Eis go zieh mit... Roger Köppel

26. Dezember 2015 07:10; Akt: 26.12.2015 07:10 Print

«Ich war ein ganz normaler Mitläufer»

von J. Büchi - Roger Köppel ist der neue Superstar der SVP. Bei einem Schwarztee spricht er über seine Schulzeit, Drogen und seine Mission.

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Er ist nicht einfach einer von 246. Wenn Roger Köppel (SVP), bestgewählter Nationalrat seit 1919, im Parlament das Wort ergreift, wird der Saal unruhig. Gemurmel, Raunen, Unmutsbekundungen. Dabei ist das, was er da sagt, für seine Verhältnisse eigentlich ziemlich zahm. Warum einer, der seine Zähne schlecht putze, die Zahnarztrechnung selber bezahlen müsse, während die Spitalrechnung eines Komasäufers von der Allgemeinheit bezahlt werden solle, wollte er in der Wintersession von SP-Gesundheitsminister Alain Berset wissen.

Vielleicht war es der Zusatz «Wie wollen Sie das einem normalen Schweizer erklären, der nicht auf Ihrer intellektuellen Abstraktionsstufe zu denken imstande ist?», der gewisse Ratsmitglieder in Rage versetzte. Die Provokation schlug jedenfalls ein. «Es ist schon so, dass im linken Teil des Parlaments nicht unbedingt meine natürlichen Freunde sitzen», kommentiert Köppel die Szene im Gespräch mit 20 Minuten und freut sich sichtlich über die Untertreibung, die ihm gerade über die Lippen gekommen ist.

Standing Ovations für Widmer-Schlumpf

Dass er während der Abschiedsrede von Eveline Widmer-Schlumpf wie wild auf seine Computertastatur einhämmerte, stiess auch Mittepolitikern sauer auf. Von einer «groben Respektlosigkeit» war die Rede, sogar Rücktrittsforderungen wurden laut. «Das ist Unsinn. Ich habe ihr genau zugehört und die Rede gleich in meinen aktuellen Text für die Weltwoche eingebaut.» Wegen eines Stromausfalls in Zürich sei die redaktionelle Deadline vorverschoben worden. «Ausserdem blendete das Schweizer Fernsehen, um mir einen reinzubrennen, geflissentlich aus, dass ich der Bundesrätin gleich zweimal Standing Ovations spendete.»

Wir sitzen im Berner Restaurant Lorenzini, am Nebentisch tuscheln drei Männer aufgeregt. Köppel bestellt einen Schwarztee («mit heisser Milch, English Breakfast, bitte einfach keinen Earl Grey»). Die ersten drei Wochen im Parlament seien «interessant» gewesen, erzählt er. «Primär wurde mein Eindruck bestätigt, dass die Genialität der Schweiz in ihrer Langsamkeit besteht.» Er sei jedoch zuversichtlich, dass sich die Dinge grundsätzlich «in eine vernünftige Richtung» entwickelten. «Wenn eine Partei so klar gewinnt wie die SVP im Oktober, dann kommt das da oben schon irgendwie an.» Dies zeige sich bereits darin, dass die Wirtschaft neue Signale aussende, die Masseneinwanderungsinitiative notfalls auch ohne Zustimmung aus der EU umzusetzen.

Woher er seine Überzeugungen nimmt, diese Frage wurde Roger Köppel immer wieder gestellt. Auf einen neuen Versuch. Er wühlt tief in der Kiste der politischen Philosophie, spricht von Wert- und Regelsystemen, die die Gesellschaft zusammenhielten. Spielt auch die Religion eine Rolle? Ja, doch, er glaube an einen Gott. Allerdings nicht an einen, der belohnt oder bestraft. «Ich glaube, dass wir voraussetzungslos der göttlichen Gnade unterstehen, dass wir alle in den Himmel kommen.»

«Erfolgreich vom Mainstream emanzipiert»

Als «Weltwoche»-Chef vertritt Köppel das Credo, man müsse loben, wo andere kritisieren, und kritisieren, wo andere loben. «Wenn alle auf den kleinen, dicken Aussenseiter zeigen auf dem Pausenplatz, dann braucht der, der sich neben ihn stellt, etwas mehr Mut», sagte er einst in einem Interview. Auf die Frage, welche Rolle er als Kind auf den Schulhof innegehabt habe – Schläger, Opfer oder Beschützer –, antwortet er, manchmal sei er schon an die Kasse gekommen. «In der 2., 3. Klasse lag ich ab und zu am Boden.» Zuweilen habe er aber auch zu jenen gehört, die sich über andere lustig gemacht haben. «Ein ganz normaler Mitläufer halt, der nachher ein schlechtes Gewissen hatte.»

