Eis go zieh mit … Erich Hess

01. Januar 2016 22:02; Akt: 01.01.2016 22:02 Print

«Ich habe ein dickes Fell entwickelt»

von D. Waldmeier - Lange belächelt, jetzt Nationalrat: Mit seinem Erfolg verblüfft Erich Hess Freund und Feind. Ein Gespräch über die SVP, die Frauen und seine Igeli-Frisur.

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Erich J. Hess, 34-jährig, aufgewachsen in Zollbrück im Emmental, trägt einen dunklen Anzug, Krawatte und einen Pin mit dem Berner Kantonswappen am Revers, als er das Restaurant Parlament betritt. Alle nennen ihn nur «Erich» hier. Er bestellt einen Espresso und ein Mineral, seine Augen sind klein. «Streng» sei die Nacht gewesen, wird er später sagen, er habe noch ein, zwei Gläser mit Ratskollegen getrunken. Trotzdem ist er bester Laune.

Der SVP-Politiker hat auch allen Grund dazu. Im Herbst hat er mit 91'106 Stimmen überraschend die Wahl ins Bundeshaus geschafft – zum Entsetzen seiner Gegner. Hinter vorgehaltener Hand rümpfen sie die Nase darüber, mit wem sie sich da im neuen Parlament herumschlagen müssen. Die «Berner Zeitung» sah sich genötigt, einen Erklärungsversuch für das Phänomen Hess zu liefern. Er sei der «uneitelste Politiker der Schweiz», so die Diagnose.

Peinlichkeiten pflastern den Erfolgsweg

Dies mag treffend sein – nicht nur wegen seiner pflegeleichten Igeli-Frisur, die längst zu einem Markenzeichen geworden ist (Coiffeur Wyss, Schüpfen BE, Maschinenschnitt, 20 Franken). An seinem ersten Tag als Nationalrat riss sich Hess an der Türe zur Raucherterrasse den Finger auf, sodass Blut floss. Tags darauf war er sich nicht zu schade, die Szene für ein «Blick»-Video nachzustellen. Zum Malheur sagt er: «Ich klemme mir die Finger sicher nicht nochmals ein. Man lernt aus Fehlern.»

Lehrgeld hat Hess genügend bezahlt. Schon vor seiner Wahl in die Grosse Kammer hat er nationale Bekanntheit erlangt, weil sich die halbe Schweiz über ihn lustig gemacht hat. Unvergessen ist, wie er einem Reporter einer deutschen Satiresendung auf den Leim kroch und vorgeführt wurde (Video unten). Bis auf die Knochen blamiert hat sich Hess auch bei seinem Auftritt in der TV-Show von Pornoproduzent J.P. Love, wo er eine Sexpuppe aus Gummi über dem Kopf balancieren musste.

Doch Spott und Häme werfen Hess nicht um – im Gegenteil. Es gehört zu seinen Prinzipien, nie aufzustecken. Wenn er sich alles zu Herzen nehmen würde, was über ihn gesagt oder geschrieben werde, könnte er gar nicht mehr weiterleben, meint der Lastwagenfahrer schulterzuckend. «Ich habe ein dickes Fell entwickelt.»

«Hess wirbelt an drei Fronten»

Wer Hess nun einfach als bunten Hund belächelt, unterschätzt ihn. Im Moment ist er der wohl aktivste Politiker der Schweiz: Er sitzt im Berner Stadtrat, im Grossen Rat und im Nationalrat – und kämpft damit auf allen Ebenen des Systems für seine Überzeugungen.

Schon mit 16 Jahren trat er der SVP bei. Nicht, weil er aus einer politischen Familie stammte, sondern weil er sich aufregte: über die EU-Turbos im Land, über die immer neuen Gesetze, über die hohe Zuwanderung. Er habe «nicht einfach die Faust im Sack machen wollen».

«Ich bin für mein Alter schon sehr lange am Politisieren und habe angerissene Sachen ‹gäng öppe› zustande gebracht», sagt Hess nicht ohne Stolz. Er besetze Themen, die von anderen nicht besetzt würden, solche auch, «die den Leuten unter den Fingernägeln brennen». Bei seiner Einbürgerungsinitiative stand er im Kanton Bern allein auf weiter Flur – und brachte die Verschärfungen an der Urne dennoch durch. Das Programm führt er auf nationaler Ebene weiter: In seinem ersten Vorstoss im Nationalrat will er die Doppelbürgerschaft für Eingebürgerte abschaffen.

