Flüchtlinge mit Uni-Abschluss

26. Dezember 2017 13:23; Akt: 27.12.2017 14:27 Print

«Ich habe nicht studiert, um Hausfrau zu sein»

von Silvana Schreier - Abir Awad ist zweifache Mutter und studierte Bauingenieurin. Obwohl der Abschluss der Syrerin anerkannt ist, findet sie keine Festanstellung.

Quelle: Heks.
Zum Thema
Fehler gesehen?

Tränen schiessen ihr in die Augen, wenn sie über ihre Heimat Syrien spricht. «Tut mir leid, das wollte ich nicht», sagt Abir Awad und atmet tief durch. Seit 2013 ist sie nicht mehr zu Hause gewesen. Awad spricht hochdeutsch. Manchmal sucht sie nach dem passenden Begriff, dann greift sie auf ihre Englischkenntnisse zurück. Heute lebt sie mit Mann und Kindern in einer Vierzimmerwohnung in einem Mehrfamilienhaus in Waldkirch SG. Früher, in Syrien, war ihr Zuhause ein Einfamilienhaus in Yabrud.

In Syrien gehörten sie zur Mittelschicht. Sie arbeitete als Bauingenieurin, ihr Mann als Kinderchirurg. Sie hatten ein Auto und ihr Mann hatte eine Arztpraxis. «Es war ein gutes Leben», sagt die zweifache Mutter. Fünf Jahre lang studierte Abir Awad an der Universität Homs Bauingenieurwesen. Dann arbeitete sie für den Staat als Bauingenieurin und Informatikerin.

«Arbeit macht das Leben regelmässig»

Wenn die Rede auf ihre heutige Arbeitssituation kommt, schlägt ihre Stimmung in Verzweiflung um: Es ist schwierig für sie, Arbeit zu finden. Seit sie die Aufenthaltsbewilligung hat, habe sie sich mehrmals beworben. «Nur dreimal wurde ich zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen», sagt die 44-Jährige. Eine Festanstellung bekam die Syrerin bisher nicht. Ab Januar 2018 aber hat sie ein Praktikum: Bei einem Ingenieur-Unternehmen in Weinfelden TG. Awad freut sich: «Die Berater beim Heks-Projekt ‹MosaiQ› haben es möglich gemacht.»

Awad ist zuständig für den Haushalt der vierköpfigen Familie. Ihr Mann hat mittlerweile eine Anstellung als Assistenzarzt im Ostschweizer Kinderspital in St. Gallen bekommen. «Dass ich nicht arbeiten kann, stört mich sehr. Ich bin nicht zufrieden.» Sie sei nun mal «keine glückliche Hausfrau». Klar, die Kinder würden sie genug beschäftigen. Die fänden es richtig toll, dass ihre Mutter immer zu Hause sei. Aber ohne Arbeit fühlt sich die Syrerin nicht erfüllt. Awad: «Arbeit macht das Leben regelmässig. Und ich will nicht umsonst studiert haben.»

Für die Schweiz sprach die Sicherheit

Um sich von der ergebnislosen Jobsuche abzulenken und ihre Energie für etwas Gutes einzusetzen, engagiert sich Abir Awad gleich in vier Vereinen: im Turnverein, in der Frauengemeinschaft, im Familientreff von Waldkirch, beim Netzwerk für Baufachfrauen in St. Gallen, ‹FrauenBauen›, und bei ‹Brot lindert Not›, einem Projekt der evangelischen Kirchgemeinde Bischofszell-Hauptwil. «Und wenn eine Übersetzerin gebraucht wird, springe ich auch dort mal ein.»

Awad und ihre Familie mussten ihre Heimat verlassen. Wenn sie sagt «Wir haben den Krieg nicht bestellt», meint sie: «Wir hätten es gerne anders gehabt.» Aber die Lage in Homs spitzte sich rasch zu. Ihr Mann musste zu jeder Tages- und Nachtzeit ausrücken, wann immer ärztliche Hilfe gebraucht wurde. «Wenn eine Bombe eingeschlagen ist, suchten alle Schutz. Aber mein Mann musste dann raus.» Es wurde zu viel und zu gefährlich: «Wir sahen keine Zukunft mehr in Syrien.»

Ihr Glück war: Ein Bruder von Abir Awad lebte bereits seit 2008 in der Schweiz. Er ist mit einer Schweizerin verheiratet. «Innert drei Tagen fällten wir den Entscheid und beantragten ein Besucher-Visum», erzählt Awad. Dieses wurde Familienangehörigen in einem erleichterten Verfahren im Zeitraum von September bis November 2013 gewährt, wenn beispielsweise Geschwister bereits eine Aufenthaltsbewilligung für die Schweiz haben. In der Schweiz angekommen, stellte die vierköpfige Familie gleich ein Asylgesuch und wurde in einem Asylzentrum untergebracht.

«Das war bestimmt nicht optimal», sagt Abir Awad. Sie spricht damit die acht Monate zu viert in einem kleinen Zimmer an. «Aber wir waren in Sicherheit.»

Kinder lernten Schweizerdeutsch – innert drei Monaten

Freude bereiten Abir Awad die Fortschritte ihrer Kinder: Der elfjährige Sohn heisst Joud, der Name ist von Hollywood-Star Jude Law inspiriert und bedeutet «die Grosszügigkeit». Und das sei er auch. Er kommt ganz nach den Eltern: «Er liebt die Naturwissenschaften und will alles erforschen», erzählt die Mutter sichtlich stolz. Der Sohn habe konkrete, lebhafte Erinnerungen an seine Heimat Syrien. Doch er fühle sich wohl in der Schweiz: «In weniger als drei Monaten hat er Schweizerdeutsch gelernt.» Problemlos habe er sich auch in seine Schulklasse integriert.

Stella, die achtjährige Tochter, fragt noch oft: «Warum mussten wir aus Syrien weggehen?» Mittlerweile besucht auch sie die Primarschule in Waldkirch. Und spricht ebenso gut Schweizerdeutsch wie ihr grosser Bruder.

Zu Hause aber, da wird Arabisch gesprochen: «Das gibt uns ein Gefühl der Verbundenheit. Es ist nun mal unsere Muttersprache», sagt Awad. Vielleicht sei es für die Kinder einmal hilfreich, auch diese Sprache gut zu beherrschen.

Abir Awad ist dankbar, dass sie in der Schweiz sein kann. «Hier ist das Leben so schön organisiert. Und die Kinder haben die Chance auf eine gute Zukunft.» Denn die Schweiz ist nicht nur ihr vorübergehender Zufluchtsort. Sie ist ein Zuhause geworden.