Wegen Rekord-Ernten

19. Juli 2018 05:51; Akt: 19.07.2018 07:50 Print

«Ich musste 10 Tonnen Zucchetti wegwerfen»

von P. Michel - Für Gemüseproduzenten herrscht perfektes Wetter. Doch durch Überschüsse geraten die Preise unter Druck: Für einige Bauern lohnt sich die Ernte nicht mehr.

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Das Wetter sorgt dieses Jahr für üppige Ernten bei Gemüseproduzenten. Da bei Gemüse wie Rüebli, Sellerie oder Kabis noch grosse Lagerbestände aus dem Vorjahr bestehen, steigt nun der Druck auf die Preise. Das Überangebot bringt die Gemüsebauern in Bedrängnis: Laut «Schweizer Bauer» lohnt es sich für einige Bauern nicht mehr, zu diesen tiefen Preisen ihre Ware zu verkaufen. Gemüsegärtner Hans Blaser aus Ruswil LU sagt zu 20 Minuten, dass er kürzlich zehn Tonnen Zucchetti unterpflügen musste. «Die Erntemengen waren deutlich grösser als die möglichen Verkäufe.» Das schmerze ihn schon, aber als Betriebsleiter müsse er das aushalten, sagt Blaser. Laut der Zeitung «Schweizer Bauer» landet überschüssiges Gemüse teils auch in Biogas-Anlagen. Bereits Ende Juni sorgte ein Fall, bei dem 30 Tonnen noch essbare Tomaten vom Verein Grassroots vor der Bio-Anlage gerettet wurden, für Schlagzeilen. Dass es dazu kommt, liegt am Gemüsemarkt: Oft definieren die Produzenten mit den Händlern eine Abnahmemenge. Fällt die Ernte jedoch grösser aus, fallen die Preise und es finden sich kaum mehr Abnehmer. «Mit den perfekten Bedingungen in diesem Sommer ist der Preis dementsprechend tiefer», sagt Matthias Zurflüh von der Händlerorganisation Swisscofel. Auf die Kritik, dieses System führe zu Überproduktion und Food-Waste, entgegnet Zurflüh: «Wer einfach auf gut Glück produziert, ohne im Voraus einen Abnehmer anzubinden, darf nicht jammern.» Franzsiska Güder vom «Gmüesgarte» in Bern rät Bauern, ihr Gemüse nicht zu vernichten, sondern selbst solche Aktionen durchzuführen. Sie verweist auf das Projekt Erntenetzwerk, das mit freiwilligen Helfern die Ernte und die Ware übernimmt.

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Die optimalen Wetterbedingungen sorgen dafür, dass Schweizer Gemüse derzeit im Überfluss wächst. Besonders bei Rüebli, Sellerie oder Kabis, von denen noch grosse Lagerbestände aus dem Vorjahr bestehen, steigt der Druck auf die Preise: Laut dem Marktbericht des Bundesamts für Landwirtschaft ist beispielsweise der Preis für das Kilo Sellerie um einen Viertel tiefer als im 4-Jahres-Durchschnitt.

Das Überangebot bringt die Bauern in Bedrängnis: Laut der Zeitung «Schweizer Bauer» lohnt es sich für einige nicht mehr, zu diesen tiefen Preisen ihre Ware zu verkaufen, worauf das Gemüse in der Biogasanlage landet oder weggeworfen wird. «Wir haben deshalb auch Waren entsorgt», sagt ein Ostschweizer Produzent. Gemüsegärtner Hans Blaser aus Ruswil LU sagt zu 20 Minuten, dass er kürzlich zehn Tonnen Zucchetti unterpflügen musste: «Die Erntemengen waren deutlich grösser als die möglichen Verkäufe.» Das schmerze ihn schon, aber als Betriebsleiter müsse er das aushalten.

1,6 Tonnen Wirz geschreddert

Auch Andreas Eschbach, Gemüseproduzent in Füllinsdorf BL, musste 1,6 Tonnen Wirz schreddern und zu Erde kompostieren, weil er keinen Abnehmer mehr fand. «Das tut weh», sagt Eschbach. Doch im Verhältnis sei die weggeworfene Menge nicht so gross, wenn man den Wochenverbrauch von 55 Tonnen in der Schweiz anschaue. Zudem fahre er die Produktion jeweils zurück, wenn er viel wegwerfen müsse. Aber: «Im heutigen System muss aufgrund der Überproduktion fast jeder Gemüseanbauer Gemüse schreddern oder in die Biogasanlage geben.»

Grund dafür sei der Drang grosser Produzenten, immer weiter ihre Anbaufläche zu vergrössern und die Kosten mit neuer Technik zu drücken. Verantwortlich dafür seien auch Marktteilnehmer, die jeweils Produkte ausschreiben und den günstigsten Offerten von Zwischenhändlern den Zuschlag geben. «Jene Betriebe, die zuvor geliefert hatten, können aber aufgrund der Investitionen nicht einfach ihren Anbau einstellen, deshalb wird zu viel produziert und die Preise sinken.» Für kleinere Betriebe werde es immer schwieriger, am Markt zu bestehen. Aber: «Ich setzte auf Innovationen, um wieder vorwärtszukommen», sagt Eschbach. An den Direktzahlungen liege die Überproduktion nicht: Diese werden pro Fläche ausgerichtet, und die meisten Gemüseproduzenten erhalten keine Gelder.

