Alain Berset

21. Mai 2015 18:25; Akt: 21.05.2015 19:46 Print

«Ich denke, dann hätte ich eine PID gemacht»

von J. Büchi/ D. Pomper - Im Chat hat Alain Berset die Fragen der 20-Minuten-Leser beantwortet. Im Interview sagt er, wie er persönlich zur Fortpflanzungsmedizin steht.

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Herr Bundesrat, wie haben Sie den Live-Chat mit den 20-Minuten-Lesern erlebt?
Ich fand diesen Austausch sehr interessant. Es war eine gute Möglichkeit, mit der Bevölkerung direkt in Kontakt zu kommen. Ich führe auch auf der Strasse viele Gespräche und diskutiere mit den Leuten über aktuelle politische Fragen – aber das war einmal etwas anderes.

Viele Teilnehmer äusserten ethische Bedenken in Bezug auf die Präimplantationsdiagnostik. Können Sie das verstehen?
Sicher. Diese Fragen standen auch im Bundesrat und im Parlament im Zentrum der Diskussion. Die unabhängige Ethikkommission hat sich ebenfalls damit befasst, ob die Präimplantationsdiagnostik (PID) möglich sein sollte. Sie kam zum Schluss, dass man die PID gerade aus ethischen Gründen erlauben muss! Denn so kann viel Leid verhindert werden.

Inwiefern?
Die Alternative für betroffene Personen ist heute eine Schwangerschaft auf Probe: Die Frau wird schwanger und kann den Fötus dann im Mutterleib auf Erbkrankheiten untersuchen lassen. Dann stellt sich die Frage: Behalten wir das Kind, das möglicherweise nicht lange leben wird? Ein Eingriff erfolgt in einem solchen Fall viel später und ist für das betroffene Paar viel belastender. Deshalb wollen wir betroffenen Paaren die Möglichkeit geben, früher zu intervenieren, falls sie das wollen. Es ist auch kein Zufall, dass die Präimplantationsdiagnostik sonst in ganz Europa erlaubt ist.

Angenommen, Sie hätten eine schwere Erbkrankheit in der Familie – würden Sie dann von der PID Gebrauch machen?
Es ist sehr, sehr schwierig, eine solch theoretische Frage zu beantworten. Aber ich glaube, wenn ich wüsste, dass es in meiner Familie eine schwere Erbkrankheit gibt, wäre ich froh, wenn mir der Staat nicht sagt: Du darfst diese Untersuchung machen oder du darfst nicht. Ich wäre froh, wenn der Staat mir die Freiheit liesse, selbst zu entscheiden. Ich denke, ich hätte es gemacht.

Die bisher veröffentlichten Abstimmungsumfragen deuten darauf hin, dass es am 14. Juni eng werden könnte. Gehen Sie davon aus, dass es an der Urne für ein Ja zur PID reichen wird?
Ich mache keine Prognosen. Ich glaube, es gibt gute Gründe, die bestehende PID-Beschränkung aufzuheben. Wir würden damit eine freiwillige Möglichkeit für Paare schaffen, die eine schwere Erbkrankheit in der Familie haben. Heute sagt der Staat den betroffenen Paaren: Ihr dürft diese Möglichkeit nicht nutzen, selbst wenn ihr es wollt. Die Konsequenz ist, dass viele der Betroffenen ins Ausland fahren und die PID dort durchführen lassen – unter ausländischen Regeln. Wenn wir am 14. Juni Ja sagen, haben wir die Möglichkeit, unsere eigenen, strengen Regeln aufzustellen, die demokratisch legitimiert sind. Das regeln wir dann im Fortpflanzungsmedizingesetz. Darüber würden wir wohl nächstes Jahr abstimmen. Alles andere ist eine Vogel-Strauss-Politik: Man weiss, dass das Problem existiert, steckt den Kopf aber einfach in den Sand. Das ist nicht ehrlich.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Mira am 21.05.2015 18:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ein klares ja. Raus aus dem Mittelalter

    Leider wird hier immer alles durcheinander gebracht. Kein Mensch würde sich einer ivf unterziehen wenn es nicht nötig wäre. Die nicht invasiven blut-Tests werden rege gebraucht und dann werden über 90 Prozent der Kinder, die einen Fehler haben abgetrieben. Ohne Aufschrei. Also schützt man einen 5 Tage alten embryo mehr als ein Kind mit herzschlag in der 10. woche. Das ist eine verkehrte Welt. Es geht nicht um Designer Babys. Sondern um 6000 Paare die ev. Eine PID in Erwägung ziehen würden. Aber das ganze Stimmvolk urteilt über Situationen in denen sie nie waren.

