auch über Vertrauen machen. Sie können sagen: Es ist auch in deinem Interesse, wenn deine Regierung ein Lebenszeichen hat. Wie es abläuft, hängt stark vom Umgang zwischen Geiselnehmern und Geiseln ab. Mich hat aber weniger die Fassung von Daniela und David überrascht, als vielmehr die Tatsache, dass sie auf dem Video Mundart sprechen.

Wieso?
Wir mussten für unsere Videos immer Englisch sprechen, weil die Geiselnehmer wissen wollten, was wir sagten. Sie gaben in diesen Momenten die Kontrolle nicht ab.

Sie meinen, einer der Entführer könnte Schweizerdeutsch sprechen?
Das wäre möglich, ja. Es kursiert das Gerücht, dass ein Tunesier unter den Geiselnehmern ist, der einmal in der Schweiz war. Das würde die Mundart erklären. Es bleibt aber nicht der einzige Unterschied zu meiner Erfahrung. Die beiden Entführten in Pakistan kennen die Forderungen ihrer Entführer. Sie sagen explizit im Video, dass es um einen Gefangenenaustausch geht. Ich war froh, nicht zu wissen, was die Geiselnehmer forderten. Die Forderungen zu kennen macht das Durchhalten schwieriger.

Warum?
Wir hatten die stille Hoffnung, dass die Schweiz die Forderungen erfüllen kann. Nicht zu wissen, ob und was die Schweiz macht, war schon schrecklich genug. Wenn ich aber gewusst hätte, dass die Erfüllung der Forderung nicht direkt im Einflussbereich der Schweiz liegt, hätte uns dies vermutlich noch mehr beunruhigt. Vor allem angesichts der Tatsache, dass die Schweiz ein kleines und weltpolitisch unbedeutendes Land ist. Wir sind neutral, führen keinen Krieg, haben keine Gefangenen – was könnten wir den Taliban oder der Al Kaida schon anbieten? Wir hätten die Forderungen aber auch nicht erfahren können, weil die Kaderleute der Terrorgruppe nicht bei uns waren.

Sind Daniela und David im Kontakt mit Spitzenleuten der Taliban?
Dass sie in die Verhandlungsinhalte eingebunden wurden, deutet darauf hin, dass sie in der Nähe des Kaders sind, ja. Das war bei uns ganz anders: Wir waren vollkommen isoliert. Geiseln und Führungsriege waren nie am selben Ort.

Gab es den Moment, in dem Sie dachten: Ich kann nicht mehr?
Ich habe zwischendurch immer wieder mit meinem Leben abgeschlossen. Irgendwann kam der Moment, in dem ich keine Kraft mehr hatte und dachte: Lasst mich sterben, aber macht es schnell! Sie können sich nicht vorstellen, was man als Geisel durchhalten muss: Es gibt keinen Alltag, keinen Ruhepuls. Mein Adrenalinspiegel war monatelang extrem hoch, das Herz raste von früh bis spät. Jeden Tag. Es wurde immer wieder geschossen – es war kaum auszuhalten. Irgendwann kommt man an den Punkt, wo man sich nur noch ein Ende wünscht. Ich dachte nur noch, erschiesst mich doch, dann ist wenigstens alles zu Ende.

Wie haben Sie sich aus diesen Tiefs hochgekämpft?
Der Überlebenstrieb kam immer wieder zurück. Dann tat ich alles, um Alltagsstrukturen zu bekommen: Ich fragte regelmässig nach Wasser oder anderen Kleinigkeiten, um einen Rhythmus zu finden. Die Al-Kaida-Kämpfer in Mali leben ja wie zu Zeiten Mohammeds, also im 6. Jahrhundert: keine Medikamente, keine medizinische Versorgung, kein Lesestoff, keine Musik, Alkohol oder Raucherwaren sowieso nicht – einfach nichts, was einem das Leben einfacher gemacht hätte. Wissen Sie, was für mich ein paradiesischer Wunsch war? Etwas zu lesen oder ein Blatt Papier.

Papier?
Papier wäre der Himmel gewesen. Ich habe mir so gewünscht, schreiben zu können. Die Geschehnisse zu verarbeiten, festzuhalten und vor allem eine Beschäftigung zu haben. Ich hatte zeitweise nicht einmal meinen Mann an meiner Seite. Wir wurden ja einen Monat lang getrennt, ohne dass ich wusste, wo er war, ob er noch lebte oder schon tot war. Ich hoffe, dass Daniela und David zusammen sind. Dass sie sich Kraft geben können, sich Mut zusprechen können und vor allem, dass sie nie die Zuversicht verlieren.

Was denken Sie, wie es den beiden geht?
Ich will nicht spekulieren. Videoaufnahmen verband ich immer mit der Hoffnung, dass nun Bewegung in die Sache kommt. Ich dachte damals: Jetzt gehts los und in wenigen Tagen ist der Albtraum vorbei. Nun ist das Video von Daniela und David aber bereits einen Monat alt. Als Geisel weiss man nie, ob jemand etwas unternimmt. Stellen Sie sich vor, Sie geben ein Lebenszeichen ab und warten dann gespannt. Tag für Tag. Einen ganzen Monat lang. Aber nichts geschieht. Bei uns kam irgendwann der Punkt, an dem wir dachten, dass wir vergessen wurden.

Haben Sie an den Bemühungen der Schweiz gezweifelt?
Wir waren vollkommen isoliert, wir wussten nicht, ob und gegebenenfalls was unternommen wird. Ich habe gehofft, dass meine Freunde auf die Strasse gehen, wenn mich die Schweiz vergisst. Inzwischen weiss ich es besser: Die Schweiz hat vom ersten Tag an alles in ihrer Macht Stehende getan, um uns da herauszuholen. Ich hoffe deshalb, dass Daniela und David unseren Fall mitbekommen haben. Dass sie wissen, dass die Schweiz alles unternimmt. Dass sie nicht alleine sind. Nicht vergessen wurden. Ich wünsche ihnen das Wichtigste in diesem Moment: Zuversicht.