1000 Euro pro Spende

20. August 2019 18:58; Akt: 21.08.2019 12:28 Print

«Ich habe schon viermal meine Eizellen gespendet»

von Désirée Pomper - Meine Eizellen spenden? Für kein Geld der Welt würde ich das tun. Im Gegensatz zu Susana (29) und Lucia (26) aus Spanien.

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In Spanien ist die Eizellenspende im Gegensatz zur Schweiz erlaubt. Susana hat schon viermal Eizellen gespendet und damit fast In Spanien ist die Spenderinnen unterziehen sich einer Hormontherapie, damit mehrere Eizellen gleichzeitig heranreifen können. Dann wird die Patientin unter Narkose gesetzt. Der Arzt führt eine. «Mach etwas, auf das du stolz sein kannst. Es hindert dich nichts daran, Eizellen zu spenden.» So werben spanische Fruchtbarkeitskliniken. Oder es wird an die Solidarität unter Frauen appelliert: «Spende deine Eizellen und helfe anderen Frauen, die Mütter werden wollen. Dank deiner Spende können Paare das grösste Geschenk ihres Lebens erhalten.» Oder so: «Eizellen zu spenden ist ein Akt der Solidarität» Experten kritisieren allerdings die anonyme Eizellenspende, die in Spanien praktiziert wird. Die Europäische Menschenrechtskonvention und UN-Kinderrechtskonvention besagt, dass . Dieses Recht sei gewichtiger als die Interessen der Eltern. In einer fünfteiligen Serie geht 20 Minuten der Frage nach: Im ersten Teil der Serie ging ich der Frage nach: Was gibts in der Schweiz für mein Blut? Im Gegensatz zu anderen Ländern wie Deutschland oder den USA ist das Blut in der Schweiz nicht kommerzialisiert. Spender werden aber kostenlos verköstigt und bekommen kleine Geschenke. Im zweiten Teil Serie ging es um das (40) aus Winterthur kauft europäisches Echthaar und verarbeitet es zu Extensions weiter. Auch sie selber trägt fremdes Haar. Umso heller das Haar, desto wertvoller. Auch gelocktes Haar (hier ein Männer-Rossschwanz) erzielt einen höheren Preis. Dieses blonde ist «das Wertvollste», was Cindy in ihrem Salon hortet. gibt es dafür nicht. So viel zahlt Cindy für den Haarankauf. Mehr Geld zahlen auf einschlägigen Online-Portalen. Einen Aufpreis gibt es für «jungfräuliches», also unbehandeltes Haar. Wendy* aus den USA bietet ihr 63 Zentimeter langes rotes Haar für an. «Mein Haar ist meist geflochten und sorgt immer für Gesprächsstoff», schreibt sie. Sie rauche und trinke nicht und wasche ihr Haar einmal pro Woche. Wie viel wohl fürgeboten wird? Ich schreibe es für 50 Dollar aus. Nach einer Stunde schreibt mir Thomas*: «Könntest du dir vorstellen, dass ich Dir die Haare schneide?» Später wird er mir bieten. Einer Frau, die Haare bis zu ihren Knöcheln hatte, habe er 1150 Franken für eine Rasur geboten. Einer anderen, die Haare bis zur Hüfte hatte, habe er 800 Franken gegeben. Gemäss der Handelsplattform sind 12 Prozent der Kunden . Die meisten Käufer verarbeiteten das Haar zu Perücken oder Extensions. Der Rekord-Verkaufspreis liege bei 6500 Dollar für das braune Haar einer Jungfrau. Lesen Sie im vierten Teil der Serie, wie viel Geld auf dem Schwarzmarkt für eine Niere geboten wird... ...und wie viel Geld Frauen für Sexarbeit bekommen.

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Ich bin auf der Suche nach Antworten auf die Frage: Was für einen Wert hat mein Körper? Für mein Blut gab es ein Konfibrot und eine Pflästerlibox. Für mein Haar bot mir eine Winterthurer Haarhändlerin 25 Franken. Mehr drinliegen dürfte für meine Eizellen. In der Schweiz ist es zwar verboten, seine Eizellen zu verkaufen. Nicht aber in Spanien, wo Spenden erlaubt sind (siehe Infobox).


