Alex Sträuli (19)

08. August 2019 19:50; Akt: 10.08.2019 11:02 Print

«Mein Papi wachte nach Operation nie mehr auf»

von Zora Schaad - Als sein Vater in Ghana starb, war Alex plötzlich allein. In einem Zürcher Boxclub fand er ein Zuhause – und einen Trainer, der ihn zum Weltmeister machen will.

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Alex Sträuli (19) möchte Box-Weltmeister werden. Seine Chancen dafür stehen gar nicht mal so schlecht, meint sein Trainer. Dafür arbeitet der Sohn einer Ghanaerin und eines Schweizers hart. So oft er kann, nimmt er den weiten Weg in den Bloxclub auf sich, um zu trainieren. 2017 erreichte er den dritten Platz bei den Schweizer Meisterschaften. Der Erfolg wurde dem 19-Jährigen nicht in die Wiege gelegt. Nach der Trennung seiner Eltern und dem überraschenden Tod seiners Vaters in Ghana kam Alex vor ein paar Jahren allein zu seiner Schwester in die Schweiz. Ohne ein Wort Deutsch und ohne Freunde fühlte sich Alex einsam. Im Box-Center Glattbrugg fand er Anschluss, Unterstützung – und eine neue Heimat. Der Club sei wie eine Familie, meint Alex. «Meinen Trainer nenne ich Papi.» Auch Frauen boxen im Club. Zum Beispiel Joana Carvalho (24) aus Portugal. «Vor zwei Jahren bin ich aus Portugal in die Schweiz gekommen. Ich bin Goldschmiedin, aber hier kellnere ich und lerne nebenher Deutsch. Im Boxclub habe ich Freunde gefunden. Das hilft mir, mich in der Schweiz schnell zu integrieren.» Der «Mini Champ» Nikoll Collaku lebt für das Boxen. Und auch Joana steht bedingslos hinter ihrem Sport. «Meine Eltern finden Boxen für Frauen zu aggressiv. Aber beim Boxen geht es stark um die Technik.» Der 12-jährige Nikoll Collaku boxt seit drei Jahren und ist Schweizer Meister in der Kategorie Papiergewicht. «Boxen ist mein Leben, ohne Boxen könnte ich nicht mehr sein. Der Sport hilft mir, mit dem Stress in der Schule klarzukommen.» Collins Ojal, 34 Jahre, ist Schweizer Meister bei den Amateuren und steht nun am Anfang seiner Profi-Karriere. Für die Jungen im Club ist er ein Idol. «Ich komme aus Kenia. Egal, woher du kommst, hier im Boxclub sind alle gleich. Sogar ich bin gleich.» [lacht] Sechsmal in der Woche kommt Collins Ojal zum Training. Der Familienvater nimmt sich Zeit, seine jugendlichen Mitboxer zu motivieren. «Ich sage ihnen, dass sie nicht aufgeben sollen, auch wenn Aufgaben mühsam sind. Boxen ist für sie eine gute Beschäftigung, sonst hängen sie herum und kiffen. Im Boxclub sprechen wir auch über andere Dinge, über Schwierigkeiten in der Schule oder in der Familie zum Beispiel.» «Vor neun Jahren bin ich als Teenager alleine aus meiner Heimat Afghanistan geflohen. Boxen hilft mir, die Bilder vom Krieg und von meiner Flucht zu vergessen.» Said Hashemi, 25 Jahre, arbeitet als Chauffeur für eine Transportfirma. «Es tut mir gut, mich nach der Arbeit am Abend noch ein bisschen zu bewegen.» Seit einem halben Jahr boxt Said Hashemi in Glattbrugg. Rajko Bojanic, 52 Jahre, ist Gründer und Präsident des Boxclubs. Er sagt: «Ich habe schon als Kind in Bosnien geboxt. In meinem Club trainieren Frauen, Männer und Kinder aus der ganzen Welt. Viele haben Armut, Krieg und Flucht erlebt. Mir ist es wichtig, allen eine Chance zu geben.» «Ich habe als normales Clubmitglied begonnen, heute bin ich Vizepräsident und Assistenztrainer von Rajko. Dieser Club in einem Industriegebäude in Glattbrugg scheint unscheinbar, aber in seinem Inneren erleben wir kleine Wunder», sagt der 33-jährige Timur Topcu (links im Bild). «Familienbild» des Box Centers Glattbrug, von links nach rechts: Rajko Bojani, Collins Ojal, Joana Carvalho, Alex Sträuli, Nikoll Collaku, Timur Topcu.

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«Ich möchte professionell boxen und Weltmeister werden.» Alex Sträuli, 19 Jahre alt, meint es ernst. Konzentriert fixiert er sein Gegenüber, zieht seine Handschuhe an, steigt in den Ring. Schweissgeruch erfüllt den Raum, der mit Matten ausgelegt und mit Neonröhren beleuchtet ist. In der Mitte des Lokals trainieren ein paar Jugendliche die Grundschläge: rechte Gerade, linker Haken, Aufwärtshaken, Jab. Neben den Duschen ist die Kraftecke. Ein paar Frauen und Männer stählen ihre Muskeln.