Das Geschäft mit dem Gemüse kann riskant sein

Der wetterabhängige Schweizer Gemüsemarkt ist laut einem Marktkenner sehr volatil. Zudem bestehen oft nur Abnahmevereinbarungen, aber keine festgelegten Preise. Das heisst: Der Produzent hat mit dem Zwischenhändler zwar eine Abmachung, dass er eine gewisse Menge liefern kann. Der Preis ist jedoch tagesabhängig. Fällt der Ertrag grösser aus als geplant, sinken die Preise und der Produzent hat entweder keinen Abnehmer für die überschüssige Menge oder für den Preis lohnt sich in Ausnahmefällen nicht einmal die Ernte mehr.

Matthias Zurflüh der Händlerorganisation Swisscofel sagt, man definiere mit den Produzenten eine gewisse Menge, die sie auf jeden Fall liefern können. Den Preis bestimme das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage. «Mit den perfekten Bedingungen in diesem Sommer ist der Preis dementsprechend tiefer.» Auf die Kritik, dieses System führe zu Überproduktion und Food-Waste, entgegnet Zurflüh: «Wer einfach auf gut Glück produziert, ohne im Voraus einen Abnehmer anzubinden, darf nicht jammern: Das ist der freie Markt.» Auch Gemüsegärtner Hans Blaser sagt: «Es gibt auch Jahre, in denen die Preise gut sind, als Betrieb muss man eine Mischrechnung machen.» Es sei zu einfach, die Schuld den Händlern zuzuschieben.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Andy am 19.07.2018 07:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    traurig

    Statt entsorgen könnte man es einfrieren oder verschenken. Ist es nicht schöner etwas zu verschenken, statt zu entsorgen.....

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  • Candy1980 am 19.07.2018 07:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ich versteh das nicht!

    man könnte auch was spenden! gassenküchen und asylheime so wie grundsätzlich alle heime wären sicherlich froh drüber. man hätte auch ab hof verkaufen können anstatt direkt alles zu vernichten.

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  • Antoinette Schmid am 19.07.2018 07:54 Report Diesen Beitrag melden

    Wegwerfen?

    Wie wäre es mit einem günstigen Preis an die Hotels zu verkaufen....wegschmeissen, wo sind wir denn?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • nora am 24.07.2018 11:31 Report Diesen Beitrag melden

    Weltbild

    solche bilder braucht die welt - ich bin am verhungern in einem anderen land und sehe wie die schweizer unvorstellbare mengen an Lebensmittel wegwerfen. so will die restliche welt uns sehen - nur traurig - und nur damit jemand noch reicher wird.

  • Bea am 23.07.2018 05:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Otto

    Deshalb finde ich OTTO super. Die verkaufen non-perishables, also Sachen, die bald ablaufen oder Überproduktion oder warum auch immer, billiger. Warum gibt es kein OTTO für Frischware? Wär doch ein Business für Jungunternehmer?

  • Edi Schuldner am 21.07.2018 22:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Dekadenter Überfluss

    Bei uns Lebensmittel im Überfluss. In der CH geben wir kaum mehr als 10% für Lebensmittel aus. War vor 40 Jahren schon nicht besser. Schon damals fuhren wir in guten Erntejahten mit Chemie durch die Obstbaumreihen, damit die Äpfel runterfielen. Eine Ernte hätte im Vergleich mit dem Produzentenpreis noch mehr Verlust ergeben.

  • Markus Hueber am 21.07.2018 13:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gratis

    Himmeltraurig was da abgeht,statt mal sehr billig abzugeben wird es einfach entsorg. Da sieht man wie gewisse Bauern denken. Geizhälse seit ihr.

    • Doris Muff am 10.08.2018 22:22 Report Diesen Beitrag melden

      Gemüseernte

      Ich finde es auch schlimm, wenn Nahrungsmittel weggeworfen werden. Aber jetzt einfach die Bauern als Geizhälse zu betiteln ist falsch. Denn wer zahlt ihnen die Erntearbeit wenn er den Ertrag verschenken soll? Das Gemüse verschenken ist ja eines, aber für die Ernte müsste er ja auch Erntehelfer anstellen und entsprechend entlöhnen. Da wäre der Ball doch eigentlich beim Staat oder bei den entsprechenden Institutionen, die dem Bauer mindestens die Arbeitskosten bezahlen könnten und im Gegenzug dafür das Gemüse gratis erhalten. So wäre es eine Win-Win-Situation.

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  • magoA am 20.07.2018 22:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    tut schon weh habe kein geld

    hab heute auf tvo gesehen wie die das gemüse wegschütten ! das tut schon weh , wenn ich bedenke , dass ich kein geld habe und dankbar für ein paar zuccinis wäre