Unternehmer Thomas Willisch

20. Mai 2017 10:49; Akt: 20.05.2017 13:59 Print

«Ich telefoniere seit drei Jahren nicht mehr»

von B. Zanni - Unternehmer Thomas Willisch weigert sich konsequent gegen Gespräche am Telefon. Um sein Verhalten durchzuziehen, erfand er auch schon Notlügen.

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Im Media Use Index 2016 erreicht das Telefonieren bei den 14- bis 29-Jährigen nicht einmal mehr die Top 5 der Aktivitäten auf dem Smartphone. Beliebter sind Nachrichten schreiben, im Netz surfen und E-Mails schreiben. Gar ganz vom Telefonieren verabschiedet hat sich Thomas Willisch (31), Gründer der Plattform Homeofficeclub.ch.

Umfrage
Wie wichtig ist für Sie das Telefon?
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Insgesamt 2196 Teilnehmer

Herr Willisch, ich versuchte erfolglos, Sie zu einem telefonischen Gespräch zu überreden. Warum bringen keine zehn Pferde Sie dazu, zum Hörer zu greifen?
Ich telefoniere seit fast drei Jahren nicht mehr. Auch bin ich für niemanden telefonisch erreichbar. Nur sporadisch habe ich ab und zu Telefongespräche geführt – meist in Notfällen. Ich fühle mich seither weniger gestresst und glücklicher.

Was bewog Sie zu diesem radikalen Schritt?
Ich hatte einen stressigen Job im Verkauf. Ständige Anrufe lösten in mir Stress aus und ein Gefühl der Fremdkontrolle. Ich kündigte darauf und kam zum Schluss, dass die ständige Erreichbarkeit meine Lebensqualität am meisten beeinträchtigt. Mittlerweile widme ich mich dem Thema auch professionell. Mit meiner Plattform Homeofficeclub.ch unterstütze ich Menschen dabei, ihre Work-Life-Balance zu verbessern.

Haben Sie ein Telefon?
Das Guthaben auf meinem Prepaid-Handy beträgt momentan null Franken. Festnetz tönt in meinen Ohren nach Steinzeit. Ich habe kein Festnetztelefon mehr. Skype finde ich toll – vorher vereinbarte persönliche Videogespräche. Ich nehme mir bewusst Zeit für das Gegenüber. Aber grundsätzlich ziehe ich die schriftliche Form vor. Ich bin ein Whatsapp-Freak.

Dann tippen Sie ständig in die Tasten, statt am Hörer zu hängen?
Nein. Ich tauche oft stundenlang in den Flugmodus ab und beantworte dann die Nachrichten konzentriert und in aller Ruhe, wenn es mir passt.

Aber kann ein kurzer Anruf Dinge manchmal nicht vereinfachen?
Oft ist die schriftliche Mitteilung klärender als ein Gespräch. Man lernt, sich exakt und effizient auszudrücken. Auch muss ich nicht mehr Angst haben, nicht schlagfertig genug antworten zu können. Ich kann meine Worte genau abwägen. Nur dank meiner Unabhängigkeit vom Telefon kann ich zudem heute komplett ortsunabhängig arbeiten.

Wie reagieren Menschen, die Sie anrufen wollen?
Heute antworte ich selbstsicher, dass ich nicht telefonieren möchte und bitte um Verständnis. Wenn ich mein Verhalten etwas genauer erkläre, reagieren die Leute sehr interessiert. Meine Telefongespräche zu eliminieren, war aber nicht einfach.

Warum nicht?
Die Leute erwarten, dass man das Telefon abhebt. Ständige Erreichbarkeit ist in unserer Gesellschaft eine ungesunde Anforderung. Am Anfang wendete ich auch Notlügen an. Etwa gab ich an, mein Telefon sei kaputt. Einer Vermieterin sagte ich, mein Mikrofon am Telefon sei kaputt. Trotzdem hinterliess sie unzählige unbeantwortete Anrufe. Wegen Peanuts! Heute regeln wir problemlos alles im persönlichen Gespräch, wenn wir uns zufällig im Gebäude antreffen.

Haben Sie sich aber auch schon Nachteile eingestehen müssen?
Ja. Man verliert etwas an spontaner Schlagfertigkeit im mündlichen Gespräch und schottet sich vielleicht zu stark ab.