«Eizellenspenden sind ein Akt der Solidarität» – Mit solchen Slogans werben spanische Fruchtbarkeitskliniken.

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Würdest du deine Eizellen spenden?

«Mach etwas, auf das du stolz sein kannst.» So wirbt die Fruchtbarkeitsklinik Ivi Dona auf ihre Website. Ich wähle die Nummer. Ja, ich sei zwischen 18 und 35. Nein, genetische Krankheiten in der Familie gebe es keine. 800 bis 1100 Euro für die Eizellentnahme verspricht mir eine Mitarbeiterin am Telefon. Dabei handle es sich um eine Aufwandsentschädigung für einen «Akt der Solidarität». Wann ich denn Zeit hätte für ein Vorgespräch mit dem Arzt und einen medizinischen Check.

Vor der Eizellentnahme werden Psyche, Chromosomen, die Gene, das Blut und die Gebärmutter der Spenderin untersucht. Bei einem positiven Resultat müsste ich mir während zwölf Tagen Hormone in die Oberschenkel spritzen, damit mehrere Eizellen gleichzeitig heranreifen.


Eine Hohlnadel wird in den Eierstock eingeführt, dann werden die Eizellen herausgesogen.

Das kann zu Kopfschmerzen, Müdigkeit, Hitzewallungen oder depressiven Verstimmungen führen. Schliesslich wird die Patientin unter Narkose gesetzt. Der Arzt führt eine Hohlnadel durch die Scheide in den Eierstock und saugt damit Eizellen heraus. In Einzelfällen kommt es zu Komplikationen, selten zu Unfruchtbarkeit. Im Extremfall führt die Überstimulation der Eierstöcke zu Nierenversagen und damit zum Tod.

Eine Bekannte schrieb mir per Whatsapp: «Liebe, schenkst du mir eine Eizelle?»

Doch was mich vor einer Eizellenspende abhält, ist nicht dieses aufwendige Prozedere. Sondern ein primitiver, mächtiger Besitzerinstinkt. Dieser überwältigte mich vor etwa zwei Jahren, als mich eine Bekannte per Whatsapp um eine Eizelle bat. «Nur eine kleine Eizelle, Liebe», schrieb sie, die sich mit ihrem Partner sehnlich ein Kind wünschte.

Das Blut schoss mir in den Kopf, die Hände wurden feucht. «Finger weg von meinen Eizellen!» Ein einziger lauter Gedanke. Ein Huhn, das auf seinen Eiern sitzt und jeden wegjagt, der es wagt, ihm zu nahe zu kommen. Dieses Huhn, das war ich.

Was, wenn eine kleine Kopie von mir in der Welt herumläuft?

Seither weiss ich: Für kein Geld der Welt würde ich meine Eizellen hergeben. Auch wenn es sich nur um ein kleines Zellhäufchen handelt: Darin stecken meine Gene. Die rotblonden Haare meiner Grossmutter, die dunklen Augen meiner Mutter, die Kreativität meines Vaters. Ich weiss, dass ich bei einer Eizellenspende keinem Kind mehr in die Augen blicken könnte, ohne mich zu fragen, ob es denn meines sein könnte. Der Gedanke daran, dass irgendwo auf der Welt eine kleine Kopie von mir herumlaufen würde, bereitet mir Gänsehaut.

Aufgrund dieser persönlichen Erfahrung wundert es mich umso mehr, warum andere Frauen ihre Eizellen spenden. Sind das Frauen, die in einer finanziell ausweglosen Situation sind? Oder gibt es tatsächlich so altruistische Frauen, die einfach Paaren, die keine Kinder bekommen können, einen Traum erfüllen wollen?


Serie: Was für einen Wert hat mein Körper?

