Hepatitis-Kranker

28. Juli 2015 16:17; Akt: 28.07.2015 17:41 Print

«Ich fürchtete um mein Leben»

von D. Pomper - Bis zu 100'000 Menschen sind in der Schweiz mit Hepatitis-Viren infiziert. Viele litten bereits an einer Leberzirrhose – ohne es zu wissen, sagt ein Experte.

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Jahrelang merkte er nichts. Doch dann quälten Daniel Horowitz zunehmend Schmerzen im Oberbauch, Gliederschmerzen raubten ihm den Schlaf. «Ich musste mich immer wieder übergeben, ich war ständig müde und musste schliesslich mein Arbeitspensum reduzieren», erzählt der Zürcher. Grund für das Unwohlsein: Hepatitis C.

Diese Krankheit hatte sich Horowitz in Guatemala eingefangen. Nach einem Unfall wurde er in einem Spital behandelt – unter unhygienischen Bedingungen. Doch erst Jahre später entdeckte man bei einer Routineuntersuchung die viel zu hohen Leberwerte. Die Leber war stark beschädigt. «Ich fürchtete um mein Leben», sagt Horowitz, dem es heute nach einer neuen Therapie wieder besser geht.

«Infizierte wissen nichts von Leberschäden»

Etwa 80‘000 Menschen leben in der Schweiz mit einer Hepatitis C, 24‘000 Menschen mit einer Hepatitis B. «Über die Hälfte der Betroffenen weiss nichts von der Infektion», sagt Philip Bruggmann, Chefarzt an den Arud-Zentren für Suchtmedizin in Zürich . In der Schweiz bestehe ein massives Testproblem. So könne sich über Jahre oder Jahrzehnte hinweg eine Leberzirrhose oder gar Leberkrebs entwickeln, ohne dass der Betroffene weiss, dass er Hepatitis hat. Die schweren Lebererkrankungen aufgrund viraler Hepatitis würden bis 2030 zunehmen: «Wenn wir weiterfahren wie bislang, könnte die Zahl von Leberkrebsfällen von 400 im 2013 auf 740 pro Jahr ansteigen. Leberbedingte Todesfälle durch Hepatitis C von heute 380 könnten sich beinahe verdoppeln», schätzt Bruggmann.

Auch die Kosten dürften in die Höhe schnellen: «Bleiben die Behandlungszahlen auf dem Niveau von 2013, würden sie auf 118 Millionen Franken pro Jahr ansteigen. Volkswirtschaftliche Folgekosten sind da nicht einberechnet.» Deshalb arbeitet eine Expertengruppe bestehend aus Ärzten, Betroffenen, Politikern sowie Krankenkassen- und Wirtschaftsvertretern an einer nationalen Strategie, die es sich zum Ziel gesetzt hat bis 2030 Hepatitis zu besiegen. Eine nationale Kampagne soll die Bevölkerung sensibilisieren (www.hepatitis-schweiz.ch). Der Entwurf soll am Dienstag vorgelegt werden. Am selben Tag wird von Patienten eine Petition mit 1270 Unterschriften eingereicht, welche eine Behandlung aller Erkrankten sowie Preissenkungen fordert.

Was unternimmt der Bund?

Bruggmann hofft auf die Unterstützung der Gesundheitsbehörden: «Offensichtlich gibt es beim Bundesamt für Gesundheit eine starke HIV-Lobby, aber keine Hepatitis-Lobby. Es gibt seit Jahren eine Stop-HIV-Kampagne, aber keine Stop-Hepatitis-Kampagne.» Dabei habe Hepatitis vergleichbare Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit wie HIV und es würden gar mehr Menschen an Hepatitis sterben als an HIV.
Stefan Enggist, stv. Leiter der Sektion Prävention und Promotion beim BAG, widerspricht: «In der Schweiz gibt es bei Aids ungefähr fünfmal mehr Todesfälle als bei Hepatitis.» Auch die Erkrankungsprognosen seien mit Vorsicht zu geniessen: «Die Behandlung von Hepatitis wird dank neuen Medikamenten zunehmend besser und billiger. Ausserdem besteht bei Hepatitis auch ohne Behandlung eine Ausheilungschance von 20 bis 30 Prozent – im Gegensatz zu HIV, wo die Krankheit ohne Behandlung immer tödlich endet.»

