Neat-Pionier Adolf Ogi

17. Mai 2016 16:21; Akt: 17.05.2016 16:21 Print

«Ich hatte Albträume vom Bohrkopf, der stillsteht»

von J. Büchi - Mit einem waghalsigen Helikopterflug überzeugte er die letzten Zweifler von der Notwendigkeit der Neat: Alt-Bundesrat Adolf Ogi im Interview.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Herr Ogi, in gut zwei Wochen fahren erstmals Passagiere durch den Gotthard-Basistunnel. Sie sind der Vater dieses Jahrhundertwerks – was bedeutet Ihnen die Eröffnung?
Ich spüre eine grosse Genugtuung. Es war ein weiter und schwieriger Weg. Als ich das Projekt 1988 angepackt habe, übernahm ich von meinen Vorgängern ein ganzes olympisches Schwimmbecken voller Studien und Pläne. Der Bundesrat fühlte, dass die Zeit reif war, um das Grossprojekt endlich auf den Weg zu bringen. Allerdings wussten wir damals noch nicht, wie viele Hürden zu überwinden sein würden. Nun, endlich, können wir sagen: Wir haben es geschafft!

Sie hatten Tränen in den Augen, als die Bohrmaschine «Sissi» 2010 die letzten Meter Fels für den Tunnel durchbrach. Was ging Ihnen in diesem Moment durch den Kopf?
Es fiel eine unglaubliche Last von mir. Davor konnte ich oft nicht einschlafen. Und wenn, dann hatte ich Albträume vom Bohrkopf, der stillstand und nicht mehr weiterkam. Manche Geologen sagten, es sei wohl praktisch nicht möglich, den Tunnel zu durchstossen – an gewissen Stellen sei das Gestein weich wie Zucker. Als das Werk dann vollbracht war, trieben mir die Freude, die Dankbarkeit und der Respekt die Tränen in die Augen.

Träumen Sie heute noch manchmal von Gotthard?
Ja, aber jetzt sind es schöne Träume.

Was wird der Neat-Tunnel der Schweiz bringen?
Die Neat ist das grösste Umweltschutzprojekt in ganz Europa, ein solidarischer Akt für den Schutz der Alpen. Sie wird es erlauben, noch mehr Güterverkehr von der Strasse auf die Schiene zu verlagern. Und sie wird uns in ganz Europa grossen Respekt für unsere Leistungen in den Bereichen Bau, Technik und Finanzmanagement einbringen. Das verbessert unsere Verhandlungsposition in sämtlichen Dossiers.

Sie glauben also, dass der Gotthard-Tunnel uns auch bei den Verhandlungen mit der EU über die Zuwanderung von Nutzen sein könnte?
Ja, der Tunnel hilft uns, auf Augenhöhe zu verhandeln. Die Schweiz hat ein ungeheures Werk vollbracht – ohne jegliche Verzögerung. Sie hat ihre Verpflichtungen gegenüber Europa erfüllt, während Deutschland und Italien mit den versprochenen Neat-Zubringern noch hinterherhinken. Die Number Ones der wichtigen Nachbarstaaten werden an der Tunnel-Eröffnung dabei sein. Dann müssen Frau Merkel und die Herren Hollande und Renzi sagen: «Chapeau, Schweizer! Auf euch kann man sich verlassen.»

Mit Ihrer Vision stiessen Sie im In- und Ausland auf viel Widerstand. Dachten Sie jemals daran, das Projekt einfach zu beerdigen?
Ich will nicht verbergen, dass ich immer wieder Zweifel hatte. Aber ich wusste auch, dass das politische Zeitfenster für dieses Jahrhundertprojekt nicht mehr lange offen sein würde. Ich durfte deshalb keine Schwäche zeigen. Ich musste Finanzminister Otto Stich im Bundesrat die Stirn bieten und mit den europäischen Verkehrsministern ringen. Ich tourte an jedem einzelnen Abend durch die Schweiz, um die Bevölkerung mit meiner ganzen Kraft zu überzeugen. Dass an der Urne schliesslich 64 Prozent Ja sagten, hat dem Projekt die Kraft gegeben zu überleben. Die segenreiche Wirkung der direkten Demokratie! Niemand konnte den Pioniergeist mehr abtöten.

Gibt es einen Moment während der Verhandlungen, an den Sie sich besonders gut erinnern?
Die europäischen Verkehrsminister wollten lieber einen Lastwagen-Korridor als einen Eisenbahntunnel. Als ich gemerkt habe, dass ich im Ausland sozusagen an eine Wand rede, lud ich sie zum Chileli von Wassen ein. Die «Also chum und lueg Taktik» sollte sie davon überzeugen, dass wir in der Schweiz keinen Platz für 40-Tonnen-Lastwagen haben. Der belgische Verkehrsminister, Jean-Luc Dehaene, sagte mir: «Du willst einfach nicht.» Da stieg ich mit ihm in den Helikopter, wies den Piloten an, ganz nahe an die Eigernordwand zu fliegen und im richtigen Moment etwas am Steuer zu rütteln. Ich sagte ihm: «Hier kann man wirklich keine Autobahn bauen.» Er sprang mir vor Angst fast auf die Knie. Das war vielleicht nicht besonders diplomatisch und intellektuell – aber von da an war er der beste Botschafter für das Projekt.

