Terzos

17. Januar 2017 05:42; Akt: 17.01.2017 13:19 Print

«Ich fühle mich auch ohne Pass hier zu Hause»

von Laly Zanchi - Ausländer der dritten Generation sollen erleichtert eingebürgert werden. Es gibt aber auch Personen, die gar nicht Schweizer werden wollen.

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Einige Ausländer wollen ihren angestammten Pass nicht aus den Händen geben. Sie sehen darin nur Vorteile. (Bild: Larabelova)

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Das Volk entscheidet Mitte Februar an der Urne, ob die dritte Generation von Einwanderern in Zukunft erleichtert eingebürgert werden soll. In der Zwischenzeit stellt sich die Frage: Wieso lassen sich denn die Enkel der Einwanderer nicht heute schon einbürgern? Zwei Terzos haben gegenüber 20 Minuten ihre Gründe dargelegt:

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Der Terzo Gino R.* hat italienischen Wurzeln und will sich nicht einbürgern lassen, auch nicht erleichtert. Der Hauptgrund: «Ich habe eine Verletzung und würde bei der Rekrutierung doppelt untauglich erklärt werden und müsste Wehrpflichtersatz zahlen, das ist es mir nicht wert.» Der 20-Jährige will sich aber auch nach dem Höchstalter für die Ersatzabgabe nicht einbürgern lassen. «Dann werden meine Kinder auch automatisch in den Dienst gerufen, diese Entscheidung will ich ihnen aber selbst überlassen», sagt der St. Galler.

«Kein Problem mit italienischem Pass»

Das Wahlrecht vermisst Gino nicht. Er glaubt nicht, dass eine einzelne Stimme im Wahlausgang wirklich so wichtig ist. Gino hat auch keine Bedenken, auf dem Wohnungs- oder Arbeitsmarkt benachteiligt zu sein. «Ich bin noch Student, also habe ich mich damit noch nicht so genau befasst, aber ich denke mit dem italienischen Pass ist das nicht so ein Problem.»

Gino fühlt sich in der Schweiz aber auch ohne Pass zu Hause. «Ich bin hier aufgewachsen und könnte ich selbst wählen, würde ich es nicht anders haben wollen.» Trotzdem fühlt er sich mit seinen italienischen Wurzeln stark verbunden. «Ich fühle mich sowohl als Schweizer als auch als Italiener.» Dass bei der Annahme der erleichterte Einbürgerung ein grosser Ansturm auf den Schweizer Pass herrschen wird, glaubt Gino nicht. «Zumindest nicht bei den italienischen Terzos, die ich kenne. Wer den Pass will, macht ihn eh schon.»

«Teuer und zu viel Bürokratie»

Mariano L.* wollte den Schweizer Pass zunächst unbedingt haben. «Ich hätte nämlich gerne den Militärdienst absolviert», sagt der italienische Terzo. Doch als er den Prozess begann verging ihm die Lust am roten Büchlein ziemlich schnell. «Zunächst erfuhr ich, dass die Einbürgerung gut 3000 Franken kosten würde, was ich aber noch geschluckt hätte. Als man mir aber sagte, dass es sich durch die Bürokratie bis zu drei Jahre verzögern würde, strich ich es aus meiner Wunschliste», sagt der 21-Jährige. Mariano war enttäuscht: «Man hat mir sogar am Telefon mit der Behörde gesagt, dass ich ein Musterbeispiel der Integration sei und trotzdem macht man es mir nicht leichter als jemanden der die Bedingungen gerade so erfüllt.»

Jetzt würde sich der Informatiker aus Schönewerd (SO), nicht mal erleichtert einbürgern lassen. «Wenn ich sehe wie wir gut integrierten Terzos nicht als Kinder des Staates angesehen werden, so fehlt meiner Meinung nach das Vertrauen der Schweiz in uns. Unter diesen Umständen verzichte ich auf den Pass.» Er denkt auch nicht, dass er als Schweizer bessere Chancen auf dem Arbeits- oder Wohnungsmarkt hätte. «Oftmals wird mehr auf den Namen geachtet als auf die Herkunft und da habe ich es mit meinem italienischen Namen zum Glück nicht schwer.»

Dass er nicht stimmen gehen kann, findet Mariano zwar persönlich schade. Er denkt aber nicht, dass das Wahlrecht für viele ein guter Grund sei sich einbürgern zu lassen. «Ich kenne sehr viele Eingebürgerte die nicht einmal abgestimmt haben.»


