Ohne Billett unterwegs

12. Januar 2019 09:09; Akt: 12.01.2019 10:17 Print

«Ich suche das Perron nach Kontrolleuren ab»

Ungefähr drei Prozent aller Fahrten mit dem ÖV erfolgen ohne Billett. Ein Schwarzfahrer erzählt von seinen Beweggründen.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Die Organisation CH-direct schätzt, dass dem öffentlichen Verkehr in der Schweiz jedes Jahr ein zweistelliger Millionenbetrag wegen Schwarzfahrern verloren geht. «Wir gehen davon aus, dass ungefähr drei Prozent aller Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln ohne Billett erfolgen», sagt Sprecher Thomas Ammann. Aufgrund der hohen Dunkelziffer sei eine genaue Schätzung jedoch schwierig.

Umfrage
Sind Sie schon mal schwarzgefahren?

Um strategisches Schwarzfahren bedeutend schwieriger zu machen, planen die Schweizer Verkehrsbetriebe ab April 2019 ein einheitliches Schwarzfahrer-Register. Die lokalen Bahnbetriebe sollen so feststellen können, ob ein Schwarzfahrer von einem anderen Verkehrsunternehmen vorbelastet ist. Ist dies der Fall, können Zuschläge dementsprechend erhöht werden. Wer das erste Mal erwischt wird, soll 100 Franken zahlen. Beim zweiten Mal 140 und beim dritten Mal 170 Franken. Notorische Wiederholungstäter sollen es so in Zukunft schwieriger haben.

«Wir wollen die ehrlichen Kunden entlasten und die Zahl der notorischen Schwarzfahrer minimieren», sagt Ammann. «Das Register wird eine Hilfe sein. Ganz verhindern lässt sich das Problem des Schwarzfahrens aber nicht.»

Strategisches Schwarzfahren

20 Minuten konnte mit dem Schwarzfahrer S. Z.* sprechen. Er ist seit Ende August 2018 praktisch immer ohne Billett in der Zürcher S-Bahn unterwegs. Weil er ab Januar ein GA zur Verfügung hat, wollte er für die Zeit bis dahin kein Abo kaufen und Geld sparen. «Am Anfang vergass ich oft, ein Ticket zu kaufen. Dann merkte ich, dass ich kaum kontrolliert werde.» Am Bahnhof schaue er immer, ob Kontrolleure in den Zug einsteigen würden. So bleibe ihm genügend Zeit, um mit dem Smartphone noch ein Ticket zu lösen. Falls dies nicht klappt, macht er technische Probleme mit der App geltend. «Wenn ich im oberen Stock in der Mitte sitze, habe ich am meisten Zeit, bis ich kontrolliert werde.»

Ein solches Verhalten ist aus Sicht von Karin Blättler, Präsidentin Pro Bahn, «zwingend zu bestrafen». Den Schaden hätten die zahlenden ÖV-Kunden zu berappen. Braucht es deshalb nicht stärkere Kontrollen? «Verstärkte Kontrollen helfen, lösen aber das Problem mit der Ausrede auf technische Probleme auch nicht.»

Probleme mit App sind keine Ausrede

Gemäss Thomas Ammann von CH-direct sind technische Probleme mit der App grundsätzlich keine Ausrede: «Nur wenn das Transportunternehmen wirklich technische Probleme feststellt und der Kunde keine andere Möglichkeit hatte, ein Ticket zu lösen, kann ein Auge zugedrückt werden.» Ansonsten muss der Kunde einen Zuschlag zahlen. Es sei leicht festzustellen, ob ein Billett vor Abfahrt des Zuges gelöst worden sei oder nicht.

Bisher wurde S. Z. zweimal ohne Ticket erwischt. Das dritte Mal würde er aber nicht mehr ungeschoren davonkommen. «Beim dritten Vorfall innerhalb von zwei Jahren wird zusätzlich von der gesetzlichen Möglichkeit einer Strafanzeige Gebrauch gemacht», sagt Caspar Frey vom Zürcher Verkehrsverbund. Ob dies wirklich im Sinne von Z. ist, bleibt mehr als fraglich. Zwar sei er während den Fahrten angespannter als normal. Ein schlechtes Gewissen plage ihn auf jeden Fall nicht: «Ich fahre ja nicht immer schwarz und ich mache dies nur vorübergehend.»