Der Instinktpolitiker

Auch die Netze an Berner Brücken gehen auf einen Vorstoss von Hess im Stadtparlament zurück. Die Idee kam ihm, nachdem er auf dem Nachhauseweg im Tram Zeuge eines Suizids bei der Kirchenfeldbrücke wurde. «Heilandsack», habe er gedacht, sei bei der nächsten Station ausgestiegen und zurück über die Brücke gegangen. «Er lag kaputt unten auf der Strasse.»

Das Erlebnis hat Hess, den Instinktpolitiker, der redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, nicht mehr losgelassen. Jetzt, da die Suizidnetze endlich hängen, ist Hess zufrieden. «Jedes Jahr sprangen zehn Personen von der Brücke, viele im Affekt. Deshalb verlagern sich die Selbstmorde nicht einfach an andere Orte.»

«Ich bin manchmal ein bisschen ein Pflock»

Weniger rund als in der Politik läuft es bei Hess privat. Der Lastwagenfahrer ist single, auch wenn kurz vor den Wahlen ein Foto aufgetaucht ist, das ihn mit einer jungen Thailänderin im Pool zeigt. Laut Hess handelt es sich nur um eine Kollegin. «Das Foto wurde von links-grüner Seite gestreut, um mir zu schaden.»

Seine Traumfrau müsse man vielleicht erst noch basteln, meint Hess, ist aber auch selbstkritisch: «Ich bin ein bisschen ein Pflock. Oft merke ich gar nicht, wenn eine Frau ein Auge auf mich geworfen hat.» Mit dem Wahlkampf und seinen Firmen – Hess ist in das Immobiliengeschäft eingestiegen – habe er aber auch kaum Zeit gehabt. Auch seine Hobbys, Töfffahren und Golf, hat er auf Eis gelegt. Hess lebt ganz für die Politik, für den Kampf gegen die Linken, für die er wie kaum ein anderer ein rotes Tuch ist.

Das ZDF führte Erich Hess an der Nase herum:

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Nico am 01.01.2016 23:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Erinnert mich an etwas

    Erich Hess... Der Forrest Gump der SVP... Irgendwie traut man ihm nichts zu.. Aber er lässt sich nicht beirren und schlussendlich schafft er es doch..

  • FTL am 01.01.2016 22:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Der kann was!

    Unterschätzen tun ihn jene die denken, Politik sei nur was für Akademiker. Bin politisch mit ihm nicht auf einer Linie, aber der Mann hat meinen Respekt!

  • Benno am 02.01.2016 08:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht SVP Wähler

    Eins muss man ihm lassen. Er kann über sich selber lachen und nimmt sich selber nicht so wichtig. Mehr dafür seine Meinung - was ja seine Gegner auch dermassen irritiert. Eine Person wie er gehört in den Nationalrat. Diese Leichtigkeit des Umganges mit sich selbst täte manchem intelektuellen der SP, welcher denkt er sei wegen seiner "marxistischen Weltsicht" was besseres, ganz gut.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Qsi am 02.01.2016 23:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die besten Beispiele,

    weshalb man bei der Bildung nicht sparen sollte, bringt diese Partei gleich selbst zum Vorschein... Ich frage mich ernsthaft, wie es überhaupt möglich ist, solche Kandidaten auf einen Wahlzettel zu bringen, geschweige denn, sie auch noch ins Parlament zu bringen?

  • Theo Tobler am 02.01.2016 18:53 Report Diesen Beitrag melden

    wählen ist wie Zähne putzen

    Der Rechtsrutsch des vergangenen Herbstes und die Wahl von Frau Blocher, Herrn Köppel und eben auch von Herrn Hess lässt sich einfach erklären. Die stärkste Partei der Schweiz ist, leider Gottes, die Partei der NICHTWÄHLER. Daher gilt der einfache Grundsatz: Mit wählen ist es wie mit Zähne putzen. Macht man es nicht, wirds braun.