Wie war Ihr letztes Telefongespräch?
Es hat mich einmal mehr nur Zeit und Nerven gekostet. Natürlich griff ich nur zum Hörer, weil es sich um einen Notfall handelte. Ein Airbnb-Host in Madrid liess mich eine Stunde vor der Tür stehen, obwohl drinnen das Licht brannte. Das brockte ihm 15 Anrufe meinerseits ein und mir Wartezeiten in der Airbnb-Hotline. Geöffnet hat er trotzdem nicht, und ich musste spätnachts ein Hotel online buchen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Jroh am 20.05.2017 10:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Klarheit

    Bei Chat-Nachrichten ist die Chance, sich falsch zu verstehen, v.a. wenn es um geschäftliche Angelegenheiten geht, durchaus grösser als ein klärendes Gespräch.

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  • domi.b am 20.05.2017 11:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    unseriös

    Also nichts gegen ihn aber ich finde so ein verhalten total doof, wenn du nicht telefonieren willst such dir nen job bei dem du nicht telefonieren musst, aber da muss man dann wirklich arbeiten. ich als Kunde sehe das sehr unseriös wenn man lieber smschen schreibt anstatt zu klären. ev. waren ja auch die leute soooo böse am tel ... was wird aus unserer gesellschaft

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  • Dargebotene Hände am 20.05.2017 11:03 Report Diesen Beitrag melden

    Du meine Güte

    Ohne Telefon würden wir noch mehr mit E-Mails und SMS von unseren Kindern eingedeckt.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Patrick T. C. am 21.05.2017 18:16 Report Diesen Beitrag melden

    Aspie-Meinung

    "Du musst Zeit für mich haben, JETZT!" - das ist meiner Meinung nach die Quintessenz des Telefonierens. Es gibt, definitiv ausserhalb der Arbeitswelt, kein Recht auf sofortige Verfügbarkeit des anderen. Ich fühle mich durch Anrufe so gut wie immer belästigt. Etwa so, als würde jemand an der Türe Sturmläuten. E-Mails beantworten hingegen finde ich unproblematisch. Freundlich, höflich, geduldig. That's the way to go. :-)

  • Hildi am 21.05.2017 15:17 Report Diesen Beitrag melden

    Manchmal sofortige Zusagen/Entscheide

    ...gefragt, wie z.B. bei Zimmerbuchungen etc. Lustig, dass ER genau bei dieser im Trend liegenden, voll auf Internet ausgerichteten Platform gescheitert ist! :-))) Das ist nämlich genau der Grund, weshalb ich in gewissen Branchen schätze, wenn ein Telefon abgehoben wird, - ein Anruf möglich ist. Will ich kurfristig ein Zimmer buchen, will/kann ich nicht warten, bis ich endlich eine 100% sichere schriftliche Zusage kriege, während dann zwischenzeitlich auch andere Zimmer weg sind. Ich will anrufen, fragen, buchen, Ankunftszeit checken, fertig!

  • Stammi am 21.05.2017 11:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Taub sichere Leben

    I bin taub und verstehe nicht wieso Telefonieren so wichtig ist. I erledige e-Mail da kann i in Ruhe schreiben und Zeit nachzudenken. Gedult ist wichtig. Und ja Auto fahren mit telefonieren wie Notfall verhalten .

  • Anonym am 21.05.2017 10:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Einsam

    Mein Vater leert einmal am Tag den Briefkasten. Ansonsten muss man telefonieren. Extrem mühsam, diese Art von Kommunikation. Resultat: ich melde mich nie, da meine Arbeitszeiten so sind, dass ich Abends erst nach 23:00 nach Hause komme. Alles Spontane ist unmöglich, und vieles verpasst er. E-Mail will er auch nicht.

    • Verständnislos am 21.05.2017 12:29 Report Diesen Beitrag melden

      Stur

      @Anonym: ist zu hoffen, dass Ihre Kinder, wenn Sie dann mal welche haben, verständnisvoller mit älteren Menschen umgehen!

    • Hildi am 21.05.2017 15:05 Report Diesen Beitrag melden

      Flexibel

      Dann haben Sie ja vor der Spätschicht Zeit zum anrufen oder vielleixht kurz in der Pause, wenns wichtig ist

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  • Urs Meier am 21.05.2017 09:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    fax

    Ich hab schon seit 10 Jahren kein Fax mehr bekommen....