«Alex ist sehr beweglich, hat viel Kraft und lernt schnell. So etwas habe ich noch nie gesehen.»

Ist Alex’ Ziel ein unrealistischer Traum, ein Luftschloss? «Nein», sagt sein Trainer Rajko Bojanic. «Alex ist sehr beweglich, hat viel Kraft und lernt schnell. So etwas habe ich noch nie gesehen. Schon als Jugendlicher kämpfte er gegen Erwachsene. Ich habe Grosses vor mit ihm.»

«Papa ist nach der OP nie mehr aufgewacht»

Dabei lief in Alex’ Leben nicht immer alles rund. Der Sohn einer Ghanaerin und eines Schweizers wuchs in Ghana auf der Ananasplantage seines Vaters auf. Die Mutter lebte mit einem anderen Mann in der Hauptstadt Accra, Alex sah sie selten. Ein Angestellter kümmerte sich um den Jungen. «Als ich 14 war, holte mich mein Vater eines Tages von der Schule ab. Plötzlich hielt er am Strassenrand und sagte, er müsse mir etwas mitteilen. Er habe kranke Lungen und müsse für eine Operation nach Südafrika. Ich musste plötzlich stark weinen. Ich fragte meinen Papa: ‹Kommst du zurück?› Er sagte: ‹Natürlich komme ich zurück.› Doch er ist nie mehr von seiner Operation aufgewacht.»

Weil nach dem Tod des Vaters niemand mehr auf den Jungen schauen konnte – «Mein Betreuer erhielt ja keinen Lohn mehr» –, holte ihn seine ältere Halbschwester zu sich und ihrer Familie in die Schweiz, in ein kleines Dorf im Zürcher Unterland. «Damit hat sie mich gerettet.»

Neue Heimat Boxclub

Doch trotz Familienanschluss: Ohne ein Wort Deutsch und ohne seine Freunde fühlte sich Alex verloren. Im Box-Center Glattbrugg dagegen wurde er herzlich aufgenommen. «Vom ersten Moment an war ich willkommen.» Hier habe er Freunde gefunden, hier bekomme er Unterstützung. «Rajko, meinen Trainer, nenne ich manchmal Papi. Wir sind wie eine Familie.»

«In meinem Club trainieren Menschen aus der ganzen Welt. Viele haben Krieg und Flucht erlebt. Ich möchte allen eine Chance geben.»

Alex ist nicht der Einzige, der im Box-Center ein neues Zuhause gefunden hat. Clubpräsident Rajko Bojanic achtet darauf, dass sich bei ihm alle wohlfühlen und auch diejenigen einen Zufluchtsort finden, die aufgrund ihrer Herkunft, Sprachkenntnisse oder finanziellen Möglichkeiten etwas Integrationshilfe besonders nötig haben. «In meinem Club trainieren Frauen, Männer und Kinder aus der ganzen Welt. Viele haben Armut, Krieg und Flucht erlebt. Mir ist es wichtig, allen eine Chance zu geben.»

Boxen statt kiffen und herumhängen

Collins Ojal, Profi-Boxer aus der Kategorie Schwergewicht, nutzt seine Vorbildrolle, um die Jugendlichen zu motivieren: «Im Boxclub spreche ich mit ihnen auch über andere Dinge, über Schwierigkeiten in der Schule oder in der Familie zum Beispiel. Ich sage ihnen, dass sie nicht aufgeben sollen, auch wenn Aufgaben mühsam sind. Boxen ist für sie eine gute Beschäftigung, sonst hängen sie herum und kiffen.»

«Wenn ich nicht hier bin, kommen dunkle Gedanken hoch.»

So oft er kann, kommt Alex in den Boxclub. Weil er trainieren will, aber auch, damit er nicht allzu viel an früher denkt. «Wenn ich nicht hier bin, kommen dunkle Gedanken hoch.» Alex ist diszipliniert, soeben hat er die Lehre als Automobilassistent erfolgreich abgeschlossen, und auch sein Deutsch wird immer besser. Doch Einsamkeit und Langeweile kennt er immer noch, auch Ablehnung hat er schon erlebt: «Ich hatte eine Freundin, aber ihre Eltern akzeptierten keinen Afrikaner an ihrer Seite.»

«Von meinem Coach möchte ich nie mehr weg»

Sportlich dagegen läuft alles wie gewünscht. In seiner Kategorie Weltergewicht (bis 69 Kilogramm) konnte der 1,78 Meter grosse Boxer schon einige Erfolge verbuchen, so auch den dritten Platz bei den Schweizer Meisterschaften 2017. «Ich rauche nicht, ich trinke nicht, ich tue alles, um meinen Traum vom professionellen Boxen zu verwirklichen. Aber egal, wie erfolgreich ich bin und welche Angebote kommen – von meinem Coach und meinem Club hier möchte ich nie mehr weg.»