Integrationsvorlehre

26. September 2018 10:22; Akt: 26.09.2018 10:32 Print

«Ich habe Glück, dass ich hier arbeiten kann»

von J. Käser/ A. Peterhans - Agid Ali aus Syrien und Khalid Alobaidi aus dem Irak erzählen von ihren Erfahrungen in der Integrationsvorlehre bei der Planzer Transport AG.

(VIdeo: 20 Minuten)
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Es ist kurz nach 10 Uhr an einem sonnigen Donnerstagmorgen. Agid Ali sitzt auf einem Gabelstapler beladen mit Paketen. Zwischendurch grüsst er einen Arbeitskollegen. Er kennt sich bestens aus hier. Sein Mitarbeiter, Khalid Alobaidi, wirkt hingegen etwas schüchtern und betont immer wieder, dass sein Deutsch noch nicht wirklich ausgereift sei. Doch dem Gespräch folgt er interessiert.

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«Ein Studium ist das Ziel»

Ali reiste vor viereinhalb Jahren in die Schweiz ein. «Wenn man kein Deutsch kann, ist es sehr schwierig, in der Schweiz Anschluss zu finden», erzählt er in fliessendem Zürcher Dialekt. Der Syrer ist 26 Jahre alt, spielt für sein Leben gern Fussball und befindet sich momentan im 2. Lehrjahr als Logistiker EFZ bei der Firma Planzer Transport AG in Dietikon ZH. 2016 hat er beim selben Unternehmen als einer der ersten Flüchtlinge überhaupt eine Integrationsvorlehre absolviert.

Ali ist glücklich, dass er eine Arbeit gefunden hat: «Ich habe Glück gehabt, einen Job zu finden. Viele Flüchtlingen mit der Aufenthaltsbewilligung F haben grosse Mühe bei der Arbeitssuche.»

Laut neustem Bericht des Staatssekretariats für Migration arbeiten 20 bis 30 Prozent der Flüchtlinge in den ersten vier bis fünf Jahren nach der Einreise. Durch einen Schweizer Bekannten sei er 2016 zum Transport- und Lagerlogistikunternehmen gekommen. Nach der dreijährigen Berufslehre würde er gerne die Berufsmatura absolvieren und dann studieren –«am liebsten Politik und Philosophie», sagt Ali.

In Syrien hat der 26-Jährige bereits die Matura abgeschlossen. Der Krieg hinderte Ali aber daran, in Damaskus zu studieren. Einige seiner Freunde und Bekannten seien ebenfalls in die Schweiz geflüchtet, andere in Syrien geblieben. «Es ist schwierig, den Kontakt zu ihnen aufrechtzuerhalten, denn sie haben nicht immer Internetzugang», erzählt er.

Lautes Flüchtlingsheim und schlechter Schlaf

Alobaidi hat erst im August seine Integrationsvorlehre begonnen. An zwei Tagen in der Woche ist er in der Schule, wo er vor allem an seinem Deutsch feilt, die restlichen Tage arbeitet er in Dietikon. «Im Irak habe ich die Matura gemacht und war daneben als Handy- und Computerreparateur tätig. Vor rund zweieinhalb Jahren bin ich mit einem Kollegen in die Schweiz geflüchtet», sagt er.

Durch das Berufsinformationszentrum Urdorf kam er zum Logistikunternehmen. Die Tätigkeit bei Planzer gefalle ihm gut. Auch sein Kollege, mit dem er 2016 als knapp 20-Jähriger zu zweit in die Schweiz floh, hat inzwischen eine Stelle gefunden, im Strassenbau. Er sei froh, einer Arbeit nachgehen zu können, betont Alobaidi. Nach der Integrationsvorlehre möchte er am liebsten bei Planzer eine Berufslehre als Logistiker machen.

Der junge Mann erzählt aber auch von Schwierigkeiten aus dem Alltag. «Ich wohne in einem Flüchtlingsheim, dort ist es wahnsinnig laut, und ich schlafe schlecht. Das ist eigentlich das grösste Problem im Moment.» Auch Alobaidi besitzt eine F-Aufenthaltsbewilligung und hofft, in der Schweiz bald wieder seinen Hobbys nachgehen zu können. «Und es wäre toll, eine eigene Wohnung zu finden, aber in der nächsten Zeit wird das wohl nicht möglich sein.»

Bisher nur positive Erfahrungen

Bei der Planzer Transport AG habe man bisher nur gute Erfahrungen mit der Integrationsvorlehre gemacht, sagt Rolf Widmer, Leiter Grundbildung beim Logistikunternehmen. Im Rahmen eines Vorpilotprojekts hat das Unternehmen bereits 2016 und 2017 eine Integrationsvorlehre für geflüchtete Personen angeboten. Anfänglich hätten sie auch mit Reaktionen wie «Die Flüchtlinge nehmen uns unsere Lehrstellen weg» zu kämpfen gehabt. Es sei deshalb wichtig, zu erwähnen, dass es sich bei den Ausbildungsstellen um solche handle, die extra für diesen Zweck geschaffen worden seien.

Planzer beschäftigt an vier verschiedenen Standorten momentan insgesamt sechs Integrationsvorlehrlinge. Von den 14 Teilnehmenden der letzten beiden Jahren befänden sich sieben in einer regulären Berufsausbildung und drei in einem anderweitigen Anstellungsverhältnis bei Planzer, so Widmer. «Die Teilnehmenden haben sehr gute Umgangsformen und sich gut ins Unternehmen eingebracht. Sie sind dankbar für die Chance, die sich ihnen hier bietet, und nehmen sie engagiert wahr.»