Teil 1: Ein Konfibrot für mein Blut
Teil 2: Wie viel zahlst du für mein langes Haar?
Teil 3: 1000 Euro für eine Eizellenspende in Spanien
Teil 4: Das illegale Geschäft dubioser Nierenhändler
Teil 5: «Für eine Stunde Sex gibt es 162 Franken»


Ich frage Susana aus Barcelona. Die Influencerin mit 147’000 Followern hat schon mehrmals ihre Eizellen gespendet und auf ihrem Youtube-Kanal darüber berichtet. Dort wird die 29-Jährige mit Komplimenten überhäuft. «Dank Menschen wie dir können auch homosexuelle Paare Kinder haben. Danke!», schreibt ein User. Eine andere Userin dankt ihr im Namen aller Frauen, die aufgrund einer schweren Krankheit unfruchtbar geworden sind.

«Diese Kinder sind nicht meine Kinder»


Susana (29) hat schon viermal ihre Eizellen gespendet und damit fast 4000 Euro verdient.

Susana, warum spendest du Eizellen?
Zu Beginn war es des Geldes wegen. Ich war jung und habe mir nicht viele Gedanken darüber gemacht. Aber als ich im Spital die verzweifelten Paare sah, die sich nichts sehnlicher wünschten als ein Kind, hat mich das berührt. Das Wissen, ihren Herzenswunsch erfüllen zu können, gab mir ein supergutes Gefühl. Ich bin stolz darauf.

Wie viel Geld hast du denn für Ihre Eizellen erhalten?
Dreimal 900 und einmal 1100 Euro.

Fandest du das genug?
Nein, aber es geht hier auch nicht um eine kommerzielle Entlöhnung für die Eizellen. Sondern um eine Entschädigung für die Spenderin, die Risiken eingeht und für die Behandlung Zeit aufbringt. Immerhin musste ich vor der Eizellentnahme während zwei Wochen fast täglich ins Spital.

Die Hormontherapie kann Nebenwirkungen auslösen. Wie erging es dir?
Ich habe inzwischen schon viermal Eizellen gespendet, und noch nie hatte ich in der Vorbereitungsphase mit Nebenwirkungen zu kämpfen.

Wirst du auch in Zukunft weiter spenden?
Das würde ich gerne. Aber ich muss wegen einer Autoimmunkrankheit viele Medikamente schlucken, weshalb ich im Moment als Spenderin nicht in Frage komme.

Ging dir nie der Gedanke durch den Kopf: Ich gebe da gerade eine Eizelle weg, aus der mein künftiges Kind entstehen könnte?
Nein. Erstens ist eine Eizelle kein Kind. Das Kind entwickelt sich erst in der Frau, die es in sich trägt, ernährt und es schliesslich zur Welt bringt. Diese Frau ist auch die Mutter. Zweitens ist eine Eizellenspende wie eine Blutspende: Nur weil mein Blut in den Adern anderer Menschen fliesst, bin ich doch noch lange nicht mit dieser Person verwandt, oder?

Hast du dich schon mal gefragt, wie viele Kinder mit deinem Erbgut geboren wurden?
Nein, nie. Wie gesagt, ich betrachte diese Kinder nicht als meine Kinder und sehe mich auch in keiner Weise als Mutter. Die Mutter ist die Frau, die das Kind austrägt.

Eizellenspenderinnen bleiben in Spanien im Gegensatz zu anderen Ländern anonym. Kinder, die aus diesen Eizellen entstehen, erfahren also nie, wer ihre genetische Mutter ist. Findest du das richtig?
Natürlich. Ich habe bloss Eizellen gespendet, die eine unfruchtbare Frau benötigte. Sie ist die richtige Mutter des Kindes. Nicht ich.

Auch Lucia, die anonym bleiben möchte, hat ihre Eizellen gespendet – und es im Gegensatz zu Susanna bereut. So wie viele junge spanischen Frauen hat auch sie vor eineinhalb Jahren ihre Eizellen zur Verfügung gestellt, um ihr Budget aufzubessern. «Ich war knapp bei Kasse. Meine Eizellen zu verkaufen, schien mir eine einfache Möglichkeit, schnell an Geld zu kommen.» Rückblickend hat Lucia das Gefühl, dass sie ihren Körper für Geld ausgebeutet hat. Als Feministin kritisiere sie das Geschäft mit den Eizellen. «Die Ärzte interessierten sich nicht dafür, dass ich während der Behandlung Schmerzen hatte. Das Einzige, was sie interessierte, waren meine Eizellen.»