Weiter verweist Enggist auf das «bereits existierende breite Spektrum an Massnahmen zur Hepatitis-Bekämpfung»: «Der Hauptübertragungsweg von Hepatitis C ist der intravenöse Drogenkonsum. Seit den 80er-Jahren kennt die Schweiz als eines der ersten Länder weltweit ein Spritzentausch-Angebot.»
Ausserdem sehe der Schweizerische Impfplan Hepatitis-B-Impfungen ab 11 bis 15 Jahren vor. Impfungen gegen Hepatitis A würden Schwulen und Drogenkonsumenten, aber auch Reisenden in Länder mit mittlerer bis hoher Krankheitsverbreitung empfohlen. Diese Leistungen werden durch die Krankenkassen übernommen. Der Erfolg der Präventionsmassnahmen schlage sich auch in der sinkenden Zahl der Hepatitis-Neuinfektionen nieder.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • B.Richner am 27.07.2015 18:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Krankheiten

    Normalerweise werden Nadeln nicht gereinigt sondern ersetzt. Die Herpatitiswelle wird kaum von den Studios kommen sondern eben von den derzeit in Mode geratenen Partytattoos

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  • pebi am 27.07.2015 20:17 Report Diesen Beitrag melden

    verantwortungsvoll

    mein mann hat selbst ein tattoo studio, nadeln und griffstücke sind verpackt, und werden nach jedem kunden entsorgt und später bei der apotheke abgegeben. der platz wird mit sterilium gereinigt und bei jedem kunden auch neu vorbereitet, neue nadeln, neues griffstück, handschuhe und maschine verpackt. er nimmt es sehr genau mit der hygiene. das problem sind nicht die professionellen tattoo studios. das problem sind die, die sich online ohne irgendwelche ahnung aus china ein starterset kaufen und zu "komm doch zu mir in den keller" tätowierer werden! überlegen wer hand anlegt!!!

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  • blablubb am 27.07.2015 18:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    JAAAA GENAU...

    Schiebt die Schuld auf Tattoos und Piercings! Das Problem liegt bei den schlechten und unseriösen Piercern und Tattoo Artisten und nicht an den Piercings/Tattoos

Die neusten Leser-Kommentare

  • Ikepot am 27.07.2015 22:45 Report Diesen Beitrag melden

    Weiterverbreitung durch GV?

    Wie sieht es mit der Weiterverbreitung durch Sex aus? Wer lässt sich auch auf Hepa und nicht nur HIV testen? Kaum jemand!

  • Davina am 27.07.2015 22:38 Report Diesen Beitrag melden

    HCV vom Tattoo-Studio

    Ich habe mir mein erstes Tattoo in einem "professionellen" Studio stechen lassen und davon Hepatitis C bekommen. Mein Glück, dass ich es abwehren konnte und somit für andere nicht ansteckend bin, sonst hätte ich gleich zwei lebenslängliche Andenken davon getragen.

    • rachel82 am 27.07.2015 23:50 Report Diesen Beitrag melden

      na dann..

      kann es wohl nicht so professionell gewesen sein. aber ich finds schön gehts dir wieder gut!

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  • DieStimme am 27.07.2015 21:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zitat

    Zwar gebe es Medikamente, mit denen eine Hepatitis-C-Infektion geheilt werden könne. Diese Medikamente könnten aber aktuell «wegen der preislichen Einschränkungen nicht bei allen Personen eingesetzt werden». Naja, spricht für sich selbst, nicht? Profit, bis ans Ende unserer Tage (aber nur wenn wirs uns leisten können).

    • Leber Käse am 27.07.2015 22:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Ja, sehr teuer

      Das Medikament kostet z.Zt. In der CH rund 61'000.-. Eine Therapie damit dauert rund 12 Wochen. Bald soll eine günstigere Variante erhältlich sein, für rund 45'000.-. viel Geld für die Folgen eines Tattoo.

    • Blut am 27.07.2015 22:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Konserve

      und auch heute werden Leute in der Schweiz mit infizierten Blutkonserven angesteckt... ups, beim Test ist wohl ein Fehler unterlaufen... ach ja, es gäbe da so ein teures Medikamt, aber die KK zahlt das nicht... so geschehen einem Bekannten. In meiner Branche fällt dies unter Gewährleistung welche mein Unternehmen selber bezahlen muss.

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  • geiz ist geil? am 27.07.2015 21:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    sehe ich genau so!

    Ein Tattoo ist erstens etwas fürs leben und eben auch mit der eigenen gesundheit verbunden! deswegen lieber mal etwas mehr bezahlen und dafür einen hygienischen und guten tattoowierer an der nadel haben ..!

  • Mann Aus Flums am 27.07.2015 20:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tattoo Träger

    Ich hab selber tattoo und Piercing. Und stellt euch vor ich bin gesund!! Das kommt nicht von einem tattoo und auch nicht von einem Piercing. Denke es gibt viele schwarze Schafe unter den piercer und tatowierer...aber gebt nicht einem tattoo schuld..

    • Gregi am 27.07.2015 23:22 Report Diesen Beitrag melden

      @Mann aus Flums

      Du bist gesund. Sagst du das weil du einfach in den Spiegel schaust, oder weil du einen ärztlichen Test gemacht hast?

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