*Name geändert


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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Liz am 17.01.2017 07:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht nur der Pass machts aus...

    Ich brauche den Pass nicht. Bin zwar hier geboren, hier aufgewachsen, spreche besser Deutsch als Italienisch, arbeite hier, mein Freundeskreis besteht nur (!) aus Schweizern, ich liebe die Schweiz, seine Infrastruktur, die Präzision hier. Die Schweiz ist mein Zuhause. Und trotzdem, auch mit Pass wäre ich und bleibe ich noch eine Ausländerin für die Leute die mich kennen. Aber sie mögen mich auch mit Italo-Pass, glaubt mir, hatte in meinem Leben noch nie Probleme wegen meinen Wurzeln. Das richtige Benehmen zählt hier und das Land und die Leute zu repektieren, als wäre man im Heimatland, dann spielt es keine Rolle woher man kommt. ;-)

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  • Amir Bosanac am 17.01.2017 06:01 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht nötig

    Stimme dem zu, was gesagt wurde. Lebe zwar schon seit 22 Jahren in der Schweiz, und kann gut Deutsch, aber habe freiwilig keinen Pass. Ist mir zu kompliziert, und man wird sowieso immer als Usländer betrachtet, egal was. Besonders bei der Wohnungssuche wird es schwierig...meine Balkan-Kollegen MIT Pass haben die gleichen Probleme wie ich.

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  • CaptainLonestarr am 17.01.2017 06:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ganz einfach!

    Diejenigen die wirklich wollen schaffens auch in der ersten Generation, mit allen Rechten und Pflichten. Diejenigen dies als zu anstrengend und teuer empfinden oder keinen Dienst machen wollen, haben die Erleichterung weder nötig noch verdient.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Mr. Spock am 17.01.2017 19:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    verzichte dankend

    ich lebe und Arbeite seit 25 Jahren in der Schweiz, durchgehend mit C-Ausweis. Das Theater der Gegner einer Erleichterten Einbürgerung für die 3. Generation geht mir auf den Senkel. Ich kann nicht verstehen das es Menschen gibt die das ablehnen, zumal einige der 3. Gen. bessere Schweizer sind als manch Einheimischer. Das Argument das bei einer Einbürgerung der andere Pass abzugeben sei beruht auf reinem Neid weil der Schweizer in der Regel nur einen Pass hat, einen anderen Grund sehe ich nicht. Dabei steht es jedem frei einen zweiten von einem anderen Staat zu erlangen. Viele Schweizer sind der Meinung sie seien etwas besseres, mehr Wert als andere Menschen. Ich bin auch der Meinung das der CH-Pass verdient werden soll, aber hallo, 3. Gen., gesammt teilweise mehr als 100 Jahre in der Schweiz?

  • Marco100 am 17.01.2017 18:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ohne worte :-)

    Bald krieg ich den pass

  • Nationless am 17.01.2017 15:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Stimmt nicht ganz

    Ich bin Secondo ohne CH-Pass und kann nicht einfach so nach meinem Gefühl sagen, ich fühle mich da zu Hause, so ist hier meine Heimat auch wenn ich bald vierzig Jahre gelebt habe. Nein das Gefühl mit Schein und gesetzlich sein sind zwei diverse Paar Schuhe. Die AI und Durchsetzungsinitiative führten mir vor Augen wie schnell das Blatt sich wenden könnte und wir fast rechtlos sind. Fakt ist aber auch dass ein Schweizer Pass kein besserer Menschen macht und gewisse Ausländer auch durch das eigene Sein als Nichtschweizer gesehen werden.

  • Laura am 17.01.2017 15:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Integrationsunterschiede

    Wer seit über 10 Jahren hier lebt, arbeitet, eine Landessprache spricht und sich seinem Umfeld angepasst hat... wird diesen Prozess mit den Geschichtsunterricht und der langen Zeit nicht durchmachen. Die Kosten sind meist nicht relevant (war früher jedoch anders!). Der Pass als Papier bringt keinen Mehrwert... sollte auch nicht entscheidend sein. Mit dem deutschen Pass kann man sogar mehr Länder bereisen und hat keine Nachteile bei Job, Wohnung oder sonst irgendwo. Denke, dass dies mit anderen EU Pässen ähnlich ist.

  • Argus am 17.01.2017 14:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gut so

    Lieber G.R. Das ist gut so. Mit dieser Einstellung lieber keinen Antrag stellen. Wer Schweizer werden will, hat auch Pflichten, wie eben die Dienstpflicht. Das Herz muss eben mitmachen.