Eizellenspende in Europa: Anonym oder nicht?

Die Eizellspende ist in Europa gesetzlich unterschiedlich geregelt. In den meisten anderen europäischen Ländern gibt es dazu keine gesetzlichen Regelungen.
Verboten: Schweiz, Deutschland, Italien, Litauen, Norwegen und die Türkei.
Erlaubt: Frankreich, Vereinigtes Königreich, Spanien, Niederlande, Belgien, Tschechische Republik, Slowakei, Polen, Ukraine, Österreich

Rund 40 Prozent der Fruchtbarkeitsbehandlungen mit gespendeten Eizellen in Europa werden in Spanien durchgeführt. Hier bleiben die Spenderinnen anonym. Die Kinder erfahren nichts über ihre genetische Abstammung. Anders ist das in Grossbritannien, Österreich oder Portugal. Grund dafür ist der Artikel 8 der Europäischen Menschenrechtskonvention und UN-Kinderrechtskonvention. Dieser besagt, dass jedes Kind das Menschenrecht auf Kenntnis seiner Abstammung hat. Dieses Recht ist gewichtiger als die Interessen der Eltern.

Jährlich reisen zwischen 250 und 500 Schweizerinnen ins Ausland, um sich fremde Eizellen einpflanzen zu lassen. Biologische Mutter der daraus entstandenen Kinder ist die Eizellenspenderin. Als leibliche Mutter gilt in den meisten Ländern jedoch die Frau, die das Kind geboren hat.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • frau am 20.08.2019 20:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ei

    finde das es keine spende mehr ist sondern ein geschäft ,wenn man dafür geld kriegt...

    einklappen einklappen
  • Anonym am 20.08.2019 20:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Glück PUR!!!

    Dank einer dieser Spenderinnen halten wir heute das schönste und unglaublichsten Geschenk in Händen!!! Danke liebe anonyme Spenderin!!! Du hast unser Leben und Glück perfekt gemacht!!!

  • Tabu-Themen am 20.08.2019 19:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Jedem sein Ding

    Solange die Gesellschaft unter einem erfüllten Leben "Familie mit Kind" versteht... Finde auch, Leihmutterschaft sollte legal sein. Und man sollte selbstbestimmt aus dem Leben scheiden dürfen ohne gesetzliche Hürden. Tieren gönnen wir den Gnadentod, aber der eigenen Spezies nicht.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • carlotta am 21.08.2019 21:10 Report Diesen Beitrag melden

    gentest?

    warum in der schweiz verboten? dann reist frau nach spanien. dort können sich auch single-frauen einen fremden embryo einpflanzen lassen. wenn sie nach der geburt das kind registrieren lässt, wird wohl kaum ein gentest gemacht...

  • Ueli am 21.08.2019 15:50 Report Diesen Beitrag melden

    Wenn mans aus solidarität

    Macht, frage ich mich wieso man dafür in ein land reist wo es geld dafür gibt und es nicht gratis an ort und stelle spendet

  • Speermann am 21.08.2019 13:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Eieieiikomerz

    Danke für die Verteilung deiner Autoimmunkrankheit mit deinen Eizellen. Dachte dir Susane gings ums Helfen, da hast du aber einem weissen Huhn ein Drachenei das Feuer speit gespendet und die unmoralischen Ärzte verdienen noch mehr als nur das einfache des Eieieiikomerzes. Könnte eine hohe Hormonzufuhr nicht auch Krebs wachsen lassen, würde mich von eine ehrliche Fachperson interessieren.

  • Anonym2 am 21.08.2019 13:27 Report Diesen Beitrag melden

    Anonym2

    Das kann ich nur bestätigen. Dank einer dieser Spenderinnen halte ich heute meine zwei Wunder an der Hand. Ohne dieses "kleine Puzzleteil" wären wir heute keine Eltern. Vielen lieben Dank an alle Spenderinnen

  • Kurt N. am 21.08.2019 13:17 Report Diesen Beitrag melden

    Gleichberechtigung

    Hoffe, dass die Kinder, die daraus entstehen, später auch das Recht haben, die Spenderin später kennenzulernen. Oder ist das nur bei Samenspender so?