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  • Frenck E am 21.05.2015 18:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ein guter Staatsmann

    Ohne Zweifel ist Alain Berset einer der besten Staatsmänner, die unsere Schweiz je hatte! Ich möchte Ihnen einfach nur gratulieren für Ihre exzellente Arbeit in Bern! Bravo!

  • Ennya Selin am 21.05.2015 18:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ja genau...

    Ich finde seine Aussagen genau richtig!! Ich habe auch für alle Kritiken verständniss, da es eine wichtige Entscheidung ist. Jedoch denke ich, dass es grundsätzlich eine gute Idee ist und die Paare selbst entscheiden sollten!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Joseph Schmid am 22.05.2015 18:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bitte

    Ich sitze seit meiner Geburt im Rollstuhl. Abgesehen davon bin ich aber ein glücklicher Mensch. Wenn es vor 20 Jahre PID gehabt hätte, gäbe es mich heute wohl nicht. Darum bitte ich alle, NEIN zu stimmen, damit Menschen wie ich das Licht der Welt erblicken dürfen. Danke.

    • Melanie am 22.05.2015 22:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Ja zur PID

      Meine Tochter ist schwerstbehindert wenn sie die wahl hätte würde sie lieber gesund auf die Welt kommen. Sie leidet seit der Geburt!!!

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  • Julia R. am 22.05.2015 16:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tiefgekühlt

    Wenn wir ja stimmen, haben wir innert Kürze Hunderttausende von tiefgefrorenen Embryonen in den Spitälern. Richtig unheimlich!!

    • S. Tuss am 22.05.2015 19:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Bleiben sie bei der Wahrheit

      So ein Mist den sie hier erzählen. Es wird überhaupt nicht mehr geben. So eine künstliche Befruchtung ist kein Spaziergang und niemand macht sowas freiwillig!

    • Thomas H. am 22.05.2015 22:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Stimmt

      Julia hat recht! Bis jetzt durfte man nur soviel Embryos "herstellen" wie man sofort wieder einpflanzen konnte. Neu sollen Embryos auch zu Forschungszwecken verbraucht werden. Und die werden natürlich im Tiefkühler haltbar gemacht.

    • Andrea F. am 22.05.2015 22:48 Report Diesen Beitrag melden

      Nicht richtig

      Das ist nicht korrekt, ich bin selber davon betroffen, man darf auch bis jetzt sämtliche gewonnen Eizellen befruchten lassen, jedoch werden diese bereits im Vorkernstadium eingefroren und da gelten sie noch nicht als Embryo, aber die Anzahl der eingefrorenen Eizellen bleibt sich gleich wie bis jetzt. Bitte macht euch schlau bevor ihr einen Kommentar schreibt und keine Ahnung vom Thema habt.

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  • R. Ealist am 22.05.2015 16:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schlussendlich

    ist es trotzdem ein Gesetz für die reichen. Gehört man zur Risikogruppe & hat kein Geld dänn verzichtet man auf den Test oder auf Kinder. Probiert man es trotzdem & das Kind ist nicht gesund kann man es sich nicht leisten. So oder so die reichen provitieren, für die armen ändert sich nichts.

  • suk am 22.05.2015 15:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    fr

    die meisten Leute haben überhaupt keine Ahnung was eine Ivf behandlung für ein Paar bedeutet. Die Behandlung ist äusserst belastend. Körperlich wie auch seelisch. Von den kosten wollen wir erst gar nicht sprechen. Diese Paare möchten ein Kind das überlebensfähig ist. Wenn ich die Diskusionen höre, welche Leute führen die ihre Kinder "einfach" so bekommen habe, könnte ich echt schreien.

  • Paul am 22.05.2015 15:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nur weiter so...

    In die Natur einzumischen hat der Menschheit immer nur Kummer gebracht. Man kann warnen, flehen und bitten damit aufzuhören aber das Geld macht Blind für die Wahrheit. Das Leben selbst wird sich an uns und unser Tun rächen! Wir werden uns selbst vernichten - nur weiter ...