Angststörungen

28. Oktober 2019 18:56; Akt: 28.10.2019 19:29 Print

«Ich habe panische Angst vor dem Erbrechen»

von Matthias Gröbli - Fabienne Kerschen leidet seit sechs Jahren unter Emetophobie, der Angst vor dem Erbrechen. Ihre erste Panikattacke hatte die 21-Jährige in der Kirche.

Fabienne Kerschen (21) leidet an Emetophobie und erzählt über ihre Ängste. (Video: Helena Müller)
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Sechs Stunden Horror

«Emetophobie ist eine irrationale Angst, deren Auslöser nicht real ist. Ich habe diese Angststörung seit sechs Jahren, letztmals erbrechen musste ich vor 14 Jahren. Die Angst zeigt sich immer mit körperlichen Symptomen: Übelkeit, Schwitzen, Schwindel, Zittern, Weinen. Es kommt auch zu regelrechten Panikattacken mit Hyperventilieren, Atemnot, Angst vor dem Zusammenbrechen. Solche Attacken können fünf Minuten oder auch sechs Stunden dauern.

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Begleiterscheinungen meiner Ängste sind depressive Episoden, die sich vor allem im Winter zeigen. Ich habe einen Suizidversuch hinter mir. Heute habe ich diese Gedanken zum Glück nicht mehr.

Meine erste Panikattacke hatte ich in der Kirche während eines Kurses im Vorfeld der Konfirmation. Plötzlich wurde mir hundeelend. Ich rief sofort meine Mutter an und sagte: ‹Bitte hol mich sofort, ich bin krank›. Drei Tage lang ging es mir schlecht, bis ich zur Mutter sagte: ‹Mami, ich habe Angst vor dem Erbrechen›.»


Bloss keine Betrunkenen

«Hauptauslöser für meine Angst sind Stress oder unerwünschte Veränderungen in meinem Leben. Auch ein Streit mit einer Freundin kann ein Auslöser sein. Oder auch wenn ich im Ausgang bin mit vielen betrunkenen Leuten um mich und die Gefahr besteht, dass diese erbrechen müssen und ich mich daran anstecke. Ich selbst trinke keinen Alkohol, weil ich Angst habe, dann erbrechen zu müssen.

Die Angst ist in Form einer schwarzen Gestalt mein ständiger Begleiter, der immer neben mir ist. Wenn die Angst akut ist, sehe ich nur noch die schwarze Gestalt vor mir, wie sie mir den Weg versperrt, und mich selbst beim Erbrechen. Interessant ist, dass Kolleginnen oder meine Mutter meist schon vor mir merken, dass eine Panikattacke bevorsteht. Offenbar bin ich dann jeweils sehr aufgedreht, rede viel und bin sehr unruhig.»

Das kann kein Koch versauen

«Die Angst zeigt sich auch bei meinem Essverhalten und bei der Hygiene. Ich wasche oder desinfiziere meine Hände sehr oft aus Angst vor einer Magen-Darm-Infektion. Poulet esse ich nicht, bei Eiern bin ich vorsichtig und prüfe, ob sie wirklich frisch sind. Allgemein schaue ich immer aufs Ablaufdatum und dass die Speisen wirklich durchgekocht sind.

Inzwischen gehe ich wieder in Restaurants, esse da aber auf keinen Fall Fleisch. Am besten etwas Einfaches, bei dem ich mir sicher bin: ‹Das kann kein Koch versauen.›»

Nachtwache

«Wenn ich eine Panikattacke habe, hilft mir die Gewissheit, dass ich immer zurückgreifen kann auf Menschen, die für mich da sind. Es tut mir gut, wenn ich mit meiner besten Freundin telefonieren kann oder mit meiner Mutter.

Als meine Ängste vor sechs Jahren begannen, habe ich alle Menschen um mich von mir weggestossen. Ich ging vier Monate lang nicht mehr aus dem Haus und meldete mich auch nicht mehr bei meinen Freundinnen. Sehr belastend war die Situation vor allem für meine Familie. Phasenweise konnte ich nachts nicht schlafen und meine Eltern blieben nachts im Schichtbetrieb für mich wach, damit ich nicht allein wahr. Auch mein Bruder war viel für mich da.»


Anti-Depressiva

«Am Anfang bekam ich fünf verschiedene Medikamente mit beruhigender und angstlösender Wirkung, die ich täglich einnehmen musste. Später kam ich zu einer neuen Therapeutin und nehme inzwischen nur noch ein Medikament, ein Anti-Depressivum, das meine Stimmungslage normalisiert. Es kann vorkommen, dass ich zur Beruhigung und als Schlafmittel ein Benzodiazepin nehme, wenn ich nicht mehr aus einer Panikattacke herausfinde. Auf das Suchtpotenzial bin ich von der Psychiaterin hingewiesen worden und nehme das Mittel nur sehr selten. Das Ziel ist, dank der Gesprächstherapie irgendwann gar keine Psychopharmaka mehr zu brauchen.»