*Name der Redaktion bekannt

(eke)

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Ein Leser am 12.01.2019 09:52 Report Diesen Beitrag melden

    gemeinnützige Arbeit

    Was passiert denen die vom Sozialamt leben und nicht arbeiten wollen? Da bezahlt die Allgemeinheit wieder die Busse. Die Busse abschaffen und umwandeln in gemeinnützige Arbeiten z.b in den Zügen die Toiletten putzen.

    einklappen einklappen
  • Tschudi am 12.01.2019 09:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ojeh. das wäre mir zu stressig.

    Ich schätze das GA extrem, so kann ich überall fahren und muss mich nicht um Tickets bemühen.

    einklappen einklappen
  • Alumdria841 am 12.01.2019 09:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schranken

    Mit Bahnsteigsperren wie in Holland oder England hätten wir das Problem nicht.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • MoLo am 16.01.2019 07:27 Report Diesen Beitrag melden

    "Bireweich"

    ÖV Billette zu teuer? Das ich nicht lache......! Für Smartphone, Zigis, usw. ist komischerweise immer genug Geld da.

  • Öpper am 14.01.2019 22:55 Report Diesen Beitrag melden

    Ish gsi mit sbb

    Ja schön ich han müsse 300.- erste malund das au nur wege 1 minute zugfahre karte wär 5.20.- behindert

    • Bahnfan am 15.01.2019 11:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Öpper

      300 Franken hört sich nach Fälschung an, wenn es stimmt. Dann empfehle ich das Billett nicht selbst zu machen sondern zu kaufen. Aber selbst Schuld wenn man sich die 5.20 sparen möchte.

    einklappen einklappen
  • Regula Hiltebrand am 14.01.2019 13:28 Report Diesen Beitrag melden

    Schwarzfahrer meist Sozialbezüger

    Genau. Vermutlich sind die meisten Schwarzfahrer Sozialhilfebezüger oder solche, die gar nicht arbeiten möchten. Diesen ist dies doch gleich, da zahlt sowie so das Sozialamt, besser gesagt der Steuerzahler.

    • Sozi am 15.01.2019 17:00 Report Diesen Beitrag melden

      Ewig diese Stigmatisierung

      Klar immer die Sozis. Warum ein Mensch Soz bezieht interessiert die sogenannte Erstklassgesellschaft nicht. Übrigens bin ich auch sozi aber ich arbeite. Und nein der Soz zahlt Bussen nicht. Und ich habe eine Monatskarte die zahle ich vom Grundbedarf selber.

    einklappen einklappen
  • Amtsschimmel am 14.01.2019 08:06 Report Diesen Beitrag melden

    GA Misere

    Ich hatte einmal mein GA vergessen und musste es vorzeigen. Ich war dann um ca. 17:15 Uhr am Schalter und die sehr unfreundliche Dame meinte, ich solle morgen vor 17:00 Uhr nochmals kommen, es sei niemand mehr im Büro. Da meinte ich, dass ich sicher nicht eine halbe Stunde Minuszeit mache. Ausserdem arbeite ich in einer Klinik und wir haben bis 17:00 Uhr Rapport. Sie hat dann mürrisch eine Kopie gemacht. Dabei habe ich per e-Banking bezahlt, für jeden bei der SBB überprüfbar. So ein Theater für nichts. Eine Busse kam auch noch, die ich angefochten und nicht bezahlt habe.

  • Christoph Jeker am 14.01.2019 07:34 Report Diesen Beitrag melden

    Billetpreise zu hoch

    Zu rechtfertigen ist das Verhalten des Schwarzfahrers nicht. Aber die Billetkosten sind halt schon unverschämt teuer, hauptsächlich weil die SBB keinem Wettbewerb ausgesetzt sind, und nicht wirtschaftlich arbeiten.

    • Bahnfan am 14.01.2019 08:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Christoph Jeker

      Wenn die SBB wirtschaftlich arbeiten muss, ist vorbei mit dem heutigen öV. Dann fahren deutlich weniger Züge und Nebenstrecken werden Stillgelegt.

    • Spielverderber am 14.01.2019 20:02 Report Diesen Beitrag melden

      @Christoph Jeker

      Wenn ich ein Monatsbillett von St.Gallen (Neudorf) bis nach Uzwil löse (hin und zurück) und dafür 148.-CHF bezahle, macht das pro Tag gerade mal 4.90 Franken. Ich kann dafür Bahn und Bus benützen (unbeschränkt JEDEN Tag)! Wo das "unverschämt" teuer sein soll, ist mir ein Rätsel!

    einklappen einklappen