An seine Stelle sind neue Kritiker getreten. Viele bezweifeln etwa, dass sich die Investition jemals auszahlen wird. Schliesslich kostete der Tunnel statt der ursprünglich anberaumten 16 Milliarden am Ende rund 24 Milliarden.
Ich bin überzeugt, dass der Gotthard-Basistunnel in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts gewinnbringend betrieben werden kann. Die Kritiker muss man ernst nehmen. Aber man muss auch sehen, dass Verkehrspolitik nie nur eine Frage von Franken und Rappen ist. Wir lösen damit eine neue Verkehrsphilosophie aus: Wir verhindern, dass die Alpen kaputtgemacht werden. Das Projekt hat damit auch eine gesellschaftspolitische Dimension.

Im Februar hat das Stimmvolk einen zweiten Gotthard-Strassentunnel befürwortet. Kritiker bezweifeln, dass die Verlagerung des Güterverkehrs von der Strasse auf die Schiene so überhaupt noch gelingen kann.
Mit der Eröffnung des Basistunnels ist die Arbeit natürlich nicht getan. Das Rollmaterial muss modernisiert werden, alle Zubringer müssen fertiggestellt werden, damit sich das Verladen des Güterverkehrs wirtschaftlich lohnt. Auch Anreizsysteme wie die Leistungsabhängige Schwerverkehrsabgabe können viel bewirken.

Umweltthemen haben ja nicht mehr gerade Hochkonjunktur. Glauben Sie, dass ein Mega-Projekt wie die Neat heute noch eine Chance hätte beim Stimmvolk?
Nein. Wie ich am Anfang sagte: Es gibt für alles ein politisches Zeitfenster. Und dieses hier ist definitiv zu. Nicht nur wegen des Umweltbewusstseins, sondern auch wegen der angespannten Wirtschaftslage, der verhärteten Fronten in der EU und vielen anderen Faktoren. Wir mussten den Zug Anfang der 90er-Jahre nehmen, sonst wäre er abgefahren.

Sehen Sie im Moment in einem anderen Politbereich ein solches Zeitfenster, das die heutige Regierung zu verpassen droht?
Ich beantworte Ihre Frage mit einem Wort: Ja. Mehr sage ich dazu nicht. Ich will den Bundesrat nicht kritisieren.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Lötsch Berg am 17.05.2016 16:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ogi halt :-)

    Ja der Ogi. Ich war nie SVP freundlich. Aber der Ogi war schon recht! Und er hat Charisma. Nur Ogi konnte das Neat-Projekt auf den Weg bringen. Freude habe ich Herr Ogi! Danke

    einklappen einklappen
  • Sandro am 17.05.2016 16:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ja

    Ogi war der Beste im Bundesrat.

    einklappen einklappen
  • Geissenpeter am 17.05.2016 16:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bei Verhandlung mit EU von Vorteil?

    Als ob die Bundesräte so schlau wären unsere Trümpfe bei Verhandlungen auszuspielen. Die werden das Bauwerk an die EU verscherbeln und nichts dabei herausholen. Nichts neues.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Tömu74 am 18.05.2016 11:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Jä nu

    Und jetzt haben wir Albträume wegen der Eröffnungsfeier. Das Ei kleines Fest statt findet und es schön eingeweiht wird ist ja ok. Aber das geplante ist ja völliger Stumpfsinn und kostet viel zu viel.

  • Adriano am 18.05.2016 09:46 Report Diesen Beitrag melden

    Loch: CHF 24 x 1000 Millionen

    Für die Idee NEAT, 24 x 1000 Millionen CHF investiert. Da die EU keine Verladestationen baut , bleibt nur ein Loch im Fels und ein Spruch:"Freude herrscht"!

  • Werner am 18.05.2016 08:27 Report Diesen Beitrag melden

    Geld verdienen

    Mit was verdient Moritz Leuenberger jetzt sein Geld? Ach ja, er sitzt im Verwaltungsrat einer Baufirma. Die Genossen wissen halt schon, wie man am einfachsten zu Geld kommt. Arbeiten können dan andere.

    • Ch.U.R. am 18.05.2016 08:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Werner

      Nach dem grossen bimbam ist Moritz Leuenberger ganz leise abgetreten. Seine Leistung bei der Implenia war dann wohl doch nicht so der Bringer.

    einklappen einklappen
  • Joachim Gerner am 18.05.2016 08:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht den LKW-Verkehr schelten!

    Neat funktioniert u.a. deshalb nicht, weil in D und in I keine Anschlussterminals gebaut werden! Deshalb kann auch der Güterverkehr, resp. ein Teil desselben, nicht auf die Transitschiene verlegt werden. Ideal wäre dies natürlich schon, da die Strassen sehr stark vom LKW-Verkehr entlastet würden! Und dieser wiederum entsteht, weil die Wirtschaft Güter benötigt, um das zu produzieren, was wir dann anschliessend konsumieren...!

    • KailuaBoyz am 18.05.2016 10:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Joachim Gerner

      Dann wäre es wohl sinnvoll gewesen erst vertraglich alles unter Dach und Fachb zu bringen und erst dann Milliarden zu verschwenden.

    einklappen einklappen
  • Widder am 18.05.2016 06:50 Report Diesen Beitrag melden

    Pensionär

    Habe gemeint,dieser Selbst-Darsteller Ogi sei pensioniert.Aber an jeder Hundsverlochete muss er seinen Senf dazugeben!!

    • KailuaBoyz am 18.05.2016 10:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Widder

      Er hat wohl das Gefühl, dass es nach wie vor nicht ohne ihn geht...

    einklappen einklappen