Sozialhilfebezüger

20. August 2019 13:01; Akt: 21.08.2019 09:39 Print

«Ich kann nichts für meine Arbeitslosigkeit»

Die zuständige Nationalratskommission möchte, dass die Öffentlichkeit einsehen kann, ob jemand Sozialhilfe bezieht. Die Meinungen der Betroffenen gehen auseinander.

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Wenn es nach der staatspolitischen Kommission des Nationalrats geht, könnten bald alle Namen von Sozialhilfebezügern öffentlich einsehbar werden. Im Rahmen der Revision des Datenschutzgesetzes hat sie Sozialhilfemassnahmen von der Liste besonders schützenswerter Daten gestrichen. So könne es im Interesse von Vertragspartnern, Anbietern oder auch der Öffentlichkeit sein, zu wissen, ob eine bestimmte Person Sozialhilfegelder bezieht. Die Meinungen der Betroffenen sind gespalten.

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Sollen die Sozialhilfebezüger öffentlich gemacht werden?

Durch Unfall in Sozialhilfe geraten

«Mir wäre es egal, ob man die Namen öffentlich macht», sagt M.S.* Die 23-Jährige geht offen mit ihrem Sozialhilfebezug um. Kurz nach der Lehre als Detailhandelsfachfrau sei sie aus Tollpatschigkeit unglücklich gestürzt und habe sich dabei das Handgelenk gebrochen. Der Heilungsprozess dauerte allerdings länger als gedacht: «Der Unfall machte mich mehr als ein halbes Jahr arbeitsunfähig», sagt S.

Für die frisch Ausgelernte folgte auf ihre Genesung die Arbeitslosigkeit. Seit rund anderthalb Jahren versuche sie nun, wieder ins Berufsleben zurückzufinden. «Ich mache Programme vom Sozialamt und verschicke regelmässig Bewerbungen. Leider hatte ich bisher kein Glück», erzählt die 23-Jährige. Sie wisse, dass sich viele wegen des Zustupfs vom Sozialamt schämten oder ihn gar verschweigen würden. Nicht so S.: «Ich stehe dazu. Schliesslich kann ich nichts dafür, und ich arbeite hart daran, etwas an meiner Situation zu ändern.»

«Man stellt uns an den Pranger»

Anders sieht es Leserin E. H.* Sie ist ebenfalls Sozialhilfebezügerin und versucht, ihre Situation geheim zu halten: «In meinem Umfeld weiss es fast niemand. Das soll auch so bleiben.» H. fühlt sich schuldig und lebt ungern vom staatlichen Zuschuss. Laut ihr ist das Öffentlichmachen der Sozialhilfeempfänger menschenunwürdig. «Man stellt uns an den Pranger und das alles nur wegen ein paar Schmarotzern. Das macht mich traurig», sagt H.

Sie glaubt, dass sie danach keinen Job mehr findet und durch den Bezug beim potentiellen Arbeitgeber zur Schau gestellt wird. Zudem gibt sie zu bedenken, dass jeder Mensch schnell in eine solche Notlage geraten kann: «So etwas kann von heute auf morgen passieren», sagt die Sozialhilfeempfängerin.

*Namen der Redaktion bekannt

(juu)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Hitsch am 20.08.2019 06:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Outen

    Ok, und gleichzeitig auch die Steuerhinterzieher.

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  • Why not? am 20.08.2019 06:00 Report Diesen Beitrag melden

    Vielleicht gar keine schlechte Idee

    Aber nicht um die Betroffenen anzuprangern, sondern um aufzuzeigen, wie mehr als bedenklich die wirtschaftliche Situation hierzulande mittlerweile für viele Bewohner geworden ist. Es gibt wirklich nichts mehr schönzureden.

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  • Tim Buktu am 20.08.2019 14:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Inkonsequent und scheinheilig

    Transparenz?! Wenn schon dann aber auch am richtigen Ort. Zum Beispiel über die Steuerdaten, die Steuerhinterzieher, die Finanzierung von Parteien oder die Interessenkollisionen bzw. die Mandate und Bezüge von Politikern. Ach ja, und wenn wir schon dabei sind über Falschparker, Schnellfahrer, Velofahrer auf Trottoirs, Hunde- und Katzenbesitzer, Fleischesser, Smartphoneverweigerer...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Froschkönig am 21.08.2019 14:14 Report Diesen Beitrag melden

    Jeder Nachwuchs kann eine Klage

    Jeder Nachwuchs kann eine Klage wegen der Verletzung der Persönlichkeitsrechte einreichen und die Eltern vor Gericht bringen.

  • Bärenfreund am 21.08.2019 12:22 Report Diesen Beitrag melden

    Es wird immer schlimmer in der kleinen Schweiz

    Es wird immer schlimmer in der kleinen Schweiz. Das ist erst der Anfang, das Ende ist noch nicht in Sicht

  • Fragender am 21.08.2019 11:54 Report Diesen Beitrag melden

    Weiss einer

    ob die K.K Verbilligungen und Ergänzungleistungen zur ahv auch darunter fallen. Wenn ja, das wird ja dann spaßig. Vor allem in keinen Gemeinden.

  • Heinz von Allmen am 21.08.2019 11:14 Report Diesen Beitrag melden

    Wo für Schämen?

    Wenn man zu der Sozialhilfe steht, Arbeitslos kann jeder werden, so hat man eine Chance mehr, dass man durch Mundpropagande einen job erwischt wesentlich grösser als sich schämen. Die meisten können nichts dafür dass Sie den Job verloren haben. Habe es selber erlebt, Ehrlichkeit währt am längsten.

  • J.P. am 21.08.2019 10:47 Report Diesen Beitrag melden

    Unnötige Sache

    ich finde, das ist eine Blossstellung einer Person. Es ist richtig, wenn es die richtigen Personen wissen und das reicht. Gibt aber auch Personen, die möchten das nur aus reinem Gwunder wissen und tratschen dann über solche Menschen. Ist völlig unnötig, dass dies jeder weiss finde ich.