    • Anna S. am 02.01.2016 19:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Verstehe Ihre Logik nicht

      Müsste es danach nicht eher braun werden, wenn alle wählen? Wer kann wissen, was all jene denken, die nicht zur Urne gehen? Klar können wir Vermutungen anstellen. Ich vermute, dass sich die Meisten davon einfach gar nicht für Politik interessieren. Je nach Umgebung sind sie dann eher links oder eher rechts. Wer in einer Genossenschaftswohnung von Künstlern umgeben lebt, wird wohl eher gegen die Abzocker da oben und die Vermögenden wettern und eher "links" denken. Wer auf dem Land lebt, mehr mit Handwerkern, Bauern und anderen Besitzenden zu tun hat, wird eher zu rechts neigen...

    • Massimo am 02.01.2016 21:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Theo Tobler

      Dass sie mit ihren Weisheiten nicht schon lange selbst im Bundesrat sitzen ist mir ein Rätsel. Damit will ich aber keinesfalls behaupten dass sie besonders intelligent sind.

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  • Crassus, bern am 02.01.2016 18:22 Report Diesen Beitrag melden

    Peinlich

    Wenn das, das beste ist, was eine Partei zu bieten hat, dann gute Nacht Schweiz. Der lässt sich doch gleich von einem ausländischen Sender an der nase herumführen. Und so was soll die Schweiz vertreten? Nur peinlich, dass das SVP Volk da noch applaudiert. Da sind mir die intellektuellen Cuplitrinker doch lieber, als die Hinterwäldler und Populisten.

    • Karcsi am 02.01.2016 21:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Crassus, bern

      Er hat sich NUR von einem deutschen TV Sender vorführen lassen, lieber Crassus intrigus, unser Bundesrat lässt sich seit langem vom ganzen EU vorführen, aber Crassus sinister, darüber kein Wort,warum?

    • Ried Winkel am 02.01.2016 22:30 Report Diesen Beitrag melden

      Karcsi

      "Kein Wort warum?"Weil es wohl einen kleinen feinen Unterschied darstellt,ob man sich in aller Oeffentlichkeit vor einem Millionenpublikum blamiert, oder der unmassgebenden Meinung eines Einzelnen folgt.Mit einem solchen Vergleich die offensichtliche Naivität des Herrn Hess zu mildern, um gleichzeitig den Bundesrat zu diskreditieren,ist nun wirklich keine Zeile wert.

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  • Küsä am 02.01.2016 17:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tragik

    Tragisch, dass solche Leute überhaupt in der Politik sind. Nun ja, Hess ist ja in guter Gesellschaft bspw mit Molina & Co. Die gleichen Schaumschläger nur vom anderen politischen Lager.

  • Beat Euler am 02.01.2016 17:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ein toller Bursche...

    Das Video spricht für sich. Dieses Land braucht intelligente Leute wie ihn, die niemandem auf den Leim gehen.

    • Seppli Blocher am 02.01.2016 17:13 Report Diesen Beitrag melden

      @Beat Euler

      und noch ähnlich intelligente Wähler die SVP wählen, dann kann nichts mehr schief gehen in der CH!;)

    • B. Eispiel am 02.01.2016 18:43 Report Diesen Beitrag melden

      Im Ernst?

      Mir geht dieser bernische Blocherverschnitt gehörig auf den Leim und intelligent ist der schon mal gar nicht. Der bringt ja kaum einen koherenten Satz zusammen. Wenn ich einen minderbemittelten Hinterwäldler beschreiben müsste, würde Hess das perfekte Beispiel sein!

    • Ried Winkel am 02.01.2016 19:02 Report Diesen Beitrag melden

      B.Eispiel

      Tja,die Falle der eigenen Ueberheblichkeit.Erstens heisst es "kohärenten" und zweitens ist die Ironie so offensichtlich,dass es schon fast einer Anstrengung bedarf, diese nicht zu erkennen.Also, ein wenig Mässigung bei der Beurteilung anderer Menschen.Sie wird so leicht zum Bumerang...

    • Beat Euler am 02.01.2016 21:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @B. Eispiel

      Glauben Sie wirklich meine Aussage sei nicht IRONISCH gemeint?!... Eben. :-) Ansonsten stimme ich Ihnen absolut zu.

    • Vor Name am 02.01.2016 22:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Beat Euler

      Macht nicht viel Sinn. (nicht ironisch gemeint)

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