Zukunft

«Seit ich meine Strategien wie Atemtechnik oder Ablenkungen habe, zeigt sich die Angst nicht mehr so häufig. Mittlerweile komme ich auch schneller aus Panikattacken heraus oder kann sie sogar im Keim ersticken. Die Attacken sind seltener geworden, vielleicht eine innerhalb von zwei Monaten. Es kommt aber auch vor, dass ich zwei oder drei Attacken pro Woche habe und dann drei Monate Ruhe habe.

Ich habe mir viele Gedanken gemacht zum Thema Kinderkriegen. Während der Schwangerschaft könnte ja Übelkeit auftreten. Oder wenn ich dann einst Kinder habe, könnten sie ja einmal erbrechen müssen und ich muss es aufputzen oder werde selber angesteckt. Aber ich bin zuversichtlich und hoffe, bis dann so gut mit meiner Angst umgehen zu können, dass sie kein Problem mehr darstellt.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Angehörige von Betroffenem am 28.10.2019 20:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Endlich...

    Mein Mann leidet unter der selben Angst - es ist wirklich Horror was die Psyche mit einem Menschen machen und wie sie ihn beherrschen kann... Ich bin froh, dass auch über diese Krankheit berichtet und gesprochen wird - ihr seid nicht alleine.

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  • Anonymius am 28.10.2019 20:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bitte nicht lachen

    Bitte macht Euch nicht lustig.....Meine Mutter konnte das Haus fast 10 Jahre nicht mehr verlassen! Ganz schlimme Zeit für die ganze Familie!!

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  • rb am 28.10.2019 20:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Danke

    Danke für den Artikel... Leider wird man oft nicht verstanden.... spüre ich immer wieder am eigenen Leib...

Die neusten Leser-Kommentare

  • Pia Maria am 29.10.2019 18:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Oh Hilfe

    Mir geht es genau so!! Es ist was Menschliches und kann jeder Zei t passieren, ich will endlich damit umgehen können aber wie? Ich traue mich kaum noch auf irgendwelche Partys zugehen, weil es dort am meissten vorkommt.

  • Avocado 15 am 29.10.2019 17:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    darüber sprechen,nicht schweigen

    Zu diesem leidigen Thema kann ich leider auch ein Liedchen singen.Bin selbst betroffen und musste mir zuvor immer anhören,dass es mir am Willen fehlt und ich ein Simulant sei.Der Hausarzt hat mich,damals ohne genaue Diagnose mit Schlaf-,Beruhigungsmittel und Antidepressiva eingedeckt.Mit verheerender Wirkung.Ich war nur noch bedeppert und wie im Nebel.Seit ich weiss,dass ich eine Persönlichkeits-,Angst- und Panikstörung habe,gehts mir daher besser,weil ich jetzt weiss,dass ich kein Simulant bin.Auch hab ich einen kalten Entzug der vorher erwähnten Medis gemacht.Ich war wegen der beruhigenden Wirkung,nicht mehr mich selbst und zu Emotionen fähig.Ich find's sehr wichtig,dass auch über solche Themen berichtet wird.Das darf nicht tot geschwiegen werden.Jenen Menschen,die über psychisch kranke Menschen lachen,oder diese verurteilen,möcht ich sagen,lacht nur,aber eines Tages kann es auch euch erwischen.Dann hoff ich für euch,dass niemand lacht,sondern euch zur Seite steht.Gegen Grippe kann man sich impfen,aber gegen psychische Erkrankungen ist kein Kraut gewachsen.Also kann es jeden treffen.Diejenigen die hier mitlesen und betroffen sind wünsch ich ganz viel Kraft.Ganz wichtig,steht dazu und sprecht darüber.Auch wenn's anfangs verdammt schwer ist..

  • Börni am 29.10.2019 16:16 Report Diesen Beitrag melden

    Psychiater

    Bitte geht so schnell wie möglich in Therapie. Sowas habe ich noch nie gehört und ist ja sehr schlimm. Das kann man nicht selbst heilen. Denke jedoch dass es auch gute Medikamente für diese Attacken gibt.

  • Blanca am 29.10.2019 15:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Leid

    Wenn man solche Angststörungen nicht selber durchmacht kann man das immense Leid dieser Menschen nicht verstehen . Oft ist es nicht nur eine einzige Angststörung , es kommen andere dazu . Am Anfang konnte ich nur mit Medikamenten den Alltag bestreiten , jetzt schon viele Jahre ohne . Ich habe meine Ängste mehr oder weniger im Griff , ich mache ihnen Angst indem ich stark bin . Tönt abgefahren , aber ich spreche mit "ihnen" lass sie nicht mehr Macht haben über mich . Ängste sind so irrational und doch kann man manchmal nichts dagegen machen ....

  • Elsi am 29.10.2019 14:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Geht mir gleich

    Ich leide seit meiner Kindheit an der Panik, bin schon älter leider vergeht es nie. Man muss leben damit, jedes Fest oder betrunkene meide ich seit Jahren.