Köppel, der Mitläufer. Ein seltsamer Gedanke. Er lacht. «Ich schaue mit einer gewissen Genugtuung auf meinen persönlichen Reifeprozess. Im fortgeschrittenen Alter von fünfzig Jahren darf ich doch sagen, mich erfolgreich vom Mainstream emanzipiert zu haben.» Als Jugendlicher habe er wie seine Musiker-Freunde lange Haare gehabt, sodass alle gedacht hätten, er kiffe. «Dabei konnte ich nie recht rauchen, es gruuste mich.» Und der Spacecake, den er in Amsterdam einmal probiert habe, sei ihm auch nicht gut bekommen. Das wars dann mit der Drogenerfahrung. Grundsätzlich habe er stets grössten Respekt vor Rauschmitteln gehabt, auch vor Alkohol.

Dreifacher Familienvater

Köppel wuchs in Kloten und Bülach auf, im frühen Teenageralter verlor er kurz nacheinander den Vater und die Mutter. Als Vollwaise habe er früh gelernt, Eigenverantwortung zu übernehmen, sagt er rückblickend. «Wenn im Leben solche Bombeneinschläge passieren, geht man später weniger an die Grenzen.» Heute trinkt er höchstens hin und wieder einmal ein Glas Wein, Bier mag er nicht. Dafür steht fast täglich Sport auf dem Programm.

Mit seiner Frau Bich-Tien hat Köppel zwei Söhne und eine Tochter: Karl (5), Viktor (3) und Anna (1). Die Zeit mit ihnen sei schon rarer, seitdem er im Parlament sitze, räumt Köppel ein. «Das bedauere ich, ich hänge sehr an meiner Familie.» Er versuche nun, sich die Wochenenden etwas konsequenter von Arbeit frei zu halten, damit er mit den Kindern zum «Schliifschüele» gehen könne. Köppel ist grosser Eishockey-Fan, sass einst sogar im Verwaltungsrat der Kloten Flyers.

Schon als er seine politischen Ambitionen angemeldet hatte, betonte er in bester SVP-Tradition, der Entscheid sei mehr ein Müssen als ein Wollen. «Ich suchte keinen neuen Job und habe auch keine Midlife-Crisis», wiederholt er nun. Sobald die Probleme im Land gelöst seien, werde er sich wieder von der Politbühne verabschieden. Dass dies in absehbarer Zeit gelingen wird, bezweifelt er nicht. «Masseneinwanderung umsetzen, Unabhängigkeit wahren, EU-Beitritt verhindern – auch einen schleichenden», lautet seine Mission in dieser Legislatur. Nein, er will nicht einfach einer von 246 sein.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Monika am 26.12.2015 07:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ein brillanter Redner

    das Beispiel mit den Zahnarztkosten und dem Kommasäufer ist herrlich erfrischend. Herr Köppel hat die Fähigkeit mit klaren Worten zu formulieren was Sache ist. das gefällt mir.

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  • Morgan Stern am 26.12.2015 07:39 Report Diesen Beitrag melden

    RK! Endlich EINER, der....

    ...seinen Charakter und Rückgrad nicht, wie fast alle anderen, direkt nach der Wahl an der Bundeshausgarderobe abgegeben hat. Roger, go for Switzerland!

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  • Mägi. am 26.12.2015 07:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Es gibt noch eine Hoffnung

    Ich finde er ist ein guter Mann für unsere Politik er sagt was er denkt solche Menschen schätze ich es geht bei ihm nicht um alle Ecken herum solche müssten wir in Bern noch mer haben dann würden so Abstimmungen wie jetzt besser umgesetzt werden und schneller viele Leute denken eben auch so sonst hätte er nicht ein so gutes Resultat gehabt Bravo weiter so Herr Köppel

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Die neusten Leser-Kommentare

  • S. Mandrian am 28.12.2015 00:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Roger köppel contra svp

    Ich frage mich einfach! Wieviel SVP ist roger köppel??? Nach meiner einschätzung bringt er nur unruhe in die svp! Weiter so!!! Mir gefällts!

  • Teichhuhn am 27.12.2015 23:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Rettung

    Schnell mal die Schweiz retten und dann wieder abtauchen. Genau auf solche Superhelden haben wir gewartet. Es wird Jahre dauern solches Zeug wieder auszubügeln. Narzisten brauchen wir in der Regierung nicht. Wir brauchen Lösungen für die echten Probleme. Und das sind nicht schweizerische, sondern weltweite, liebe SVP.

  • koller röbi am 27.12.2015 15:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    röbi koller 2.0

    ok.rassitische frage gegen seine frau lasst ihr gelten...aber auf den punkt und denn mann nicht ?...das sagt ja wohl alles über 21min. denn solange braucht es um euch zu lesen...und den versuch zu verstehn

  • Reto Warst am 27.12.2015 15:30 Report Diesen Beitrag melden

    Flasch

    Ich frage mich ob seine Frau, Bich-Tien, eine richtige Eidgenossin ist.

  • Louis A. am 27.12.2015 13:29 Report Diesen Beitrag melden

    Es gibt auch solche mit eigenem Kopf!

    Ein Mitläufer ist er heute noch. Ob das so "ganz normal" ist?